"Gespenstisch": So lief das erste Geisterspiel in Deutschland

Reinhard Franke
Sport1

Das Coronavirus ist in dieser Woche auch im Sport angekommen. Und der deutsche Fußball müht sich um eine Linie bezüglich der Konsequenzen. Die Gesundheit hat die oberste Priorität, die erste Folge sind Geisterspiele.

Am Dienstag entschied die Stadt Mönchengladbach, das Rheinderby zwischen Borussia Mönchengladbach und dem 1. FC Köln (Bundesliga: Borussia Mönchengladbach - 1. FC Köln, Mi., ab 18.30 Uhr im SPORT1-Liveticker) ohne Zuschauer stattfinden zu lassen. Selbiges gilt auch für das Revierderby Borussia Dortmund gegen Schalke 04 (Bundesliga: Borussia Dortmund - Schalke 04, Sa., 15.30 Uhr im SPORT1-LIVETICKER) am Samstag. Zahlreiche weitere Spiele in Deutschland folgten.

Bereits am Montag wurde die Champions-League-Partie Paris Saint-Germain gegen Borussia Dortmund (Champions League: Paris Saint-Germain - Borussia Dortmund, Mi. ab 21 Uhr im Liveticker, alle Infos ab 20 Uhr auch im Fantalk auf SPORT1) zum Geisterspiel erklärt. Auch der FC Bayern muss längere Zeit zu Hause vor leeren Rängen spielen. Die bayerische Staatsregierung untersagte bis einschließlich 18. April Veranstaltungen mit mehr als 1000 Besuchern. 

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Wolf wird von Eisenkugel getroffen

Der frühere Bundesligatrainer Wolfgang Wolf (unter anderem VfL Wolfsburg) weiß, wie sich ein Geisterspiel anfühlt. Zu seiner Zeit beim 1. FC Nürnberg (2003 bis 2005) bekam er im Zweitligaspiel bei Alemannia Aachen im November 2003 von einem Fan eine Eisenkugel an den Kopf geworfen, direkt neben der Schläfe.

"Ein bisschen weiter links und ich würde heute vielleicht nicht mehr leben", sagt der 62-Jährige, aktuell Trainer und Sportdirektor in Personalunion bei Regionalligist 1. FC Lokomotive Leipzig, im Gespräch mit SPORT1.

Nürnberg legte damals Protest gegen die Spielwertung ein, es kam zum Geisterspiel.


Wolf hat keine guten Erinnerungen an diesen Tag. "Es war eine ganz schwierige Geschichte. Es war das erste Spiel der Rückrunde, und kurz vorher waren wir noch in der Türkei im Trainingslager mit Alemannia Aachen im selben Hotel gewesen. Zwei Wochen später dann das Geisterspiel, das war ganz komisch."

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Er beschreibt "eine merkwürdige Atmosphäre wie bei einem Trainingsspiel". Und er merkt an: "Es wäre sicher nicht so geisterhaft gewesen, wenn es von Jörg Berger (zu der Zeit Alemannia-Coach, verstarb 2010, d. Red.) damals im Vorfeld nicht so aufgeheizt worden wäre. Das Geisterspiel hat Alemannia dann gewonnen."


Geisterspiel "gespenstisch"

In einem leeren Stadion unter Flutlicht zu spielen war für Wolf "gespenstisch". Er erklärt, warum: "Es war keiner da, keine Stimmung, von den Spielern hast du wie bei einem Freundschaftsspiel jedes Wort gehört und draußen haben die Leute geschrien, sogar die hast du teilweise gehört."

Auch für den früheren Mönchengladbach-Profi Karlheinz Pflipsen, der aktuell beim DFB im Jugendbereich und im Scouting arbeitet und damals bei der Alemannia unter Vertrag stand, "war das total komisch", wie er SPORT1 erzählt.

"Ich habe immer noch diesen Geist vor Augen, der damals auf der Tribüne hin und her rannte. Obwohl du weißt, dass es ein wichtiges Spiel ist wie das Derby gegen Köln und es auch um Punkte geht, kannst du dich heute Abend nicht ganz auf das Spiel einlassen, weil die Rahmenbedingungen, die normalerweise zu so einem Spiel dazugehören, einfach fehlen." Davon könne sich ein Spieler nie ganz befreien.

Die Woche vor dem Geisterspiel habe er seine Mannschaft "ganz normal vorbereitet wie auf jedes andere Spiel", berichtet Wolf. Die Nürnberger hätten versucht auszublenden, dass keine Fans zum Spiel kommen werden. "Die Abläufe zwischen Training und Spielbesprechung waren völlig normal. Wir haben uns so vorbereitet wie zu einem normalen Punktspiel."

Lachend fügt der Pfälzer hinzu: "Wir haben in der Woche vor dem Geisterspiel immer im Stadion trainiert, da haben mich die Jungs endlich mal gehört."

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Doch natürlich fehlen Wolf bei einem Geisterspiel die Emotionen. "Spieler leben von den Fans. Die motivieren auch, und da musste ich die Jungs auf den Punkt fit kriegen", meint er. Eine Maßnahme von ihm: In der Woche vorher sperrte er die Fans aus, weil so die Situation des Geisterspiels simuliert werden sollte.

Pflipsen: Die Emotionen fehlen

Pflipsen hat da eine andere Meinung. "In der Trainingswoche vor so einem Geisterspiel ändert sich gar nicht so viel, auch die Abläufe nicht wirklich", findet der 49-Jährige. "Während des Spiels herrscht einfach eine gespenstige Stimmung und es fehlt die Atmosphäre und die Emotionen, die durch die Zuschauer aufs Spielfeld normalerweise übertragen werden. Das macht schon ein paar Prozent in der Leistung der Spieler aus."

Wolf nennt es "eine Kopf-Geschichte für die Spieler". Und erinnert sich an die Vorbereitung damals: "Wir wollten uns aber auch nicht zu sehr verrückt machen deshalb. Das war so wie bei den Amateuren, wenn nicht viele Zuschauer da sind."

Weltweites Problem mit großer Hysterie

Und wie sieht er generell die Situation mit dem Coronavirus? "Sicher ist das gerade ein weltweites Problem, aber ich habe auch das Gefühl, dass zu große Hysterie zu noch mehr Unsicherheit führt."

Der Staat müsse jetzt genaue Vorgaben machen, und die Menschen müssten sich daran halten, "denn keiner weiß doch genau, wie viele schon infiziert sind und was genau die Ursachen sind".

Pflipsen sagt, er sei kein Mediziner. "Aber wenn es so ist, dass eine Verbreitung des Virus sich durch Großveranstaltungen extrem erhöht, dann ist es legitim und richtig, das so durchzuziehen." 


"Profi-Ligen werden Geisterspiele überleben"

Wolf hofft jetzt, "dass die Leute, die das mit den Geisterspielen entscheiden, Recht haben. Wenn es hilft, dann muss man jedes Konzert und jede Tagung absagen. Die Profi-Ligen werden Geisterspiele überleben."

Eins steht für ihn fest. "Gastmannschaften sind bei Geisterspielen im Vorteil, weil das Heimteam mehr von den Fans lebt. Ganz wichtig: Du darfst da nicht reingehen wie in ein Freundschaftsspiel."

Für Pflipsen wird durch ein Geisterspiel der Heimmannschaft ein Vorteil durch die Unterstützung der eigenen Fans in einem Derby genommen. Das Spiel Gladbach gegen Köln habe "einen sehr hohen Stellenwert in beiden Fanlagern und hätte sicherlich einen anderen Rahmen verdient gehabt." Ihm tut es sehr leid - "vor allem für die Fans". 

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