Das Geheimnis der Sechsräder der Formel 1

Matt Somerfield
motorsport.com

Heute vor 44 Jahren gab eines der einzigartigsten Formel-1-Autos beim Spanien-Grand-Prix sein Debüt: der sechsrädrige Tyrrell. Der P34 war ein Produkt des Querdenk-Prozesses bei Tyrrell, weil man schlauer als seine Gegner sein wollte.

Der ambitionierte Plan von Technikchef Derek Gardner sah vor, vier kleinere Räder vorne am Auto zu verwenden. Durch die geringere Größe und die Lage hinter dem Frontflügel hatte er gehofft, dass der Luftwiderstand reduziert und die Agilität des Autos erhöht werden kann.

Am P34 befanden sich vier zehn Zoll große Räder an der Vorderseite des Chassis. Die Vorderachse wurde dabei direkt an die Lenkung befestigt, die zweite wurde über einen Kipphebel gesteuert. Zudem dachte man, dass sich mit vier Vorderreifen auch die Bremsleistung erhöhen würde.

Scrollen, um mit dem Inhalt fortzufahren
Anzeige

Eine ungewollte Konsequenz war jedoch ein Problem mit der Kühlung der Bremsen. Zahlreiche Lösungen wurden präsentiert, um das Problem zu verbessern. Eine weitere Schwierigkeit war, dass sich der Radstand verlängerte oder verkürzte, je nachdem welche Achse zuerst entlastet wurde.

Vergleich der Aufhängung des Tyrrell P34

Vergleich der Aufhängung des Tyrrell P34 <span class="copyright">Giorgio Piola</span>
Vergleich der Aufhängung des Tyrrell P34 Giorgio Piola

Giorgio Piola

Den P34 einzustellen und zu fahren war daher besonders schwierig. Und da die Räder deutlich kleiner waren als normal, durchliefen sie auch deutlich mehr Umdrehungen als die Räder an der Hinterachse.

Das hatte natürlich einen Einfluss auf die Lebensdauer der Reifen und wurde noch schlimmer, als Hersteller Goodyear die Hinterreifen verbesserte und kaum Entwicklung bei den kleinen Vorderreifen hatte.

Giorgio Piola hatte damals einen beispiellosen Zugang zum Auto und erzählt die Geschichte weiter: "Es war purer Zufall, da ich nach Rio geflogen bin und plötzlich während des Fluges neben Ken Tyrrell saß. Man muss im Leben gut sein, aber auch mal Glück haben."

Tyrrell wusste von Piolas Arbeit und fragte, ob er gerne den Pressekit für das Team machen würde. Dadurch würde er eine Menge Informationen und auch Bilder vom Auto bekommen. "Es war eine meiner besten Arbeiten. Ich war stark mit dem Auto verbunden, da ich eine gute Beziehung zu Tyrrells Chefdesigner Derek Gardner hatte. Ich machte drei große Schnittzeichnungen und eine unglaublich detaillierte Ansicht von oben, bei der mir Derek geholfen hat."

Die detaillierte Ansicht des Tyrrell von oben - mit 32 Anmerkungen

Die detaillierte Ansicht des Tyrrell von oben - mit 32 Anmerkungen <span class="copyright">Giorgio Piola</span>
Die detaillierte Ansicht des Tyrrell von oben - mit 32 Anmerkungen Giorgio Piola

Giorgio Piola

Die Ansicht von oben ist unheimlich detailliert und eine der schwierigsten Zeichnungen, die Piola je angefertigt hat. Denn normalerweise könne man bei Schnittzeichnungen einen Trick anwenden und etwa Bodywork über Bereiche legen, bei denen man sich nicht sicher ist.

Die Draufsicht musste aber extrem akkurat sein. Alles musste präzise dort sein, wo es sein sollte - selbst die Positionen der Rohre im Auto.

"Für mich war es eine der besten Zeichnungen, die ich je angefertigt habe, aber niemand wollte es damals veröffentlichen, weil es 32 Anmerkungen hatte", erklärt Piola. "Das waren zu viele Details und nichts, das man damals in einem Magazin hätte veröffentlichen können. Und weil es eine riesige handgemalte Illustration war, konnte man die Pfeile und Zahlen nicht entfernen.

Jody Scheckter sorgte in Schweden 1976 für den einzigen Sieg des P34

Jody Scheckter sorgte in Schweden 1976 für den einzigen Sieg des P34 <span class="copyright">Motorsport Images</span>
Jody Scheckter sorgte in Schweden 1976 für den einzigen Sieg des P34 Motorsport Images

Motorsport Images

Der P34 hatte seine Momente im Rampenlicht und gewann in Schweden, aber die Probleme mit dem Konzept verschlimmerten sich und Tyrrell legte es wieder in die Mottenkiste. Nach 1977 verschwand der P34 und Designs mit sechs Rädern wurden verboten.

Andere Teams hatten ebenfalls Lösungen mit sechs Rädern, anders als bei Tyrrell wollte man jedoch eher zwei Räder im Bereich der Hinterachse haben. Weil Williams keinen Turbomotor bekam, suchte man nach Lösungen für gleiche Voraussetzungen. Ferrari und March hatten ebenfalls eigene Projekte, doch das von Williams war am ehesten einsatzbereit.

Vier Räder vorne waren jedoch eine Sackgasse, wie an der fehlenden Entwicklung der Zehn-Zoll-Reifen des P34 ersichtlich wurde. Daher legte Williams seinen Fokus auf das Heck - aber mit dem gleichen Ziel: Luftwiderstand zu reduzieren.

Der Vergleich des eigentlichen Williams FW08 und der Sechsrad-Variante

Der Vergleich des eigentlichen Williams FW08 und der Sechsrad-Variante <span class="copyright">Giorgio Piola</span>
Der Vergleich des eigentlichen Williams FW08 und der Sechsrad-Variante Giorgio Piola

Giorgio Piola

Weil die Hinterreifen deutlich breiter waren, schlug Williams vor, stattdessen zwei Vorderreifen hintereinander an der Hinterachse zu fahren. Dadurch erreichte man nicht nur den geringeren Luftwiderstand, sondern hatte auch noch Vierrad-Antrieb und einen längeren Radstand.

Weil man die schmaleren Reifen weiter außen anbringen konnte, konnte man auch die Venturi-Tunnel und das Bodywork bis ans Heck verlängern und verbreitern. Dadurch konnte man einen deutlich höheren Abtrieb durch den Ground-Effect erzielen.

Williams unternahm eine Menge, um den FW07 für Tests umzuwandeln und wollte mit dem FW08 sogar so fahren - bis der Verband Vierrad-Antrieb verbot. Patrick Head machte es noch saurer, als er von Frank Williams erfuhr, dass er bei einem Meeting mit den anderen Teams in Maranello dafür gestimmt hatte.

Über Testfahrten kam das Modell von Williams nie hinaus

Über Testfahrten kam das Modell von Williams nie hinaus <span class="copyright">Motorsport Images</span>
Über Testfahrten kam das Modell von Williams nie hinaus Motorsport Images

Motorsport Images

Patrick Heads Versuch eines sechsrädrigen Autos wäre für Williams ein deutlicher Schritt nach vorne gewesen, da das Auto gleich mehrere Sekunden schneller gewesen sein soll als sein Vorgänger. Doch ohne auch nur je eine richtige Runde gefahren zu sein, wurde die Idee eingemottet.

Mit Bildmaterial von Motorsport Images.

Lesen Sie auch