Formel 1: "Gut gemeint, schlecht gemacht"

Die Formel 1 fährt beim Großen Preis von Australien (So., 7 Uhr im LIVETICKER ) erstmals mit dem neuen Reglement. Breitere, schnellere Autos mit fragwürdigem Look könnten zu weniger Überholmanövern und Prozessionsfahrten führen. Für den einen ist's ein No-go, der andere jubelt. Die SPOX -Formel-1-Redakteure Alexander Maack und Dominik Geißler begründen, warum sie die F1 2017 gut oder schlecht finden.

Die Formel 1 fährt beim Großen Preis von Australien (So., 7 Uhr im LIVETICKER) erstmals mit dem neuen Reglement. Breitere, schnellere Autos mit fragwürdigem Look könnten zu weniger Überholmanövern und Prozessionsfahrten führen. Für den einen ist's ein No-go, der andere jubelt. Die SPOX-Formel-1-Redakteure Alexander Maack und Dominik Geißler begründen, warum sie die F1 2017 gut oder schlecht finden.

Seite 1: Das neue Reglement ist ein Flop

Dominik Geißler: Das neue Reglement ist ein Flop!

Die größte Regeländerung für 2017 betrifft das Design der neuen Formel-1-Boliden. Alle waren gespannt, wie die neuen Wagen aussehen würden? Breiter! Bulliger! Kurzum: einfach geiler!

So zumindest der Plan. So die Hoffnung. Was daraus geworden ist, offenbarte Sauber im Februar als erstes Team. Williams, Renault, Ferrari und Co. legten in den Folgetagen nach. Statt Staunen und Begeisterung trat beim Fan des aggressiv-klassischen Designs bisweilen Enttäuschung ein.

Die Frontpartien sind in Form und Ausführung ähnlich verschnörkelt wie in den Vorjahren - und damit nicht gerade schön. Wer will schließlich schon die Dreizacknase des Force India oder ein Nasenloch wie im Red-Bull-Flügel sehen? Auch die hintere Hälfte der Autos überzeugt nicht. Die Heckflügel sehen zwar tatsächlich brachialer aus, werden aber von diesem kantigen Stück Karbon hinter der Airbox - liebevoll Haiflosse genannt - optisch zerstört. Besonders in der Seitenansicht kein schöner Anblick.

Die Schuld trifft dabei nicht die Ingenieure. Die versuchen nur, das Schnellste aus den Vorgaben herauszuholen. Einen Schönheitspreis wollen sie nicht gewinnen. Die Verantwortung liegt bei der FIA, die durch klarere Regeln etwaige Design-Auswüchse hätte verhindern können. Nein, müssen.

Perlenketten statt Überholmanöver

Neben dem Wunsch nach einem aggressiveren Look wollte die Formel 1 auch in ihrer Leistungsfähigkeit wieder zur Königsklasse des Motorsports werden. Klar, die neuen Autos sind mehrere Sekunden schneller pro Runde. Doch sieht ein Zuschauer wirklich, ob Sebastian Vettel den Circuit de Spa-Francorchamps in 1:43 Minuten umrundet oder doch 1:47 Minuten braucht? Wohl eher nicht.

Die dazugewonnene Geschwindigkeit wird dabei nach wie vor zu einem großen Teil über die Aerodynamik generiert. Je mehr Abtrieb und je höher die Kurvengeschwindigkeiten, desto schwieriger ist es, dem Vordermann zu folgen. Überholmanöver sind dann schwieriger. "Die Krux ist, dass du bei mehr Downforce auch eher von den Luftverwirblungen des Vorderwagens beeinträchtigt wirst", merkte auch Williams' abgelöster Technikchef Pat Symonds an. Statt Action wird in vielen Rennen Langeweile angesagt sein.

Apropos Langeweile: Die herrschte in den letzten Jahren doch eigentlich nur an der Spitze. Weil klar war, dass ein Mercedes gewinnen würde. Jetzt das Reglement zu ändern, birgt für die Verfolger um Ferrari und Red Bull zwar die große Chance, die Lücke zu schließen. Doch kommt dem Motor 2017 eine noch größere Bedeutung zu und wer hier Branchenprimus ist? Müßig zu erwähnen.

Die Geschichte hat zudem gezeigt, dass sich ein Feld, je länger an den Regeln festgehalten wurde, immer weiter angenähert hat. Das Jahr 2017 wäre die Chance der Mercedes-Konkurrenz gewesen. Die Testfahrten machten zwar Hoffnung auf eine Wachablösung, doch dass Mercedes wirklich schon alle Karten auf den Tisch gelegt hat, ist zu bezweifeln. Der Freitag in Australien unterstreicht diese Vermutung.

Kein Platz für Strategie

Nächstes Kapitel: Reifen. Vor allem die dicken Hinterreifen sehen zugegebenermaßen fantastisch aus. Allerdings war Pirelli angehalten, langlebige Gummis zu produzieren - und die sorgen naturgemäß für wenige Boxenstopps. "Der Soft schafft hier locker 80 Runden", sagte Pirelli-Boss Paul Hembery am Rande der Testfahrten in Barcelona. Ein-Stopp-Rennen sind damit wieder an der Tagesordnung, taktische Spielereien und strategische Clous hingegen ausgestorben. Schade.

