Wie Götze zur Randfigur wurde

Johannes Fischer
Sport1

Das Kapitel Mario Götze bei Borussia Dortmund neigt sich dem Ende entgegen.

Nach dem BVB-Abschied vor sieben Jahren ist es bereits das zweite Kapitel, das sich schließt - und dieses Mal dürfte das Buch tatsächlich zu Ende geschrieben sein.

Will man dem Epilog im Sommer vorgreifen, kann die Zusammenfassung von Götzes BVB-Zeit nur so lauten: Aus der geplanten Erfolgsstory ist letztlich eine Geschichte geworden, die ihren Höhepunkt schon in der Einleitung hatte.  

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Denn während im Frühjahr 2013 die Meldung vom Wechsel des damals 20-Jährigen nach München im Dortmunder Umfeld wie eine Bombe einschlug, ist jetzt nur ein leises Stöhnen zu hören. Ein Stöhnen, das bei vielen, die es mit der Borussia halten, als Ausdruck unerfüllter Hoffnungen zu deuten ist. 

Götze, so muss man es wohl sagen, hat sich in diesen sieben Jahren vom größten Hoffnungsträger im deutschen Fußball zu einer Randfigur entwickelt.  

Dabei lag dem jungen Götze zu Beginn seiner Karriere die Fußballwelt zu Füßen. Unter dem damaligen Trainer Jürgen Klopp war er dank seiner brillanten Technik schon als Teenager zum umjubelten Star gereift. Die beiden Meisterschaften (2011 und 2012) holte der heutige Liverpool-Coach nicht zuletzt dank seines Juwels.

Falsche 9? Falsche Position für Götze!

Entsprechend hart traf Klopp der Wechsel des damaligen Jungstars, wie er sich in der DAZN-Dokumentation "Being Mario Götze" erinnerte. "Ich habe gar nicht damit gerechnet. Michael Zorc am Trainingsgelände sagte zu mir: 'Wir müssen kurz reden. Mario geht zu Bayern.' Ich habe mich umgedreht, bin aus dem Büro gegangen, nach Hause gefahren, mich ins Bett gelegt." 

Sieben Jahre später ist Lucien Favre der Cheftrainer bei der Borussia - doch der Schweizer dürfte nicht annähernd so geschockt sein wie Klopp damals. Seit Favre im vergangenen Jahr beim BVB übernahm, vertraute er nur zeitweise auf Götzes Dienste und setzte ihn vornehmlich als verkappten Mittelstürmer ein.

Götzes Problem: Er fühlte sich auf der Position der "falschen Neun" nie wirklich wohl und rieb sich an vorderster Front häufig auf. Doch auch wenn er im Mittelfeld eingesetzt wurde: Götze zeigte bestenfalls sporadisch die Leichtigkeit seiner jungen Jahre.

Schon bei den Bayern war Götze selten in der Lage, an die spektakulären Leistungen seiner ersten BVB-Jahre heranzukommen. In seiner Premieren-Saison bei den Münchnern, in der Nachbetrachtung Götzes beste im Bayern-Trikot, blieb er noch stabil und kam insgesamt auf 15 Pflichtspiel-Tore. 

Stoffwechselkrankheit zwingt Götz in die Knie

Weil Götzes Leistungen, teils auch verletzungsbedingt, danach immer mehr schwankten, schien man an der Isar fast schon froh zu sein, ihn im Sommer 2016 für 22 Millionen Euro zurück nach Dortmund zu transferieren - selbst wenn man zehn Millionen weniger bekam, als man drei Jahre zuvor ausgegeben hatte. 

In Dortmund nahm man den verlorenen Sohn nach anfänglichen Misstönen wieder auf und war sich sicher, dass man ihn wieder hinbekommen würde. Doch es kam anders.

Statt in vertrauter Umgebung durchzustarten, konnte er in der ersten Saison nach seiner Rückkehr die Erwartungen von Verantwortlichen und Anhängerschaft nicht erfüllen. Immerhin fand man damals die Ursache für Götzes Leistungsabfall: Eine Stoffwechselerkrankung, die im Februar 2017 ans Licht der Öffentlichkeit kam, hatte beim Rückkehrer zu Muskelverletzungen und Gewichtsproblemen geführt und ihn buchstäblich zermürbt.  

Nach Bekanntwerden der Erkrankung zog sich Götze aus der Öffentlichkeit zurück, um sich vollständig auf seine Genesung zu konzentrieren. Bis dahin kam er in der Spielzeit 2016/17 auf lediglich elf Einsätze in der Bundesliga, in denen ihm nur ein Tor gelang.

Götze kontert Stögers Angriff 

Erst in der folgenden Saison kam Götze wieder zum Einsatz, nachdem er die Krankheit vollständig auskuriert hatte. Prompt spielte er sich unter dem neuen Cheftrainer Peter Bosz auf seiner Lieblingsposition im offensiven Mittelfeld fest - so lange, bis ihn eine Sprunggelenksverletzung einige Wochen außer Gefecht setzte.

Götzes Problem: Als er sich zur Rückrunde wieder fit meldete, war nicht mehr Bosz der Trainer, sondern Peter Stöger. Und im Gegensatz zu seinem Vorgänger ließ der Österreicher den früheren Publikumsliebling links liegen und setzte ihn höchstens als Joker ein. 

Als Götze im Europa-League-Rückspiel gegen Salzburg doch mal von Beginn an ran durfte, nahm ihn Stöger zur Halbzeit aus dem Spiel und kritisierte ihn nach dem 0:0 - gleichbedeutend mit dem Ausscheiden - scharf.

Götze habe weder die Erwartungen erfüllt noch die taktischen Vorgaben umgesetzt, polterte der Coach, woraufhin sich Götze Tage später mit beißender Ironie zu Wort meldete. "Ich bin dem Trainer dankbar, dass er mich auf meine Defizite hingewiesen hat und ich werde stark daran arbeiten", sagte er in der Sportbild.

Gerüchte um Hertha und Inter

Auf Stöger folgte Favre - doch glücklich wurde Götze auch mit dem neuen Coach nicht. Mit Ausnahme der Rückrunde 2018/19, in der Götze als Achter oder Zehner eingesetzt wurde, blieb er bislang auch unter Favre blass - mit dem neuen Tiefpunkt in der laufenden Spielzeit.

Nachdem Favre ihn nur fünf Mal in seine Startelf stellte und Götze lediglich 487 Minuten auf dem Feld stand, wählten ihn die Bundesliga-Kollegen zum Absteiger der Hinrunde.

Lässt man Götzes bisherige Karriere Revue passieren, bekommt man den Eindruck, dass sich der Fußball seit seinem atemberaubenden Karrierestart 2011 viel schneller entwickelt hat, als der Spieler selbst. Sein Marktwert, der in der Spitze bei 55 Millionen lag, wird nur noch auf 18 Millionen Euro geschätzt.

Angesichts dieser Zahlen ist es kein Wunder, dass man sich in Dortmund einen Spieler, der zehn Millionen Euro pro Jahr verdienen soll, nicht mehr leisten will. Wenn nichts Außergewöhnliches mehr passiert, werden sich die beiden Parteien im Sommer also trennen. Hertha BSC und Inter Mailand sollen sich schon nach dem früheren Superstar erkundigt haben. 

Mit seinen 27 Jahren ist Götze noch immer jung genug, um bei einem anderen Verein wieder Fuß zu fassen.

Dass er noch einmal an seine Leistungen von früher herankommen und eine nachhaltige Erfolgsstory schreiben wird, ist allerdings zum jetzigen Zeitpunkt schwer vorstellbar.

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