Murray packt aus: So frauenfeindlich sind einige ATP-Profis

Stefan Schnürle
Sport1

In Sachen Gleichberechtigung gilt Tennis im Sport als absoluter Vorreiter.

Tennis ist sogar die erste große Sportart, die die Preisgeld-Gleichheit zwischen Männern und Frauen eingeführt hat. Die US Open begannen damit bereits 1973, inzwischen gibt es sie bei allen vier Grand Slams.

Doch verdienen Männer und Frauen im Tennis wirklich gleich viel? Nein, denn bei vielen Turnieren auf der Herrentour ATP gibt es mehr Preisgeld als auf der Damentour WTA – und das sogar bei Turnieren, die am selben Ort stattfinden.

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Eine Untersuchung von 2018 zeigt laut dem Guardian, dass bis zum Zeitpunkt des Wimbledon-Finales 71 Prozent der Männer in den Top 100 mehr Preisgeld als Frauen desselben Ranges verdient hatten. Nach den Top 100 wurde der Unterscheid sogar noch größer.

Murray: Einige ATP-Spieler gegen Equal Pay

Kurioserweise hört man dennoch mindestens genauso häufig wie die Beschwerde weiblicher Spielerinnen über den Unterschied, dass sich männliche Profis über die Gleichheit der Preisgelder echauffieren.

Das jüngste Beispiel lieferte nun Andy Murray, der CNN von seinen Gesprächen mit einigen männlichen Profis berichtete. Diese waren nach einer Preisgeld-Erhöhung für beide Geschlechter – bei den Frauen war der Sprung nur größer - hochgradig verärgert, weil die Frauen nämlich plötzlich genauso viel Geld bekamen.

"Ich fragte, ob sie denn lieber gar keine Preisgeld-Steigerung hätten und sie sagten zu mir: 'Eigentlich ja'", verriet Murray und ergänzte: "Einige würden tatsächlich lieber weniger Geld verdienen, bevor die Frauen das Gleiche wie sie erhalten."

Wieder zum Leben erweckt wurde das Thema durch die von Roger Federer auf Twitter angestoßene Debatte rund um eine mögliche Verschmelzung der ATP und WTA.


Federer will Fusion von ATP und WTA

Steve Simon, Chef der Vereinigung der professionellen Tennisspielerinnen WTA, bekundete dafür nun seine Unterstützung. "Ich habe keine Angst vor einer Fusion. Ich wäre bestimmt der erste, der das unterstützen würde", sagte er der New York Times. "Natürlich ist es ein langer Weg bis dahin, aber es macht auf jeden Fall Sinn."

Allerdings: Bei einer gemeinsamen Vermarktung wird allgemein davon ausgegangen, dass auch das Preisgeld angeglichen wird.

Falls nicht zeitgleich deutliche Mehreinnahmen erzielt werden, könnte das für viele Männer in den Top 100 finanzielle Einbußen bedeuten. Und selbst falls diese ausbleiben, werden sich laut Murray trotzdem viele Männer dagegen wehren, was die Fusion unwahrscheinlich erscheinen lässt.

Selbst Tennis-Bad-Boy Nick Kyrgios, der mit der einen oder anderen weiblichen Spielerin gut befreundet ist und bei den Australian Open sogar Mixed spielte, lehnte auf Twitter Federers Vorschlag ab: "Hat einer die Mehrheit der ATP gefragt, was sie von einer Fusion mit der WTA halten und inwiefern das gut für uns ist?"


Nadal: "Weibliche Models verdienen auch mehr"

Bleibt die Frage, ob Teile der ATP-Profis einfach nur Chauvis sind oder ob sie tatsächlich Argumente für ihre Ablehnung der gleichen Bezahlung vorzubringen haben.

Während bei Grand Slams noch argumentiert werden kann, dass Männer Best-of-Five spielen, trifft das auf alle anderen Turniere nicht zu. Zumal die Dauer eines Tennis-Matches nicht zwingend etwas über Qualität aussagt - und in Fünf-Satz-Partien oft genug schnell abgeschenkte Sätze zu bestaunen sind, die mehr Geld kaum rechtfertigen.

Für Rafael Nadal, der die Fusion von ATP und WTA kurioserweise trotzdem öffentlich unterstützt, ist die Vermarktung entscheidend: "Weibliche Models verdienen auch mehr als männliche und niemand sagt etwas. Wer mehr Zuschauer hat, sollte mehr verdienen", sagte der Spanier 2018 dem Magazin IO Donna.

Zwei Jahre zuvor hatte sich mit Novak Djokovic bereits ein weiterer ATP-Superstar über die finanzielle "Gleichberechtigung" aufgeregt: "Auch wenn Frauen zurecht so viel Geld kriegen würden, sollte die ATP dafür kämpfen, noch mehr zu kriegen, da die Männer viel mehr Zuschauer anziehen".


Williams und Gauff sorgen für gute Quoten

Bei den Einschaltquoten ist dies indes nicht so leicht zu belegen, weil es sehr stark davon abhängt, welches Geschlecht der jeweilige Superstar des Landes hat. So haben bei den US Open in den vergangenen Jahren häufig die Frauen die am meisten gesehenen Partien beim größten Medienpartner ESPN gestellt.

An den Zahlen von Serena Williams und Wunderkind Coco Gauff bissen sich selbst Federer und Co. die Zähne aus. Einzig ein Duell zwischen Federer und Nadal könnte dies womöglich ändern, doch darauf warten die US-Amerikaner bis heute vergeblich.

Dass die Männer gemäß den Worten von Djokovic mehr Zuschauer anziehen, liegt wohl vor allem daran, dass es mit ihm, Federer und Nadal drei Superstars gibt, die sich zu Rekorden treiben. An die Bekanntheit des Trios kommt bei den Frauen nur Serena Williams ran, die aber kaum noch mehr als fünf Turniere im Jahr spielt.


Safin lästert über Frauentennis: "Nicht vermarktbar"

Der zweimalige Grand-Slam-Sieger Marat Safin kritisierte deshalb jüngst im Instagram-Livechat mit Landsmann Mikhail Youzhny: "Das Männertennis regiert total. Viele Leute realisieren gar nicht, dass Frauentennis praktisch nicht vermarktbar ist." Von den aktiven Spielerinnen sparte er nur Williams von seiner Kritik aus.

Der 2018 zurückgetretene Youzhny sagte: "Ich arbeite im Tennis. Und ich kann dir die Top 10 der Frauen nicht nennen. Vielleicht bringe ich einige Namen zusammen. Aber wohl nicht alle und nicht in der richtigen Reihenfolge."

In der Tat: Bis auf große Tennis-Fans werden viele wohl nicht einmal die ersten Drei zusammenkriegen.


Die ständig wechselnde Nummer 1 und verschiedene Siegerinnen bei Grand Slams gestalten es schwierig, die Topspielerinnen zu vermarkten. Federer, Nadal und Djokovic machen diese Aufgabe deutlich leichter, was zu größeren Sponsoren-Einnahmen und damit höherer Preisgeld-Ausschüttung bei Turnieren führt.

Daher haben die ATP-Spieler durchaus Argumente auf ihrer Seite, wenngleich sie dies vor allem der "Big Three" zu verdanken haben.

Dass einige aber lieber auf Geld verzichten, statt Frauen die gleiche Bezahlung zu gönnen, verwundert gerade in diesen Zeiten der Solidarität dennoch.

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