Warum Hülkenberg Albons Gnadenfrist wertlos macht

Christian Paschwitz
·Lesedauer: 4 Min.

Man möchte in dieser Haut nicht stecken, und das beiderseitig.

Es war einmal mehr ein Rennen zum Vergessen für Alexander Albon. Der Red-Bull-Pilot hatte beim Grand Prix der Türkei einen Spitzenplatz vor Augen, mehr noch: lag sogar unerwartet auf Siegkurs. Dann aber warf ihn ein Dreher auf Platz sieben zurück, weil Albon zu wenig auf seine Reifen geachtet hatte. Ein Eigenfehler - wieder mal.

Einmal mehr eine Situation zum Am-liebsten-Nicht-Weiter-Drüber-Nachdenken ist es nun für Red Bull: "Zumindest ein Podium hat er weggeschmissen mit diesem Dreher", sagte Helmut Marko hinterher wenig amüsiert bei Sky, zumal Albons auch nur eine Position besser liegender Teamkollege Max Verstappen diesmal auch nicht gerade die Sterne vom Himmel fuhr. (DATENCENTER: Die Fahrerwertung der Formel 1)

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Und doch wählte der Motorsportkonsulent seine Worte erneut mit Bedacht. Albon sei bis zu seinem Fauxpas "ein relativ gutes Rennen" gefahren. Fragen über Albons Zukunft versuchte Marko in bekannter Manier zum umschiffen. "Das beurteilen wir am Ende der Saison, keine Zwischenwertung. Wir haben gesagt, die Evaluierung kommt nach Abu Dhabi."

Doch kann es sich Red Bull tatsächlich erlauben, weiter derart auf Zeit zu spielen, gerade auch öffentlich? Tut man auch Albon einen Gefallen, den 25-Jährigen im Glauben zu lassen, er könne das Ruder noch herumreißen nach einer bislang wenig ruhmreichen Saison und höchst bedenklicher Performance?

Albon bei Red Bull: "Ein bisschen verwirrt"

Dessen Worte unmittelbar nach dem Rennen passten jedenfalls - wenn auch unfreiwillig - bestens ins Bild zur Gesamtsituation: "Ich habe gemischte Gefühle", sagte Albon, "ich fühle mich nach dem Rennen ein bisschen verwirrt."

Seine Chancen, das zweite Cockpit zu behalten, hatte der Thailänder aber zuvor schon immer wieder ramponiert, daran ändert sein erster Podiumsplatz beim Großen Preis der Toskana genauso wenig wie Markos Bescheinigung, in Istanbul im Training und Qualifying solide unterwegs gewesen zu sein.

Denn: Als es darauf ankam, war Albon erneut vieles schuldig geblieben.

Noch am besten in Erinnerung dazu ist der Wirbel beim Grand Prix der Eifel, als er sich nicht nur üble Verbremser leistete, sondern sich nach einer Kollision mit Daniil Kvyat von dem AlphaTauri-Fahrer dafür einiges anhören durfte ("Albon hat mir mein Rennen ruiniert. Das hat er ziemlich schlecht eingeschätzt").

Hinter den Kulissen dürften längst die Strippen gezogen werden, um Verstappen für die kommende Saison zumindest einen wesentlich zuverlässigeren Partner zur Seite zu stellen.

Red Bull? Hülkenberg scherzt über Vertrag

Dass dieser Nico Hülkenberg heißen könnte, wird immer wahrscheinlicher. Seit Wochen wird der deutsche Edel-Reservist als Albon-Nachfolger gehandelt, liefert dafür mehrfach überzeugende Argumente, indem er für Racing Point gar in die Punkteränge fuhr.

"Die Karten sind gelegt. Ich habe meine Chancen gehabt, und die habe ich genutzt, so gut es ging", sagte der 33-Jährige nun am Montag in der Sport-Talkshow von Red-Bull-Sender Servus TV - wo er zunächst auf die Frage, ob er schon einen Vertrag unterschrieben habe, augenzwinkernd bejahte, damit aber auf "einen neuen Bausparvertrag" anspielte.

Tatsächlich bestätigte Hülkenberg Kontakte zu anderen Rennställen, indirekt somit auch zu Red Bull, "aber nicht jeden Tag". Abwarten und Pokern heißt also die Devise, zumal auch Sergio Pérez nach wie vor gute Aussichten hat, im Rennstall von Dietrich Mateschitz anzuheuern. (Rennkalender der Formel 1 2020)

Dass er die Klasse dafür hat, bewies der Racing-Point-Pilot mit Platz zwei in der Türkei - obendrein könnte Brause-Hersteller Red Bull mit dem drei Jahre jüngeren Pérez als Aushängeschild, der nach 14 von 17 Rennen auf WM-Platz vier liegt, in dessen mexikanischer Heimat bestehende Absatzmärkte kräftig ausbauen.

Marko und Red Bull mit Schlingerkurs

So oder so: Für Marko und Co. ist es ein Spagat zwischen weiterhin vertrauensbildenden Maßnahmen für Albon, Perspektiven abschätzen für Hülkenberg und Pérez sowie einem Lavieren in der Öffentlichkeit.

"Das war ein einzigartiges Wochenende. Wir werden uns das auf jeden Fall noch einmal genauer ansehen", so der Red-Bull-Lenker.

Schon Mitte Oktober hatte Marko im AvD Motorsport Magazin auf SPORT1 erklärt: "Albon muss performen. Dann bleibt er. Wir schauen uns das weiter an."

Ende des Monats beim Großen Preis von Bahrein ist dazu die nächste Gelegenheit. Doch die Gnadenfrist scheint zu verstreichen - und Red Bull realistisch betrachtet an einem Fahrer-Wechsel kaum noch vorbeizukommen.