Die Geburtsstunde des Sandhausen-Komplex

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Die Geburtsstunde des Sandhausen-Komplex
Die Geburtsstunde des Sandhausen-Komplex
Die Geburtsstunde des Sandhausen-Komplex

Wenn gestandenen Bundesligakickern aus Traditionsvereinen der Abstieg droht, taucht es regelmäßig auf. Das Schreckgespenst, dessen Erwähnung zusätzliche Motivation sein soll, das Schlimmste noch abzuwenden.

In den Achtzigern des 20. Jahrhunderts war es der SV Meppen, Inbegriff der Fußballprovinz. „Ich spiel doch nicht in Meppen!“, tönte einst Ex-Nationaltorwart Toni Schumacher, 1988 in Schalker Diensten. (NEWS: Alle aktuellen Infos zur 2. Bundesliga)

Weshalb Meppen zu ihm fuhr. In Gestalt eines LKW, der vor Schumachers Haus hielt und mit der Aufschrift warb: „Das Fußballerlebnis SV Meppen - 2. Bundesliga.“ Die Retourkutsche eines beleidigten Spediteurs ist Legende. Die Emsländer sind derzeit viertklassig und schrecken keinen mehr, das neue Meppen liegt bei Heidelberg im Rhein-Neckar-Kreis und heißt Sandhausen.

Der örtliche SV aus der 15.000-Einwohner-Gemeinde geht mittlerweile in seine zehnte Zweitligasaison und widerlegt Jahr für Jahr die Experten, die ihn als ersten Absteiger handeln - oft aus einer gewissen Unkenntnis heraus. Ein Verein ohne Fußballtradition aus einem Ort, von dem man nie in der Tagesschau hört - was bitte wollen die in der 2. Liga? (DATEN: Ergebnisse und Spielplan der 2. Bundesliga)

Von daher gibt es gerade in dieser Saison wohl keine grauere Maus als den SV, angesichts all der großen Namen. Für einen der Klubs mit der größten Strahlkraft und den vollsten Trophäenschränken im Unterhaus ist Sandhausen indes mehr - ein Spielverderber, ein Stolperstein, ein Angstgegner.

Der HSV, Europapokalsieger der Landesmeister 1983, hat wirklich keinen Grund, auf den SV Sandhausen verächtlich herabzusehen. Auch nicht im heutigen Topspiel. Denn schon zweimal kostete der Underdog dem Ex-Dino der Bundesliga den Aufstieg, einmal sogar unmittelbar. (DATEN: Die Tabelle der 2. Bundesliga)

Der HSV unter Druck im leeren Volkspark

28. Juni 2020: Die erste Corona-Saison des deutschen Fußballs endet nach einer Zwangspause spät wie nie und unter ganz speziellen Bedingungen. Fans sind nach dem Restart im Mai nicht mehr zugelassen, was eine Rolle gespielt haben mag für das historische HSV-Debakel am letzten Spieltag im Volkspark.

Den fest eingeplanten direkten Aufstieg im zweiten Anlauf hat er in der Vorwoche beim ähnlich provinziellen 1. FC Heidenheim durch eine 1:2-Niederlage schon verspielt. Nun geht es nur noch darum, diesen Heidenheimern, die bei Meister Bielefeld ran müssen, den Relegationsplatz abzunehmen. Bei einem Punkt Rückstand empfiehlt sich dringend ein Sieg - den es schon im Hinspiel (1:1) nicht gab.

Diesmal sollte es noch schlimmer kommen für das Team von Trainerroutinier Dieter Hecking, der seine Zukunft an den Aufstieg geknüpft hat, nun aber auch im anderen Fall laut über eine Vertragsverlängerung nachdenkt, „unter bestimmten Voraussetzungen“. Sportvorstand Jonas Boldt ist dafür aufgeschlossen und kann sich das „absolut vorstellen“. Nach diesem Spiel nicht mehr - keiner von beiden.

Die HSV-Fans haben sich an jenem Sonntag in Sportbars versammelt und fiebern vor den Bildschirmen mit, während im Stadion ein Geisterspiel abläuft - das nur die Gäste begeistert. Die Spieler, die in vier der acht Spielen nach der Corona-Pause Punkte in den letzten Minuten vergeigten, zeigen sich dem Druck nicht gewachsen. Diesmal von Anpfiff an.

Das Unheil nimmt seinen Lauf

„Ich hätte mir von Anfang an mehr Präsenz gewünscht, wir haben sehr schläfrig angefangen“, analysiert Hecking das Spiel, das das 588. und letzte seiner langen Bundesligakarriere werden sollte. Schon nach 13 Minuten fabriziert Rick van Drongelen ein Eigentor, beim missglückten Rettungsversuch im Duell mit Kevin Behrens. Der erhöht acht Minuten später allein vor Julian Pollersbeck auf 0:2.

Das Resultat passt nicht zu 79 % Ballbesitz, beweist aber nur dass dieser nichts beweist und ebenso gut Ausdruck von Ratlosigkeit sein kann. Zu allem Übel muss Hecking zwei verletzte Spieler noch vor der Pause auswechseln: Jan Gyamerah und Rick van Drongelen. Konsterniert schleichen die Hamburger mit einem 0:2 in die Kabinen.

