"Hätte über 60 Punkte Vorsprung": Raubt der Defektteufel Rast den Titel?

Sven Haidinger
motorsport.com

Rene Rast führt in der DTM-Wertung vier Rennen vor Schluss 20 Punkte vor seinem Audi-Herausforderer Nico Müller. Und weiß genau: Ohne sein Technikpech wäre ihm der Titel dieses Jahr kaum noch zu nehmen. "Wenn wir uns die Resultate anschauen, die wir ohne die Probleme gehabt hätten, dann wären wir mit über 60 Punkten vorne", sagt Rast, der am Samstag auf dem Lausitzring durch ein Elektrik- oder Elektronik-Problem in Führung liegend ausschied, wodurch ausgerechnet Müller den Sieg abstaubte.

"Hockenheim auf Platz zwei liegend, auf dem Lausitzring in Führung liegend und auch in Zolder war ich relativ weit vorne, als ich ausgefallen bin", zählt Rast seine drei Ausfälle in dieser Saison auf. "Das sind über 50 Punkte, die natürlich helfen würden."

Die Rechnung stimmt nur bedingt: Rast lag zwar bis zu seinem Ausfall in Zolder wegen eines Problems mit dem Turbolader auf einem sicher scheinenden dritten Platz. Da er aber seinen Stopp bis zur Safety-Car-Phase nicht absolviert hatte und zu diesem Zeitpunkt hinter Marco Wittmann lag, der am Ende auf Platz sieben kam, hätte er vermutlich nicht mehr als vier Punkte geholt.

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Nachgerechnet: Rund 47 Punkte wegen Technik verloren

In Hockenheim vereitelte ein Sensor, der sich wegen der Vibrationen gelöst hatte, einen zweiten Platz, wenn nicht sogar den Sieg im Duell gegen Marco Wittmann. Gehen wir von Platz zwei aus, ergibt das, dass Rast diese Saison geschätzte 47 Punkte durch die Technik verloren hat. Und wenn Rast noch einmal ausfällt und Müller gewinnt, ist plötzlich der Schweizer in der Meisterschaft vorne!

Schon beim Saisonauftakt in Hockenheim rollte Rast wegen eines Sensors aus

Schon beim Saisonauftakt in Hockenheim rollte Rast wegen eines Sensors aus <span class="copyright">LAT</span>
Schon beim Saisonauftakt in Hockenheim rollte Rast wegen eines Sensors aus LAT

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"Hat Nico schon einen technischen Defekt gehabt?", fragt Rast. "Ich glaube, er hat jedes Rennen gepunktet." Tatsächlich musste Müller diese Saison im Gegensatz zum DTM-Leader noch keinen einzigen Ausfall hinnehmen und kam nicht nur in jedem der 14 Saisonrennen in die Punkte, sondern auch an jedem Wochenende mindestens einmal auf das Podest.

In Siegen steht es zwar 2:5 für Rast, dennoch hat Müller in den Rennen bislang wie sein Rivale genau 207 Punkte geholt. Der Unterschied von 20 Zählern ist ausschließlich auf Rasts Qualifying-Stärke zurückzuführen. "Die beiden haben ein ganz unterschiedliches Profil", fällt auch Audi-Sportchef Dieter Gass im Gespräch mit 'Motorsport.com' auf.

Rast: Fahrer hat keinen Einfluss auf Haltbarkeit

"Nico hat bis zum Sonntag in den Rennen sogar mehr Punkte geholt als Rene, während der im Qualifying stärker war. Das verspricht Spannung für die kommenden Rennen." Müllers starke Bilanz in den Rennen spricht aber nicht nur für seine Konstanz, sondern zeigt auch, dass die Technik auf seiner Seite war.

Aber gibt es einen Grund dafür, dass bei Rast öfter Probleme auftreten? "Das hast du nicht in der Hand", antwortet Rast, der diese Saison sogar mehrfach bewusst auf Push-to-pass verzichtete, um die Haltbarkeit nicht in Gefahr zu bringen.

"Das passiert oder es passiert nicht. Da bringt auch eine schonende Fahrweise nichts, denn die Technik streikt, wo sie will. Das ist wie beim Straßen-Pkw: manchmal hat man Pech, manchmal Glück. Wir hatten im Vorjahr oft Glück, dieses Jahr hingegen ein bisschen Pech, aber wir führen immer noch die Meisterschaft an."

Auch aus technischer Sicht könne man sich nicht gegen alle möglichen Probleme wappnen. "Man kann das mit Sicherheit auch totanalysieren, warum gewisse Dinge passieren", weiß er. "Wenn man den Fehler einmal gefunden hat, dann versucht man natürlich, dass dieser Fehler nicht mehr vorkommt."

Müllers Glück: Pannen bisher nur im Training

Und was sagt Müller? Der ist im Gegensatz zu seinem Rivalen schon der Meinung, dass man als Fahrer die Zuverlässigkeit beeinflussen kann. "Wenn du kannst, dann versuchst du auf jeden Fall, nicht unnötig Stress in die ganze Materie zu bringen", sagt der Schweizer. "Das geht nicht immer, sehr selten sogar, aber wenn es geht, dann machst du es auf jeden Fall."

In den Rennen stets verschont: Müller weiß, bei wem er sich bedanken muss

In den Rennen stets verschont: Müller weiß, bei wem er sich bedanken muss <span class="copyright">Audi</span>
In den Rennen stets verschont: Müller weiß, bei wem er sich bedanken muss Audi

Audi

Dennoch weiß auch der 27-Jährige, dass der Defektteufel auch bei ihm jederzeit zuschlagen kann: "Man weiß nie, ob es einen nicht selber irgendwann trifft. Wir haben so schnelle Autos, die so viel Leistung auf den Boden bringen, wo auch Vibrationen im Spiel sind. Da kann auch immer etwas kaputtgehen."

Bisher seien die technischen Probleme, die auch Müller diese Saison "hier und da" hatte, "zum Glück nur im Freien Training oder im Qualifying aufgetreten und nie im Rennen", klopft der Abt-Audi-Pilot auf Holz. "Bisher ist es gutgegangen, und ich bin zuversichtlich, dass es auch so bleibt."

Audi: Konzentrieren uns wegen Haltbarkeit auf beide Fahrer

Das habe auch mit seiner Mannschaft zu tun: "Ich bin einfach nur dankbar, dass meine Jungs einen Top-Job machen und das Auto so gut es geht durchleuchten, um allfällige Schwachstellen früh genug zu entdecken. Da kann ich nur ganz herzlich Danke sagen."

Bei Audi weiß man vor dem Saisonfinale, dass die Zuverlässigkeit den Titelkampf entscheiden könnte - eine Schlagzeile, die man aber in Ingolstadt ungern lesen würde. Deswegen erwägt man sogar, bei Rast und Müller vor dem Nürburgring-Wochenende einen Motorenjoker zu ziehen und die beiden mit frischen Triebwerken auszurüsten.

Die Angst vor einem plötzlichen Defekt ist laut Gass auch der Grund, warum man sich nicht auf einen der beiden an der Spitze liegenden Audi-Piloten konzentriere. "Wir haben dieses Jahr schon einige Ausfälle gesehen", sagt der Audi-Sportchef. "Man kann auch mal Unfälle haben, das haben wir im letzten Jahr hier gesehen mit Rene Rast. Und da ist es natürlich riskanter, wenn nur ein Auto da vorn mit dabei ist im Titelkampf. Deswegen ist es besser, beide Autos vorn zu behalten."

Mit Bildmaterial von Audi.

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