Häkkinen über Adelaide 1995: "Wie in einem Horrorfilm!"

Maria Reyer
·Lesedauer: 7 Min.

Der 10. November 1995 veränderte das Leben von Mika Häkkinen für immer. Der Finne könnte jenen entscheidenden Tag gar als zweiten Geburtstag feiern. Denn er überlebte einen der schwersten Unfälle der 1990er-Jahre. "Das war wie in einem Horrorfilm", erinnert er sich über 20 Jahre später noch an den heftigen Aufprall und die langen Monate danach.

"Natürlich war das vor langer Zeit, aber ich erinnere mich noch an den Tag, an unsere Performance und auch an den Unfall selbst. Aber eher daran, wie ich im Auto sitze und mich nicht bewegen kann. Ich habe realisiert: 'Shit, ich kann meine Beine nicht bewegen und komme nicht aus dem Auto raus'", erzählt Häkkinen im Podcast 'Beyond the Grid'.

Was war geschehen? Am Freitagnachmittag trat der damals 27-Jährige im McLaren MP4/10 im Qualifying an, als auf einer schnellen Runde plötzlich sein linker Hinterreifen platzte. Häkkinen flog bei knapp 200 km/h in der schnellen Brewery-Bend-Rechtskurve ungebremst in die Reifenstapel.

Häkkinen: "Ich dachte: 'Das war's jetzt!'"

Noch wenige Tage zuvor freute sich der damalige Ferrari-Berater Niki Lauda darüber, dass die Saison 1995 glimpflich zu Ende ging und die Formel 1 nach dem Schock von Imola 1994 wieder zur Normalität zurückgefunden habe. "Das Schönste an dieser Formel-1-Saison ist, dass nichts Schlimmes passiert ist."

Im Nachhinein wirkten diese Worte wie eine selbstzerstörende Prophezeiung aus dem Mund des dreimaligen Weltmeisters. Denn Häkkinen war nach dem Aufprall in den Reifenstapeln nicht bei Bewusstsein, sein Kopf neigte sich leicht zur Seite. Sofort wurden die Erinnerungen an die schweren Unfälle des Vorjahres geweckt.

Das Saisonfinale 1995 war das letzte Rennen, bevor die neuen höheren Cockpit-Seitenwände eingeführt wurden. Das HANS war damals noch nicht erfunden. Sollte ausgerechnet an jenem Novembertag ein weiteres Talent zu früh von dieser Erde gehen, damit die Formel 1 ihre Lektion lernt?

Die McLaren-Crew schickte Genesungswünsche an Häkkinen

Die McLaren-Crew schickte Genesungswünsche an Häkkinen<span class="copyright">Motorsport Images</span>
Die McLaren-Crew schickte Genesungswünsche an HäkkinenMotorsport Images

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"Ich dachte: 'Das war's!'", gibt Häkkinen zu. Der Finne hatte Glück im Unglück, denn die Rettungsmannschaft rund um Streckenarzt Sid Watkins war binnen weniger Minuten an der Unfallstelle. Der Brite erkannte den Ernst der Lage sofort. Häkkinen blutete stark aus dem Mund.

"Ich sagte mir: 'Bleib entspannt und mach einfach gar nichts'. Denn ich konnte sowieso nichts machen. Sie haben mich dann rausgeholt. Zunächst war ich noch bei Bewusstsein." Doch als Watkins noch am Ort des Geschehens einen Luftröhrenschnitt durchführte - Häkkinen hatte seine Zunge beim Aufprall verschluckt - verlor er sein Bewusstsein.

Das Problem war jedoch nicht die Zunge, sondern die schweren Kopfverletzungen. Die Frakturen des Schädels hatte sich Häkkinen deshalb zugezogen, weil sein Helm hart am Lenkrad aufprallte, danach noch an den Seitenwänden des Cockpits. Die Knöpfe des Lenkrades waren gar als Abdrücke am Helm sichtbar.

Die Zeit im Krankenhaus: "Einfach grausam"

Im Royal Adelaide Krankenhaus wurde sein Kopf schließlich untersucht und mehrere Brüche festgestellt, auf der Intensivstation konnte er erst am nächsten Tag wieder sein Bewusstsein erlangen. "Ich erinnere mich daran, wie ich im Krankenhaus aufgewacht bin und was dort alles passiert ist. Das waren wirklich grausame Dinge - wie in einem Horrorfilm!"

Sofort nachdem er aufgewacht war, erkundigte sich Häkkinen bei Teamchef Ron Dennis über die Unfallursache. Der Brite bestätigte ihm, dass ein Reifenschaden dafür verantwortlich gewesen sei. Der Finne war erleichtert, dass es kein Fahrfehler gewesen war.

An die Zeit im australischen Krankenhaus erinnert er sich nur ungern. "Alles ist einfach grau und dunkel gewesen. Und so war es die ganze Zeit. Obwohl ich sehr tolle Leute um mich herum hatte, war das eine wirklich düstere Zeit in meinem Leben."

Häkkinen musste mehrere Operationen über sich ergehen lassen. "Verrückte" Test seien mit ihm durchgeführt worden, um sicherzustellen, dass sein Gehirn keinen großen Schaden davongetragen habe. Die Schmerzen seien aber das Schlimmste an dieser Zeit gewesen.

"Wenn man so etwas überlebt, und dann das erste Mal wieder aus dem Krankenhaus kommt und auf der Straße gehen kann, dann ist man all den Menschen sehr dankbar, die sich um einen gekümmert haben in dieser schrecklichen Zeit."

