Fußball-Bundesliga - Im Würgegriff des VAR

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Die Bundesliga haderte auch 2019 stetig mit dem Videoschiedsrichter. Aktuelle Beispiele zeigen, wie schwer die Umsetzung der Technik in der Praxis ist. Besserung ist nur bedingt in Sicht.

Bibiana "Bibi" Steinhaus, 40, Germany's first female referee in its first soccer division Bundesliga, points at reference lines on a screen to call an offside during a media workshop at the German Football League (DFL) video assistant referee (VAR) centre in Cologne, Germany, August 5, 2019. REUTERS/Wolfgang Rattay
Bibiana "Bibi" Steinhaus, 40, Germany's first female referee in its first soccer division Bundesliga, points at reference lines on a screen to call an offside during a media workshop at the German Football League (DFL) video assistant referee (VAR) centre in Cologne, Germany, August 5, 2019. REUTERS/Wolfgang Rattay

Es lief die Nachspielzeit am 14. Spieltag der Fußball-Bundesliga, als im Bremer Weserstadion das ganze Dilemma rund um den „Video Assistent Referee“, kurz VAR, (mal wieder) voll durchschlug. Werder und Paderborn hatten sich bis dahin in einem schrecklichen Fußballspiel einen Abnutzungskampf geliefert, an dessen Ende gerechterweise ein 0:0 hätten stehen müssen.

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Wie aus dem Nichts traf Paderborns eingewechselte Stürmer Sven Michel dann aber doch noch ins Tor. Aber war der Treffer regulär? Fast alle im Stadion inklusive beider Trainer und des Torschützen selbst hätten ihrem ersten Eindruck zufolge auf Abseits entschieden. Selbst Schiedsrichter Sascha Stegemann war sich sicher und entschied zunächst auf Freistoß Werder. 

Es folgte eine Szene, die mittlerweile nicht nur mehr Fans gehörig auf den Zeiger geht. Der Schiedsrichter wurde vom Videoschiedsrichter per Funkverbindung darauf aufmerksam gemacht, dass die Szene überprüfenswert sei. Sie wissen schon: die eine Hand am Ohr, die andere hält meckernde Spieler auf Abstand … es folgten mehr als zwei nervtötende Minuten, während der sich Tobias Reichel im berühmt-berüchtigten Kölner Keller die alles entscheidende Szene anschaute und dann schließlich sein Signal gab: alles korrekt, Treffer zählt, 1:0 für Paderborn.

Auf dem Platz spielten sich daraufhin – gewissermaßen auf Knopfdruck – bizarre Szenen ab: Die Gästespieler liefen jubelnd auf die Gästekurve zu, während sich die Bremer Akteure entgeistert anschauten und erst mit weiterer Zeitverzögerung realisierten, was hier gerade vorgefallen war. 

Soccer Football - Bundesliga - Borussia Dortmund v Werder Bremen - Signal Iduna Park, Dortmund, Germany - December 15, 2018 Borussia Dortmund's Mario Goetze remonstrates with referee Guido Winkmann after his goal was disallowed by VAR REUTERS/Leon Kuegeler DFL regulations prohibit any use of photographs as image sequences and/or quasi-video
Soccer Football - Bundesliga - Borussia Dortmund v Werder Bremen - Signal Iduna Park, Dortmund, Germany - December 15, 2018 Borussia Dortmund's Mario Goetze remonstrates with referee Guido Winkmann after his goal was disallowed by VAR REUTERS/Leon Kuegeler DFL regulations prohibit any use of photographs as image sequences and/or quasi-video

Macht der Videobeweis den Fußball wirklich gerechter?

Nur damit wir uns richtig verstehen. Der VAR ist eingeführt worden, um den Fußball gerechter zu machen. Paderborn hat dieses Spiel auch deshalb gewonnen (und damit möglicherweise entscheidende drei Punkte gesammelt, die am Ende über den Abstieg des Clubs entscheiden könnten), weil ein Bremer Spieler das Abseits um eine Nasenspitze aufgehoben hat.

Das ist gerecht, es folgt der Regel. Das Problem mit dem VAR ist vielmehr, dass der Fußball als Stadionerlebnis mehr oder weniger gestorben ist. Selbst die siegreichen Paderborner, unmittelbar profitierend von der Entscheidung des Kölner Kellers, fanden im Anschluss an die Partie kritische Worte. 

