Formel-1-Technik: Das WM-Duell 1976 zwischen Ferrari und McLaren

Giorgio Piola
motorsport.com

Gerade mal ein Punkt trennt Niki Lauda und James Hunt am Jahresende, und McLaren-Fahrer Hunt gewinnt den Titel unter dramatischen Umständen. Das ist die große Story der Formel-1-Saison 1976, natürlich neben dem Feuerunfall von Lauda und dessen Comeback im Cockpit nur wenige Wochen später. Das Duell Ferrari vs. McLaren aber wird dabei oft übersehen.

Denn das italienische Team und der britische Rennstall führten ihren Zweikampf sowohl auf als auch abseits der Strecke - und versuchten vor allem technisch, sich den entscheidenden Vorteil zu verschaffen. Das zeigt das Beispiel des Spanien-Grand-Prix 1976, den Hunt im McLaren M23 gewann, den Sieg nachträglich verlor und schließlich doch zurückerhielt. Hier ist die Geschichte dieser Kontroverse.

Vorneweg: McLaren stolperte in Spanien gleich über zwei Regeln, nämlich einerseits über die neue Breite des Fahrzeugs und andererseits über die Positionierung der Ölkühler und deren Leitungen.

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McLaren M23 beim Frankreich-GP

McLaren M23 beim Frankreich-GP <span class="copyright">Giorgio Piola</span>
McLaren M23 beim Frankreich-GP Giorgio Piola

Giorgio Piola

Die Fahrzeugbreite war vor dem Spanien-Grand-Prix 1976 in Jarama neu festgeschrieben worden, basierend auf dem McLaren M23, dem damals breitesten Rennauto im Feld. Der M23 hatte 1975 eine Breite von 2,15 Metern aufgewiesen, was als Maximalwert ins Reglement aufgenommen wurde. Und prompt fiel McLaren durch die technische Nachkontrolle.

Wie das geschehen konnte? Das Team hatte seinen M23 in Spanien nicht neu vermessen, weil sich das Fahrzeug in der Breite überhaupt nicht verändert hatte. Der M23 der Saison 1975 entsprach in dieser Hinsicht 1:1 dem Vorjahresauto.

Was McLaren aber nicht bedacht hatte: Reifenlieferant Goodyear hatte zur Saison 1976 seine Philosophie verändert und setzte nun statt auf eine Diagonalkarkasse auf eine Radialkarkasse. Damit verloren die Reifen ihre flache Seitenwand und erhielten stattdessen eine gewölbte Flanke.

In Zahlen ausgedrückt: Die neuen Goodyear-Reifen waren etwas breiter als die Vorgängermodelle und sorgten dafür, dass sich der McLaren M23 mit insgesamt 2,168 Metern knapp außerhalb der Toleranz befand.

Und dann war da noch der veränderte Einbau der Ölkühler und deren Zuleitungen im hinteren Teil des Seitenkastens: McLaren schnitt deshalb eine zusätzliche Öffnung in die Außenhaut des Fahrzeugs, damit die Systeme mehr frische Kühlluft erhielten (rechtes Bild).

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Motorsport.com

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Das Konzept schien aufzugehen, allerdings entsprach die Umsetzung nicht dem Geist des Reglements, wie Kühler und Leitungen im Auto untergebracht werden sollten. Also ruderte McLaren zurück und installierte für die folgenden drei Rennen eine konventionelle Lösung.

Darunter litt jedoch die Fahrbarkeit des Autos und Hunt beschwerte sich regelmäßig über das Verhalten seines M23 auf der Strecke. Erst beim achten Saisonrennen in Le Castellet hatte McLaren das Problem kuriert – und Hunt gewann auf Anhieb und brachte sich zurück in den Titelkampf.

Was ihm dabei ebenfalls zugute kam: Der Automobil-Weltverband verhandelte die Berufung von McLaren zum Spanien-Grand-Prix und gab dem Einspruch statt, sodass Hunt wieder zum Jarama-Sieger erkoren wurde. Auch das gab dem Briten frischen Aufwind.

Kurz darauf fuhr die Formel 1 auf der Nürburgring-Nordschleife und die Saison 1976 erhielt durch den Lauda-Unfall eine ganz neue Dynamik. Schon in Spanien hatten indes die Rennautos einen ganz neuen Look erhalten: Per Reglement wurden die markanten, hohen Airboxen verboten.

Unsere Fotostrecke zeigt, wie sich die Airboxen der Spitzenautos McLaren M23 und Ferrari 312T im Saisonverlauf verändert haben und wie rustikal die Teams teilweise ihre Autos bearbeiten ließen.

McLaren M23

McLaren M23 <span class="copyright">Sutton Images</span>
McLaren M23 Sutton Images

Sutton Images

Der McLaren M23 von James Hunt mit der hohen Airbox, die in den ersten drei Saisonrennen verwendet wurde.

McLaren M23

McLaren M23 <span class="copyright">Sutton Images</span>
McLaren M23 Sutton Images

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Vor allem in der Vorderansicht wird deutlich, wie hoch diese Lufteinlässe wirklich waren.

Ferrari 312T

Ferrari 312T <span class="copyright">David Phipps</span>
Ferrari 312T David Phipps

David Phipps

Auch der Ferrari 312T begann die Saison 1976 mit einer hohen Airbox. Der Vorteil dieser Bauweise: So strömte viel frische Luft direkt zum Motor.

McLaren M23

McLaren M23 <span class="copyright">David Phipps</span>
McLaren M23 David Phipps

David Phipps

Zum Spanien-Grand-Prix 1976, dem vierten Saisonrennen, griffen neue Regeln: McLaren teilte seine Airbox in zwei Öffnungen seitlich des Fahrerhelms auf, beide in L-Form gehalten.

Ferrari 312T2 vs. McLaren M23

Ferrari 312T2 vs. McLaren M23 <span class="copyright">Rainer W. Schlegelmilch</span>
Ferrari 312T2 vs. McLaren M23 Rainer W. Schlegelmilch

Rainer W. Schlegelmilch

Lauda vor Hunt zu Beginn des Spanien-Grand-Prix in Jarama. Auch Ferrari hatte umgebaut und seine Luftöffnungen in die Frontpartie des Autos integriert. Sie sind am Cockpitansatz erkennbar.

McLaren M23B

McLaren M23B <span class="copyright">Giorgio Piola</span>
McLaren M23B Giorgio Piola

Giorgio Piola

Die Detailzeichnung des McLaren M23B zeigt die diversen Kühlöffnungen am Fahrzeug.

Ferrari 312T

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Ferrari 312T Giorgio Piola

Giorgio Piola

Der Ferrari 312T als Zeichnung im Zustand von vor dem Spanien-Grand-Prix.

Ferrari 312T2

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Ferrari 312T2 Giorgio Piola

Giorgio Piola

Hier ist der Ferrari 312T2 zu sehen und wie das Team auf die Regeländerungen reagierte. Am offensichtlichsten ist: Die hohe Airbox fehlt.

McLaren sägt

McLaren sägt <span class="copyright">Sutton Images</span>
McLaren sägt Sutton Images

Sutton Images

Was man nicht alles tut für die Regeleinhaltung: Hier sägt ein McLaren-Mitarbeiter ein überstehendes Metallteil am Heckflügel ab!

Ein Experiment

Ein Experiment <span class="copyright">LAT Images</span>
Ein Experiment LAT Images

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Innovation ist König: In Monte Carlo versuchte sich McLaren mit tiefen, zusätzlichen Flügeln am Heck des M23. Es blieb allerdings beim Versuch, die Idee setzte sich nicht durch.

 

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