Für den privaten Gebrauch: In Russland horten Reiche anscheinend Beatmungsgeräte

Johannes GieslerFreier Autor
Yahoo Nachrichten Deutschland

Weil sie sich nicht in staatlichen Kliniken behandeln lassen wollen, kaufen Oligarchen in Russland medizinische Geräte für den privaten Gebrauch. Das könnte eine massenhafte Versorgung von Coronavirus-Patienten und -Patientinnen in naher Zukunft schwierig machen.

Die Krankheit des Coronavirus Covid-19 kann schwere Lungenschäden verursachen. Deshalb versuchen viele Länder derzeit Beatmungsgeräte zu organisieren. Foto: Symbolbild / gettyimages / sudok1
Die Krankheit des Coronavirus Covid-19 kann schwere Lungenschäden verursachen. Deshalb versuchen viele Länder derzeit Beatmungsgeräte zu organisieren. Foto: Symbolbild / gettyimages / sudok1

Zusammenhalt in der Krise: Angela Merkel sagte in ihrer vielbeachteten Fernseh-Ansprache, dass es während der Coronavirus-Pandemie „ohne Ausnahme auf jeden Einzelnen und damit auf uns alle“ ankomme. Sie appellierte zudem an das Gemeinschaftsgefühl, als sie sagte: „Hamstern, als werde es nie wieder etwas geben, ist sinnlos und letztlich vollkommen unsolidarisch.“ Das Credo: Nur zusammen, es benötigt das Mitziehen aller, lässt sich die Krise bewältigen.

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Und sei es durch Daheimbleiben, also durch „räumliche Distanzierung“. Damit niemand das Virus unbedacht weitergibt, eine exponentielle Ausbreitung verhindert und das Gesundheitssystem entlastet werden kann. Während es Strukturen, Beatmungsgeräte etwa, und Personal aufbauen kann, um mit wachsenden Patienten- und Patientinnenzahlen zurechtzukommen.

Über 20.000 kostet ein Beatmungsgerät

Anders gehen laut Stern, der sich auf investigative Recherchen der Moscow Times bezieht, derzeit die „Reichen des Landes“ in Russland mit der Coronavirus-Pandemie um. Sie glauben demnach nicht, dass die bislang kleine Zahl von 444 Infektionen (Johns-Hopkins-Universität, Stand: 24.03.2020) auf einen milden Verlauf in Russland schließen lässt. Deshalb bauen Oligarchen „regelrechte private Kliniken“ auf ihren Anwesen auf, um eine private Behandlung für den Fall einer Ansteckung sicherzustellen, heißt es.

In Gesprächen mit Vertretern und Vertreterinnen russischer Unternehmen, die Beatmungsgeräte verkaufen, kam heraus: Rund 30 Prozent des Umsatzes in den vergangenen beiden Wochen erzielten sie durch Verkäufe an Privatpersonen.

Ein anonymer „wohlhabender Gesprächspartner“ sagte: „Viele meiner Freunde versuchen, Beatmungsgeräte zu bekommen. Sobald eins verfügbar ist, wird es gekauft.“ Auch eine Familie, sie hat bereits ein Beatmungsgerät gekauft, lässt sich anonym zitieren: „Wir konnten bislang eins ergattern und versuchen gerade zwei weitere zu kaufen.“ Ein Gerät koste rund 1,8 Millionen Rubel, umgerechnet knapp 21.000 Euro.

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Wer darf leben und wer muss sterben?

Das könnte, so schreibt die Moscow Times, im Kampf gegen das Coronavirus und für eine Gleich-Behandlung aller Menschen verheerende Folgen in Russland haben: Wenn Beatmungsgeräte, die bald unerlässlich würden, stattdessen in privatem Besitz seien. Italien beispielsweise habe viel zu wenig Beatmungsgeräte, um alle zu versorgen. Dort müsse deshalb entschieden werden, wer leben dürfe und wer sterben müsse.

Aber nicht nur medizinisches Equipment kaufen die Reichen ein – in Russland dürfen nur staatliche Krankenhäuser mit dem Coronavirus-Infizierte aufnehmen – auch Ärzte und Ärztinnen werden wohl für exklusive Behandlungen engagiert.

Die Hölle, die sie selbst mitgeschaffen haben

Einer der anonymen Gesprächspartner sagt der Moscow Times, ein Arzt habe ihm bereits beim korrekten Aufbau seines Beatmungsgerätes geholfen und sei jetzt auf Abruf, für den Fall einer Infektion: „Einer meiner Freunde ist aus Frankreich zurückgekehrt und liegt jetzt hier in einem staatlichen Krankenhaus. Das muss ich vermeiden. Deshalb decken wir uns mit Lebensmitteln ein und bleiben in unseren Häusern außerhalb der Stadt.“

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Der Kardiologe Yaroslav Ashikhmin, er leitet die medizinische Abteilung der Skolkovo Stiftung, einer gemeinnützigen Forschungseinrichtung, sagt dazu: „Unsere Oligarchen haben nie in unsere Krankenhäuser investiert. Sie dachten, sie würden dort nie behandelt werden. Jetzt könnten sie bald die Hölle erleben, die sie selbst mit geschaffen haben, weil sie weder in ausländischen noch in unseren Privat-Kliniken aufgenommen und behandelt werden.“

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