Google-Analyse: So bewegten sich die Menschen während der Corona-Lockdowns

Willy FlemmerFreier Autor für Yahoo
Yahoo Nachrichten Deutschland

Die Anti-Corona-Maßnahmen werden in immer mehr Ländern gelockert. Wie sehr war das Leben während des weltweiten Lockdowns zum Stillstand gekommen? Google hat die Bewegung von Menschen in mehr als 140 Ländern analysiert. Die Ergebnisse könnten für die Politik wichtig sein.

Wie haben sich die Menschen während des Corona-Lockdowns bewegt? Google hat unsere Daten analysiert. (Bild: Getty Images)
Wie haben sich die Menschen während des Corona-Lockdowns bewegt? Google hat unsere Daten analysiert. (Bild: Getty Images)

In vielen Regionen der Welt werden die Maßnahmen zur Eindämmung der Coronavirus-Pandemie wieder gelockert. Auch in Europa kehrt allmählich wieder Normalität ein – wenngleich diese noch immer im Zeichen des Virus steht. Stichwort: "neue Normalität". Das Ende des Lockdowns ist Anlass für einen Rückblick auf die Zeit des öffentlichen Stillstandes – etwa um aus der Erfahrung Lehren für die Zukunft zu ziehen. Viele Fragen stehen im Raum. Zum Beispiel: Wie entschieden haben die Länder auf die Krise mit Ausgangsverboten oder -Beschränkungen reagiert? Wie wirksam waren sie? Haben die Einwohner die jeweiligen Bestimmungen befolgt? Hat es Entwicklungen in ihrem Verhalten gegeben? Antworten auf diese und ähnliche Fragen können dank Google nun leichter und schneller beantwortet werden.

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Googles Mobilitätsbericht

Denn der Tech-Konzern hat es sich zur Aufgabe gemacht, wie er in einer Mitteilung schreibt, zur Eindämmung der Coronakrise "einen Beitrag zu leisten". Dazu hat er in den letzten Monaten einen riesigen Datensatz angehäuft, für den er das Bewegungsmuster der Einwohner von mehr als 140 Ländern in Zeiten von Corona analysiert hat. Grundlage des Mobilitätsberichts waren die Nutzerdaten aus Millionen von Handys, die mit den Software-Systemen (Android, Google Maps, usw.) des Unternehmens ausgestattet sind. Google versichert, dass er für den Datenpool seine "strengen Datenschutzvorgaben eingehalten und die Privatsphäre der Nutzer geschützt" habe.

Wir wollen es glauben und leiten aus den Ergebnissen der Analyse unsere eigene Frage ab: Wie sahen während des Lockdowns die Bewegungstrends in Deutschland und unseren Nachbarländern aus, namentlich Italien, Frankreich und Spanien?

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Parkbesuche waren trotz Ausgangsbeschränkungen und -sperren vielerorts erlaubt. Viele Menschen haben das ausgenutzt. (Bild: Getty Images)
Parkbesuche waren trotz Ausgangsbeschränkungen und -sperren vielerorts erlaubt. Viele Menschen haben das ausgenutzt. (Bild: Getty Images)

Orte und Zeiträume

Für den Mobilitätsbericht hat Google die Zahl der Besuche und Aufenthaltsdauer an sechs Ortstypen analysiert: Wohnorte, Arbeitsstätten, Parks, Bahnhöfe und Haltestellen, Läden für den täglichen Bedarf sowie Einzelhandel und Freizeit. Im Fokus standen die Bewegungstrends zwischen dem 24. April und dem 5. Juni. Bezugspunkt der Analyse war der Referenzwert oder: Madianwert des jeweils entsprechenden Wochentags vor der Krise im Zeitraum vom 3. Januar bis zum 6. Februar.

Was zunächst auffällt: Es gibt durchaus Unterschiede in den Bewegungstrends. Das überrascht wenig angesichts der länderspezifischen Anti-Corona-Bestimmungen. In Deutschland waren die Maßnahmen vergleichsweise weniger streng. Während hier im untersuchten Zeitraum Ausgangsbeschränkungen galten, die in jedem Bundesland anders definiert wurden, hatten die Regierungen in Frankreich, Italien und Spanien Ausgangssperren verhängt. Die Wohnung verlassen durften die Menschen dort nur aus triftigen Gründen, etwa der Arbeit und des Einkaufens wegen. Auch Aktivitäten wie Sport (Frankreich), Hund ausführen sowie Kinder, ältere Menschen und Hilfsbedürftige betreuen (Spanien) gehörten zu den wenigen Ausnahmen.