Beim sportlichen Reglement lockert die FIA die Strafverfolgung der Piloten. Konkret heißt es nun: "Wenn es für die Stewards nicht klar ist, dass ein Fahrer einen Zwischenfall komplett oder überwiegend verursacht hat, gibt es keine Strafe." Wann genau ein Vergehen als komplett oder überwiegend verschuldet gilt, wird hier nicht klar. Die Entscheidungen für einen eigentlich gleichen Zwischenfall könnten also nach wie vor von Rennen zu Rennen differieren. Zweifelhaft, ob der durchaus sinnvolle Versuch der FIA damit seinen Zweck erfüllt.

Seite 2: Weniger Überholmanöver? Top!

Alexander Maack: Weniger Überholmanöver? Top!

Die wichtigste Feststellung zu Beginn: Die Formel 1 hat die schlimmste Zuschauerschaft, die es gibt - zumindest in Deutschland.

Sobald etwas neu ist, muss es automatisch abgelehnt werden. Irgendein negativer Aspekt lässt sich immer finden, um die Sportart schlecht zu reden.

Die neuen Autos? Eigentlich gut, weil die letzten unschön waren. Aber diese Flossen...

Kleine Flügel hinter oder auf der Airbox, die eine Reglementlücke effektiv ausnutzen? Abzulehnen.

An den Reglementänderungen führte nach den letzten Jahren kein Weg vorbei. Die Formel 1 hat sich die größte Mühe gegeben, ihr eigenes Image zu zerstören. Immer wieder kritisierten Fahrer, Teamchefs, Besitzer und allen voran Bernie Ecclestone das eigene Produkt. So sehr, dass Fans und Medien einstimmten. Dabei war gar nicht alles schlecht. Im Gegensatz zu den glorreichen Ferrari-Zeiten in den 2000er Jahren kämpften etwa mehrere Fahrer um Siege.

Die Fahrer haben endlich wieder Spaß

Das technische Reglement der Saison 2017 ist ein Neustart. Eine neue Chance, es besser zu machen.

Sämtliche Piloten äußerten sich nach den Testfahrten begeistert über die Autos. Die höheren Fliehkräfte fordern sie nach Jahren des kontrollierten Fahrens wieder. Sie werden gestaucht, gedrückt, an ihre Grenzen gebracht.

Der Vergleich der Onboard-Aufnahmen aus dem Vorjahr mit den Winter-Tests in Barcelona verdeutlicht eindrucksvoll, wie viel schneller die Autos sind, die im Jahr 2017 sämtliche Rekorde brechen werden.

Wie die Ingenieure das neue Reglement genutzt haben, ist atemberaubend. Ferraris Leitbleche vor den Seitenkästen, Red Bulls Nasenkonstruktion, Mercedes' Diffusor und die Vorderradaufhängung der Silberpfeile und von Toro Rosso... Frühe Kunstwerke, denn die Weiterentwicklung startet gerade erst!

Weniger Überholmanöver sind gut

Ob die Anzahl der Überholmanöver dadurch sinkt? Unwahrscheinlich, schließlich ist der Frontflügel mit seinen unzähligen Teilen Schuld an den Luftverwirbelungen.

Trotzdem wäre es gut, wenn weniger überholt würde. 1000 Überholmanöver gab es in der Saison 2016 - Positionswechsel in der ersten Runde rausgerechnet.

Im Durchschnitt waren es 47 pro Rennen. Das wäre akzeptabel. Doch die schnell abbauenden Reifenmischungen führten zu Chaos. Beim China-GP gab es 130 Überholmanöver auf der Strecke. Es war unmöglich, während des Rennens wirklich zu verstehen, wer wo gegen wen fuhr.

Gibt es weniger Boxenstopps und Positionswechsel, fällt es jedem Zuschauer leichter das Rennen zu verfolgen. Mehr noch: Ein Überholmanöver ist wieder etwas wert, wenn die Piloten sich verteidigen können, statt kampflos zurückstecken zu müssen.

Es gibt nichts Negatives

Die Fahrer sind neben den gestiegenen G-Kräften in den Kurven auch sonst mehr gefordert. Ein Auto, das am Limit bewegt wird, ist schwerer zu kontrollieren. Die breiteren Reifen haben mehr Auflagefläche und bieten mehr Grip. Treibt es ein Pilot aber zu weit und überschreitet er durch zu hohe Kurvengeschwindigkeit die Haftgrenze, verliert er komplett die Kontrolle und dreht sich.

Fehler werden auch am Start bestraft: Die Ingenieure konnten bisher bis ins kleinste Detail steuern, wie die Kraft auf den Asphalt gebracht wird. Ab dem Saisonauftakt in Melbourne gibt es nur noch eine lineare Kurve im Programm. Der Fahrer muss mit dem Finger an der Kupplung selbst dafür sorgen, dass seine Räder nicht durchdrehen.

Der Fahrer gefordert und begeistert, die Autos schneller und spektakulärer, dazu mehr echte Überholmanöver - die Voraussetzungen bergen keine negativen Aspekte. Die Formel-1-Saison 2017 könnte dank des neuen Reglements der Beginn einer besseren Zukunft sein.

Bei diesen Aussichten wäre es sogar akzeptabel, wenn ein Team in der ersten Saison des Reglements einen kleinen Vorsprung auf die Konkurrenz hat.

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