Zum Beispiel konnte er die Augenlieder nicht von selbst schließen, da diese Muskelpartie im Gesicht beim Unfall beschädigt wurde. Um in der Nacht ein paar Stunden Schlaf zu finden, mussten die Krankenschwestern seine Augen verbinden. Auch mit dem Schließen des Mundes hatte er Probleme, weshalb auch das Trinken schwierig gewesen sei.

"Ich musste in eine Druckkammer der Navy!"

"Es war einfach eine schreckliche Erfahrung." Häkkinen stellte sich die Frage, ob er jemals wieder ein normales Leben führen konnte. An Rennfahren war zu jenem Zeitpunkt im November 1995 nicht zu denken. "So etwas kann man nie ganz verarbeiten", gibt er zu.

"Zunächst habe ich daran gar nicht gedacht, [wieder Rennen zu fahren], weil es allein schon körperlich nicht möglich gewesen wäre. Ich wusste nicht einmal, ob ich wieder ein völlig normales Leben führen würde. Dann, als ich ein bisschen stärker wurde, haben wir darüber gesprochen, ob ich bald nach Europa fliegen könnte."

Vor Weihnachten wurde Häkkinen schließlich nach England in ein anderes Krankenhaus geflogen. Davor musste er aber weitere Tests absolvieren. "Um mich auf den Flug vorzubereiten, musste ich in eine Druckkammer der Navy! Dort haben sie mich reingesteckt, [um zu sehen, wie sich der Druck im Flugzeug auf meinen Körper auswirken würde]."

Melbourne 1996: Häkkinen steht wieder am Start!

Melbourne 1996: Häkkinen steht wieder am Start!<span class="copyright">Motorsport Images</span>
Melbourne 1996: Häkkinen steht wieder am Start!Motorsport Images

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Kurz vor Weihnachten sei er schließlich wieder in Europa angekommen. "Ich hatte [in Australien] wirklich eine fantastische medizinische Betreuung. Ich kam dann nach England und wurde dort in London weiterhin betreut. Das war eine wirklich schwere Zeit."

Wog Häkkinen in seiner aktiven Zeit vor dem Unfall bei einer Körpergröße von 1,79 Meter schon nur 68 Kilogramm, so nahm er danach noch deutlich ab. "Ich habe dadurch noch viel Gewicht verloren. Ich sah aus wie ein Skelett, so dünn war ich. Die Ärzte haben mir nicht mal erlaubt, irgendwelche Übungen zu machen."

Um den Jahreswechsel 1995/96 war er schließlich wieder in seiner Wahlheimat Monaco angekommen. "Zuhause in Monaco saß ich dann auf der Terrasse und wartete auf den Anruf mit der Frage, ob ich wieder fahren will. Das war ein schlimmes Gefühl."

87 Tage danach: Geheimtest in Paul Ricard

Denn für den damals 27-Jährigen stand fest: "Ich wollte wieder Rennen fahren." Zwar wurde er von seinem Team nicht unter Druck gesetzt, jedoch wollte Häkkinen so schnell wie möglich zurück an die Rennstrecke. Er begann eine bemerkenswerte Rehabilitation. Jeder Tag sei ein Kampf gewesen, erinnert er sich - körperlich und mental.

Seine Schmerzen habe er einfach ignoriert. "Man muss sich auf das Racing konzentrieren. Aber so wirklich kann man das nicht verdauen. Man kann mit allen Spezialisten auf der Welt sprechen, aber man kann sich dem einfach nicht entziehen, was man erlebt hat. Man muss damit leben."

Häkkinen schildert, er habe härter denn je arbeiten müssen, um gesund zu bleiben und den Unfall mental verarbeiten zu können. "Ansonsten zieht es dich immer tiefer runter und du verfällst in Selbstmitleid. Das bringt dich im Leben aber auch nicht weiter. Das ist also eine große Herausforderung gewesen, aber ich hatte zum Glück großartige Menschen um mich herum."

Melbourne 1996: Häkkinen fährt im Comeback-Rennen auf Platz fünf

Melbourne 1996: Häkkinen fährt im Comeback-Rennen auf Platz fünf<span class="copyright">Motorsport Images</span>
Melbourne 1996: Häkkinen fährt im Comeback-Rennen auf Platz fünfMotorsport Images

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Jedoch hatte er körperlich noch lange nicht wieder zu alter Form zurückgefunden, als die Saison 1996 in Melbourne begann. "Ich wurde dann am Ende von 1997 wieder ein wenig stärker, erst da kam ich körperlich wieder in Form. Das hat lange gebraucht."

Seine Ansicht über die Sicherheit in der Königsklasse hat sich aber auch durch seinen Unfall nicht verändert. "Ich wusste, dass es schon vor mir schwere Unfälle gegeben hat. Motorsport ist gefährlich. Jeder Fahrer, der in diesem Sport antritt, weiß, dass das Risiko besteht. Danach kann man nicht weinen, wenn etwas passiert ist."

Er begrüßt die neuen Sicherheitsstandards, die als Antwort auf die schweren Unfälle eingeführt wurden. "Die Firmen würden außerdem nicht mehr im Motorsport involviert sein wollen, würde die FIA gemeinsam mit den Fahrern und Teams nichts für die Sicherheit unternehmen. Also musste etwas passieren und viel Gutes wurde bereits gemacht."

Nachsatz: "Aber es bleibt immer ein Restrisiko, denn schließlich fahren wir hier mit Hochgeschwindigkeitsboliden."

Mit Bildmaterial von LAT.