Gelingt Airbnb der Börsengang des Jahres?

Nils Jacobsen
·Wirtschaftsjournalist und Techblogger
·Lesedauer: 4 Min.

Es ist eine Wette auf die Nach-Corona-Zeit: Zimmervermittler Airbnb wagt nach einem schwierigen Jahr in der Pandemie den Gang aufs Börsenparkett. Was bringt das IPO?

Airbnb plant Börsengang
Airbnb plant Börsengang

Plötzlich scheint die sehnlichst erwartete Normalisierung des öffentlichen Lebens in Reichweite. Biontech und Pfizer haben für ihren Corona-Impfstoff eine Notfallzulassung angekündigt, noch im Dezember könnten die ersten Dosen verabreicht werden.

Nach einem Jahr in Geiselhaft von Covid-19 blickt die Welt mit großen Hoffnungen auf 2021 – der Traum von einem normalen Leben ohne die drakonischen Beschränkungen während der Corona-Pandemie scheint zwar noch nicht greifbar, aber zumindest absehbar.

Tiefrote Bilanz: 2020 bereits Verluste von fast 700 Millionen Dollar

Profitieren will von dieser Hoffnung in den kommenden Wochen eines der wertvollsten privat geführten Unternehmen der Welt: Airbnb. Der 2008 gegründete digitale Zimmervermittler galt lange Zeit als prädestiniert, als nächster großer Star der sogenannten ‚Sharing Economy‘ an die Börse zu stürmen – dann kam Corona.

Reisen, die Lieblingsbeschäftigung von Millionen Millennials, wurde in der Corona-Zeit zum Drahtseilakt, der seine Spuren in der Geschäftsbilanz des Internetponiers hinterließ. Wie der in der vergangenen Woche veröffentliche Börsenprospekt offenbart, hat Airbnb in den ersten neun Monaten des Jahres krachende 697 Millionen Dollar verloren. Im Vergleichszeitraum des Vorjahres betrug das Minus noch 323 Millionen Dollar.

Corona lässt Umsätze einbrechen

Auch die Umsatzentwicklung verlief Corona-bedingt alles andere als erfreulich. In den ersten drei Quartalen 2020 gaben die Erlöse um knapp ein Drittel auf nur noch 2,52 Milliarden Dollar nach. Im gleichen Zeitraum des Vorjahres hatte Airbnb noch 3,7 Milliarden Dollar umgesetzt.

Immerhin verlangsamt sich der Erlösrückgang: Im dritten Quartal betrug das Umsatzminus nur noch 18 Prozent auf 1,34 Milliarden Dollar. Airbnb konnte zudem wegen Kosteneinsparungen einen Überraschungsgewinn von 219 Millionen Dollar einfahren.

Bewertung schrumpft in Corona-Pandemie auf 18 Milliarden Dollar

Mit der schlingernden Geschäftsentwicklung begann auch die Bewertung des Internetplattform-Betreibers zu schrumpfen. Konnte CEO und Gründer Brian Chesky vor dem Ausbruch des Coronavirus noch Investorengelder bei einer Bewertung von 31 Milliarden Dollar einsammeln, griffen einige Anleger in der Mitte der Pandemie nach Angaben der New York Times am Sekundärmarkt bei einer Bewertung von nur noch 18 Milliarden Dollar zu.

Chesky hatte im Frühjahr in einer drastischen Wende der stetigen Wachstumsstory ein Viertel der Belegschaft entlassen (zumeist im Marketingbereich) und zwei Milliarden Dollar neue Schulden zu hohen Zinssätzen aufgenommen.

Zum IPO nun Bewertung von 30 Milliarden Dollar angestrebt

Mit einem Schwenk weg von Großstadttrips hin zu Reisezielen in der regionalen Nähe scheint der 39-jährige Airbnb-CEO den schwierigsten Teil der Corona-Krise nun abgehakt zu haben. Die Folge ist der seit Jahren mit Spannung erwartete Börsengang, der nunmehr noch im Dezember über die Bühne gehen könnte.

Nach übereinstimmenden Medienberichten will Airbnb nunmehr die bereits erreichte Bewertung von 30 Milliarden Dollar aufrufen und durch das IPO frische Mittel von 3 Milliarden Dollar aufnehmen. Nach der spektakulären Absage des Börsengangs von Ant Financial dürfte Airbnb damit zum größten Tech-/Internet-IPO des Jahres werden.

Scott Galloway: Airbnb wird 100 Milliarden Dollar-Company

Nach Meinung des Marketingprofessors Scott Galloway dürfte die zwölf Jahre alte Buchungsplattform die klassische Konkurrenz aus dem Tourismussektor mittelfristig unmittelbar hinter sich lassen. „Airbnb besitzt einen besseren Wert als Hotels, es bietet mehr Platz und weniger Covid (keine Checkins, Fahrstühle oder Gemeinschaftsräume) zu einem günstigeren Preis an“, befand Galloway in einem Blogbeitrag.

Nach Einschätzung des Bestsellersautors („The Four“) dürfte die Geschäftsentwicklung im kommenden Jahr einen großen Turnaround erfahren. „Die reduzierte Kostenstruktur und Markterholung bedeuten, dass der Pfad zur Profitabilität größer, heller und kürzer ausfällt“, glaubt Galloway, der für Airbnb eine mittelfristige Bewertung jenseits von 100 Milliarden Dollar für möglich hält.