Funkspionage in der Formel 1: Wie sich die Teams gegenseitig abhören

Maria Reyer
motorsport.com

Seit der Spionage-Affäre 2007 ist die Formel 1 für jegliche Art des Ausforschens und Abhörens sensibilisiert. Dennoch wird die Konkurrenz auf Schritt und Tritt beobachtet. Dank des Verbots der Stellwände wird den Teams ihre Arbeit bei den Testfahrten 2020 sogar erleichtert. Während der Rennen ist vor allem der Boxenfunk der Kontrahenten von großem Interesse.

"Wir haben in der Fabrik einen Einsatzraum", erklärt Graham Watson auf die Funkspionage in der Formel 1 von 'Motorsport-Total.com' angesprochen. Der Neuseeländer ist seit seinem Formel-1-Eintritt 1996 bei verschiedenen Rennställen, unter anderem Benetton und Brawn, engagiert gewesen. Seit 2014 ist er für das Red-Bull-Schwesterteam Toro Rosso als Teammanager tätig.

In seiner Funktion kennt er alle Abläufe im Team - auch wie man den Feind am besten abhört. "Wir haben noch Leute an der Rennstrecke stationiert, die sich alle Funkkanäle anhören." Insgesamt zwölf Mitarbeiter seien nur für diese Aufgabe an einem Rennwochenende abgestellt.

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"Wenn du etwas hörst, hast du Glück gehabt"

Wie läuft die "Spionage" ab? "Normalerweise teilen wir jeder Person zwei oder drei Teams zu, damit sie dann auf die Schlüsselwörter achten kann. Denn natürlich gibt es auch viel irrelevante Kommunikation. Daher hören sie nur auf die Schlüsselwörter und arbeiten damit weiter."

Und das ganz legal: Denn die Teams hören sich alle den offiziellen Feed des Formel-1-Managements an. "Alle Teams haben die Möglichkeit, bei allen anderen Teams zuzuhören." Allerdings ist das nur an den Rennwochenenden der Fall, bei den Wintertests in Barcelona wird es diese Möglichkeit nicht geben.

Wenig überraschend ist vor allem die Strategie der anderen Teams für Toro Rosso interessant. "Im Rennen selbst willst du natürlich hören, ob sie an die Box kommen oder ob sie ein Problem am Auto haben. Ob sie die Reifen oder Bremsen schonen oder Sprit sparen", erklärt Watson.

Im Grunde gehe es dabei darum, einen Überblick zu bekommen, was die Konkurrenz treibt. Dabei ist die direkte Konkurrenz deutlich wichtiger als die Topteams an der Spitze. "Man kann sich vorstellen, dass wir uns eher auf jenes Team fokussieren, gegen das wir im direkten Duell antreten."

Was Mercedes in Führung mache, tangiere Toro Rosso im Normalfall nicht. "Aber vielleicht was Racing Point, Haas oder Renault machen." In der Vergangenheit wurden noch ganz andere Methoden angewandt, erinnert sich der 52-Jährige. Da konnte es schon vorkommen, dass sich ein Team direkt in den Funk eines Konkurrenten einklinkte.

Das sei heutzutage aber nicht mehr möglich, denn der Teamfunk sei verschlüsselt. "Dafür verwenden wir ein digitales System, jedes Team hat seinen eigenen verschlüsselten Funk. Daher sollte man ohne die offiziellen Kanäle auch nichts wirklich mithören können. Wenn, dann hast du Glück gehabt, aber das verfolgen wir nicht aktiv."

In den 1990er-Jahren wurde viel getrickst

Obwohl Watson zugeben muss, dass es "absolut" hilfreich wäre, den gesamten Boxenfunk eines Teams unzensiert hören zu können - besonders zu Saisonbeginn, wenn sich das Kräfteverhältnis noch nicht eindeutig herauskristallisiert hat. "Das würde besonders helfen, weil bei einer schnellen Runde ist es immer schwierig zu sagen, mit wie viel Sprit gefahren wurde."

Übrigens: Erstmals kam ein Funk bei Toleman im Jahre 1983 probeweise zum Einsatz. Mit Johnny Cecotto am Steuer testeten die Briten die neue Technik aber zunächst nicht auf der Rennstrecke, sondern bei einem Showevent in Goodwood. Später, in den 1990er-Jahren, wurde über den Funk dann tatsächlich Spionage betrieben, erinnert sich Watson.

"Ja, ja! Hundertprozentig! Die Leute haben versucht, in andere Kanäle reinzukommen und bei anderen Teams mitzuhören. Ja, das ist passiert", kann der Toro-Rosso-Teammanager heute darüber lachen.

Mit Bildmaterial von Motorsport Images.

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