„Wenn man die Entstehung des Tores sieht, wenn man fast vier Minuten auf dem Platz steht, bis eine Entscheidung fällt, dann ist es irgendwann vorbei mit der Freude", sagte SC-Trainer Steffen Baumgart. Sportchef Martin Przondziono ist grundsätzlich ein Befürworter der technischen Unterstützung.

Aber auch er sagte: "Ich hatte gar nicht mehr damit gerechnet, dass das ein Tor ist. Der Videobeweis hat sein Gutes. Die Handhabung ist aber schwer." Wobei das Wort „schwer“ in diesem Zusammenhang eher freundlich ausgedruckt ist.

Zweieinhalb Jahre - kein Spieltag ohne Ärger

Seit zweieinhalb Jahren gibt es den VAR jetzt in der Bundesliga – und kein einziger Spieltag ist seitdem ohne Ärger über die Bühne gegangen. Die Diskussionen sind dabei immer die gleichen: die Auslegung des Begriffs „Fehlentscheidung“, die Grauzonen bei Fouls und Handspielen, die mangelnde Transparenz für die Zuschauer, die teils elend langen Pausen im Spiel – und, natürlich, die Sinnhaftigkeit der sogenannten kalibrierten Abseitslinie(n). All das treibt Aktive, Fans, Berichterstatter und ja, auch immer wieder die Schiedsrichter selbst in schöner Regelmäßigkeit in den Wahnsinn.

Aktuell besonders betroffen - und somit gewissermaßen im Fadenkreuz des VAR - ist der VfB Stuttgart und im Speziellen Mario Gomez. Dem ehemaligen Nationalstürmer wurden innerhalb von sechs Tagen in den Partien des 15. und 16. Spieltags gegen Sandhausen und Nürnberg gleich vier Treffer wegen angeblicher Abseitsstellungen aberkannt.

Gomez übte nach der 1:2-Pleite des VfB in Sandhausen scharfe Kritik am VAR: „Ich war schon ein Freund davon, weil ich dachte, es wird gerecht. Aber für uns Stürmer ist es eine Katastrophe", so Gomez, der am Sky-Mikro noch ergänzte: „Das System wie es ist, ist einfach scheiße.“

Mario Gomez und der Videobeweis - Never ending Lovestory

Jedes Mal habe ihm der Schiedsrichter auf dem Platz gesagt, es seien nur wenige Zentimeter seines Körpers im Abseits gewesen. Er stellte infrage, ob so knappe Entscheidungen mit den vorhandenen Kameras und insbesondere in kleinen Stadien wie dem in Sandhausen wirklich zweifelsfrei getroffen werden könnten. Immerhin behielt die Social-Media-Abteilung der Stuttgarter nach den VAR-Entscheidungen gegen den Stürmer ihren Humor und verpasste dem Ex-Bayern-Angreifer den Spitznamen: VARio Gomez.

Aber wie geht es nun weiter mit dem VAR, den nicht nur Fußball-Romantiker als Totengräber des Fußballs bezeichnen? Gerade hat die Uefa entschieden, den Einsatz des VAR auf die WM-Qualifikation 2022 sowie auf die EM-Playoffs im kommenden Jahr auszuweiten. So weit, so schelcht.

“Das Spiel verändert sich. Wir haben Angst, dass es sich zu sehr verändert”

Ein bisschen Einsicht gibt es aber schon. Uefa-Präsident Aleksander Ceferin plädierte in einem Interview mit dem „Daily Mirror“ immerhin dafür, die Abseitsregel diskutieren zu wollen - und er kritisierte, hört hört, den Videobeweis."Das Spiel verändert sich. Und wir haben Angst, dass es sich zu sehr verändert", sagte er.

Spieler machten Fehler und die Schiedsrichter auf dem Platz müssten die Verantwortung dafür tragen, "nicht irgendwelche Leute, die versteckt in einem Wagen oder Gebäude sitzen, 500 Kilometer vom Stadion entfernt", so der Uefa-Präsident. Hoffnung sollten Sie sich, liebe Fußball-Freunde aber nicht machen. Für Sie bleiben im Grunde nur zwei Möglichkeiten: 1. Sie meiden das Stadionerlebnis, oder 2. Sie ärgern sich weiter über den VAR. Denn – und das ist die traurigste Nachricht des Fußball-Jahres 2019 – der VAR müsse zwar unter anderem „schneller und klarer“ werden. „Aber er wird bleiben“, so der Uefa-Boss.

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