Hoffnung macht nur das Ergebnis aus Bielefeld, wo Heidenheim ebenfalls 0:2 zurück liegt. Dank der besseren Tordifferenz würde dem HSV ein Punkt reichen. Mit zwei weiteren Einwechselspielern, Sonny Kittel und Stephan Ambrosius, versuchen sie ihr Glück. Aus Bielefeld wird das 3:0 verkündet, von dort droht keine Gefahr mehr. Aber sie müssen sich auch selbst helfen.

Nach 61 Minuten wird der Hoffnungsfunke zur Flamme: Aaron Hunt holt einen Elfmeter heraus und vollstreckt selbst - 1:2. Angesichts der vergebenen Konterchancen der Gäste ein schmeichelhafter Spielstand. Bis zur 84. Minute hat er Bestand, dann gibt es auf der anderen Seite auch einen Elfmeter. Joshua Vagnoman legt Philipp Türpitz, der VAR entscheidet und Behrens vollstreckt – das 1:3 ist schon die Entscheidung. Wie in den Vorwochen hat der HSV nichts mehr zuzulegen. Nun, da alle Träume platzen, geht er unter.

Ausgerechnet Dennis Diekmeier

„Das, was nach hinten raus passiert ist, ist erklärbar“, zeigt sich Hecking noch milde. Er meint das 1:4 von Mario Engels (88.) und das 1:5 von - ausgerechnet - Dennis Diekmeier (90.). Der langjährige HSV-Verteidiger, der in 203 Bundesligaspielen nie ein Tor schoss und einen wenig schmeichelhaften Bundesligarekord hält, setzt mit einem Rechtsschuss aus Mittelstürmerposition den Schlusspunkt. Die HSV-Fans müssen bitter lachen. Selbst der…

Die Blamage vollständig macht der Torwartwechsel bei Sandhausen eine Minute vor Schluss, was gemeinhin als Verhöhnung des Gegners gewertet wird - selbst wenn es keine ist, sondern nur eine Geste für den Ersatzkeeper Rick Wulle, der zu seinen ersten Saisonminuten kommt.

Beim Verlierer herrscht Katzenjammer. HSV-Präsident Marcell Jansen sagt: „Die Beine waren schwerer, die Köpfe langsamer. Es ist durch nichts zu entschuldigen.“ Dann geht er wieder mal auf Trainersuche und findet Osnabrücks Aufstiegstrainer Daniel Thioune, der 2021 den nächsten Aufstieg ermöglichen soll. Aber auch der bekommt sein Sandhausen-Erlebnis.

Die Geschichte wiederholt sich

22. April 2021: Im Dezember hatte der HSV Revanche genommen und das Heimspiel gegen Sandhausen mit 4:0 gewonnen. An jenem April-Donnerstag muss er zum Nachholspiel in den Hardtwald. Die Fans sprechen gerade über das Aus von Hansi Flick bei den Bayern und das Scheitern der Super League-Pläne. Dann bekommen sie ein neues Gesprächsthema - den Sandhausen-Komplex des HSV. Der ist als Dritter einer reichlich schiefen Tabelle zum Vorletzten gekommen, der mit Interimstrainer Gerd Kleppinger den Abstieg vermeiden will.

Noch immer regiert Corona den Fußball, die Sandhäuser sind erst drei Tage zuvor aus der Quarantäne entlassen worden und haben sich auf Spinning-Rädern fit gehalten. Zuschauer sind weiterhin nicht erlaubt, man trifft sich zum dritten Mal in Folge zu einem Geisterspiel. Wer will, erkennt weitere Parallelen zum 1:5-Debakel, auch wenn es diesmal nicht so schlimm kommt.

Aber wieder muss der HSV früh wechseln, Bakary Jatta scheidet mit einer Kopfverletzung nach 15 Minuten aus und wieder hat Sandhausen die ersten Chancen. Doch da Daniel Keita-Ruel sie nicht zu nutzen vermag und auch ein Flugkopfball von Julius Biada (44.) das Tor verfehlt, geht es mit 0:0 in die Kabinen. Diesmal ist Sandhausen auch optisch klar überlegen, in der ersten Hälfte werden 11:2 Torschüsse gezählt.

Dann wiederholt sich Geschichte, ein Eigentor stellt die Weichen auf Sandhausen-Sieg. Ambrosius trifft gleich nach Wiederanpfiff in den eigenen Kasten - per Kopf. Den setzt auch Keita-Ruel sieben Minuten später ein um die Flanke von Nikolas Nartey einzunicken. 2:0! Thioune reagiert und bringt Manuel Wintzheimer. Der Joker sticht prompt (76.), doch einmal zu wenig. Da Toptorjäger Simon Terrode keinen guten Tag hat (Kicker-Note 5), gehen die Hamburger schließlich als verdienter Verlierer vom Platz. Entsprechend unterschiedlich fallen die Kommentare aus. Thioune spricht von einer „überflüssigen Niederlage, die Enttäuschung ist groß“.

Sandhausens Kapitän Diekmeier schöpft neuen Mut: „Uns hatten schon viele abgeschrieben. Das war der erste Schritt, aber wir dürfen uns darauf nicht ausruhen.“ Sie schreiten noch ein bisschen weiter und bleiben - wieder mal - drin.

Wie der HSV, bloß dass der es partout nicht will. „In dieser Verfassung wird der HSV auch ein drittes Mal krachend scheitern“, prophezeit der kicker und bekommt Recht. Nach der Pleite kommt er nicht mehr an die Aufstiegsplätze heran. Er hat viel gutzumachen - heute gegen Sandhausen.


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