"Es ist die Hölle": Der Sudan ruft nach Hilfe

Einen Monat nach der Gewalteskalation im Sudan sind hunderte Tote und tausende Verletzte zu beklagen, die Dunkelziffer dürfte nach Expertenansicht um ein Vielfaches höher liegen.

Bereits jetzt zeichnet sich eine humanitäre Katastrophe unvorstellbaren Ausmaßes ab: in dem 46-Millionen-Einwohnerland könnten Schätzungen des Welternährungsprogramms der Vereinten Nationen zufolge schon bald 19 Millionen Menschen - oder 41 Prozent der Bevölkerung - vom Hunger bedroht sein, sollte es nicht gelingen, den Konflikt zu beenden.

Die Situation ist haarsträubend, es fehlt am Allernötigsten, wie Mathilde Vu, von der gemeinnützigen Organisation “Norwegische Flüchtlingshilfe”, berichtet:

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“Es ist die Hölle. Menschen kämpfen jeden Tag darum, Wasser zu finden, weil es kein fließendes Wasser mehr gibt, sie haben Mühe, etwas zu essen zu finden, es ist problematisch, vor die Tür zu gehen, weil sie ins Kreuzfeuer geraten können, wenn sie nur etwas zu essen kaufen wollen. Und wenn sie in einem Geschäft ankommen, dann sind die Preise unbezahlbar. Allen geht das Bargeld aus, denn die Banken sind seit 26 Tagen geschlossen.”

Am 15. April brach in Sudans Hauptstadt Khartum Gewalt zwischen rivalisierenden militärischen Gruppen aus, deren führende Köpfe sich 2021 gemeinsam an die Macht geputscht hatten.

Die sudanesische Armee unter General Abdel Fattah al-Burhan bekriegt sich mit dem einflussreichen Chef der paramilitärischen RSF-Miliz von General Mohammed Hamdan Daglo, eine Miliz, die 2013 aus der berüchtigten Janjaweed-Miliz hervorging. Sie wird beschuldigt, in der Region Darfur "ethnische Säuberungen" nicht-arabischer Minderheiten vorgenommen zu haben.

Flüchtlingsstrom verlässt das Land

Von ortsansässigen Kolleg:innen, mit denen die die Norwegische Flüchtlingshilfe versucht in Kontakt zu bleiben, gibt es kaum Informationen. Die Mobilfunk-Netzwerke funktionieren derzeit nicht, Stromausfälle häufen sich nach Angriffen auf Elektrizitätswerke. Es wird von Plünderungen berichtet, sagt Vu, Menschen würden gezwungen, ihre Häuser zu verlassen, weil sie von bewaffneten Gruppen besetzt wurden.

Die UN-Organisation für Migration (IOM) geht davon aus, dass seit Mitte April mindestens 700.000 Menschen im Sudan auf der Flucht im eigenen Land sind, die Zahl der in Nachbarländern registrierten Flüchtlingen beläuft sich auf mehr als 150.000.

“Jedes bisschen Leben, das noch existieren kann, ist im Moment entweder zerstört oder in Gefahr. Deshalb sind viele Menschen geflohen und fliehen entweder an die Grenze im Norden, nach Ägypten oder in den Süden, in den Südsudan oder manchmal auch in nahe gelegene Städte im Osten”, fasst Vu die Situation zusammen.

Sadeia Alrasheed Ali Hamid, eine sudanesische Aktivistin, die derzeit in Saudi-Arabien lebt, berichtet Euronews von den Zuständen in ihrer Heimat:

Wir lassen Leichen auf der Straße liegen, die von den Hunden gefressen werden. Was sind das für Zustände? Und nicht nur das. Wir haben Kinder, die nicht ins Krankenhaus gehen können. Sie haben Angst. (...) Sie bleiben unter ihrem Bett, weil jeder Angst hat, hinauszugehen, um sich etwas zu essen- oder irgendetwas zu kaufen.

“Wir lassen Leichen auf der Straße liegen, die von den Hunden gefressen werden. Was sind das für Zustände? Und nicht nur das. Wir haben Kinder, die nicht ins Krankenhaus gehen können. Sie haben Angst. (...) Sie bleiben unter ihrem Bett, weil jeder Angst hat, hinauszugehen, um sich etwas zu essen oder irgendetwas zu kaufen. (...) Ich habe gehört, dass sie es auf die lokalen Märkte abgesehen haben, auf die wichtigsten lokalen Märkte in Khartum. Es gibt einfach ein paar Banden, die dort hingehen und alles auf dem Markt zerstören, alles stehlen. Und auf diesen Märkten gibt es die Produkte, die die Menschen brauchen, wie zum Beispiel Lebensmittel und alles andere.”

Aussicht auf ein baldiges Ende des Krieges nicht in Sicht

Am vergangenen Freitag unterzeichneten die Kriegsparteien im saudi-arabischen Dschidda eine Verpflichtungserklärung, die es ermöglichen soll, humanitäre Hilfen ins Land zu lassen und die Zivilbevölkerung zu schützen. Etwas, das seit der Gewalteskalation aus Sicherheitsgründen kaum mehr möglich war. Für Hilfsorganisationen gibt es einen weitere Schwierigkeiten, wie Vu ausführt:

Die Tatsache, dass es in diesem Land kein Geld gibt, macht es wirklich schwierig. Wir müssen schreckliche Entscheidungen treffen: Zahlen wir für Treibstoff, für Lebensmittel, für das Gehalt? Und das schränkt die Möglichkeiten einer Organisation, in großem Umfang zu helfen, wirklich ein.

Die Aussicht auf ein baldiges Ende des Bürgerkrieges scheint in weiter Ferne, selbst eine Feuerpause konnte bislang nicht erreicht werden. Die Sorge, dass sich der Konflikt auf Nachbarländer ausweiten könnte, wächst. Ein Grund, warum Hilfsorganisationen sich darum bemühen, die Aufmerksamkeit so schnell wie möglich auf den Sudan zu lenken. Nachbarländer wie Libyen, Tschad oder Äthiopien kämpfen mit wirtschaftlichen Herausforderungen, die politische Lage ist oft instabil. Hinzu kommen die deutlich spürbaren Auswirkungen des Klimawandels, oder wie Vu es ausdrückt, die Region sei bereits “extrem anfällig für Schocks”.

Eines der Dinge, die passieren müssten, sagt Vu, ist, dass die internationale Gemeinschaft eine sehr, sehr deutliche Botschaft an die Kriegsparteien sendet und klarstellt, dass humanitäre Hilfe und das Leben von Zivilist:innen und die zivile Infrastruktur unabhängig von Waffenstillständen, unabhängig von Friedensabkommen geschützt werden müssten, oder wie die sudanesische Aktivistin Sadeia Alrasheed Ali Hamid es ausdrückt:

"Zumindest jetzt sollte die ganze Welt darüber reden, was im Sudan passiert. Wir können nicht einmal zählen, wie viele Tote es in unserem Land gegeben hat. Ich habe das Gefühl, dass wir übergangen werden. Ich bitte Sie. (...) Wir sind Teil einer ganzen Welt. Dem ganzen Universum. Wir sind ein Teil hiervon. Es gibt eine Stimme hier in Afrika, im Sudan, die nach Hilfe ruft."

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