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Maßnahmen und Verhaltensweisen

Vor diesem Hintergrund brach in Deutschland im untersuchten Zeitraum die Mobilität im Einzelhandel und in der Freizeit durchschnittlich um 20 Prozent im Vergleich zur Referenz ein. Größer ist der Rückgang in den drei anderen Ländern. Frankreich verzeichnet an Orten wie Restaurants, Einkaufszentren, Museen und Kinos insgesamt einen Mobilitätsverlust um 26 Prozent. Italien kommt auf einen Wert von -28 Prozent. In Spanien waren laut Google sogar 31 Prozent weniger Menschen im Einzelhandel und in Freizeiteinrichtungen unterwegs.

Ähnlich fällt der Befund hinsichtlich der Rubrik "Parks" aus, wozu Google öffentliche Plätze, Gärten und Strände sowie Nationalparks, Jachthäfen und Hundeauslaufgebiete zählt. In Deutschland wurden diese Orte von Menschen offenbar regelrecht überrannt. Um ganze 21 Prozent höher war hier die Mobilität. Im "strengeren" Spanien stieg der Wert im Vergleich dazu weniger stark, insgesamt um acht Prozent. In Italien lag der Bewegungstrend ein Prozent über der Referenz. Dagegen brachen in Frankreich die Parkbesuche deutlich ein, hier hatten sich sieben Prozent weniger Menschen in Parks und Co. bewegt als vor dem Lockdown.

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Einkaufen in Zeiten von Corona: Mit Gesichtsmaske und Sicherheitsabstand. (Bild: Getty Images)
Einkaufen in Zeiten von Corona: Mit Gesichtsmaske und Sicherheitsabstand. (Bild: Getty Images)

Interessant ist auch die Mobilität in den Läden für den täglichen Bedarf. Obwohl sich die Einwohner in allen vier Ländern beispielsweise in den Supermärkten mit dem Notwendigsten eindecken durften, ging der Bewegungstrend überall nach unten. Am stärksten viel der Wert in Italien und Spanien (-10 Prozent), am wenigsten in Frankreich (- 1 Prozent). In Deutschland gingen im Vergleich zum Referenzwert zwei Prozent weniger Menschen in Geschäfte.

Was am Datensatz Googles ebenfalls deutlich wird: Die Bewegungstrends in den sechs Ortstypen spiegeln nicht zwingend die in den jeweiligen Ländern geltenden Anti-Corona-Maßnahmen wider. Zum Beispiel sind die Mobilitätsunterschiede zwischen dem "lockeren" Deutschland und dem "strengen" Italien in manchen Bereichen weniger groß, als man das mit Blick auf die Anti-Corona-Maßnahmen erwartet hätte. In Italien galt eine der strengsten Ausgangssperren. Landesweit durften die Menschen nur zum Arbeiten oder Einkaufen Wohnung oder Haus verlassen. Auf einem Formular musste jeder den Grund für den Ausgang erklären. Dennoch verzeichneten die Parks nach anfänglichem Einbruch der Mobilität um 80 Prozent einen allmählichen Anstieg. Ähnlich in Frankreich. Dort lag der Mobilitätstrend in den Parks Anfang Mai noch knapp 80 Prozent unter dem Referenzwert, bevor er teils deutlich über den Durchschnitt stieg.

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Fazit

Nicht zuletzt aus solchen Unregelmäßigkeiten und Entwicklungen ließen sich Erkenntnisse gewinnen, die Regierungen in Katastrophensituationen wie der aktuellen nutzbar machen könnten. Sind zum Beispiel strenge Ausgangssperren sinnvoll, wenn sich die Menschen doch nicht daran halten oder zumindest deren Einhaltung mit der Zeit vernachlässigen? Welche Auswirkungen hat das Nichtbefolgen der Bestimmungen auf die Infektionszahl? Sind einige Orte gefährlicher als andere? Antworten auf diese und ähnliche Fragen hätten entsprechende politische Entscheidungen zur Folge. Zum Beispiel könnten Maßnahmen ergriffen werden, die differenzierter wären, weil sie situationsbedingt sind. Antworten auf die Fragen sind wichtig, und sie müssen schnell gefunden werden. Denn die Coronakrise – so heißt es noch immer seitens der Experten – ist noch lange nicht überstanden. Es droht noch immer eine zweite und womöglich eine dritte Welle, und in Zukunft vielleicht sogar vergleichbare Katastrophen.

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