Handball EM: Deutscher Traum ist geplatzt

Robin Wigger
Sport1

Als Bob Hanning als letzter DHB-Akteur gegen 23 Uhr in der Mixed Zone erschien, war ihm nicht zum Träumen zumute.

"Mir wurde gesagt, das ist im Promillebereich", sagte der Vizepräsident, als er nach Deutschlands bitterer 24:25-Niederlage gegen Kroatien auf die theoretisch verbleibenden Chancen auf das EM-Halbfinale angesprochen wurde: "So betrunken kann ich gar nicht sein, um das zu glauben."

Und tatsächlich: Eine Konstellation, die neben zwei deutschen Siegen gegen Österreich und Tschechien auch zwei Pleiten von Spanien gegen Kroatien und Weißrussland voraussetzt, wobei letztere mit sieben oder acht Toren ausfallen müsste, ist nicht als (alberne) Spielerei.

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Prokop: "Eine große Leere"

Trotz einer überragenden kämpferischen Leistung, eines großartigen Andreas Wolff und einer zwischenzeitlichen Fünf-Tore-Führung hatten die deutschen Handballer das Schlüsselspiel gegen die Kroaten verloren und damit das angepeilte Halbfinale, Traum und Ziel zugleich, realistisch gesehen verpasst.

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"Das ist sehr enttäuschend. Es ist eine große Leere zu spüren" erklärte Bundestrainer Christian Prokop, dessen Mannschaft den Gegner 45 Minuten lang im Griff hatte, ehe der Faden riss.

Beste deutsche Werfer waren Kapitän Uwe Gensheimer, Philipp Weber, Timo Kastening und der viermal vom Siebenmeterpunkt erfolgreiche Tobias Reichmann, die je vier Treffer erzielten.

"Am Ende stehen wir mit leeren Händen da, weil wir in der zweiten Halbzeit nicht mehr den Zug zum Tor hatten und im Tempospiel zu zaghaft agiert haben", kritisierte Prokop, der zudem das "fehlende Wurfglück" im linken Rückraum ansprach. "Zudem waren wir gefühlt sehr, sehr oft in Unterzahl in der zweiten Hälfte", merkte er im ZDF an.

Gensheimer: "Nicht verdient zu verlieren"

Uwe Gensheimer sah sich "nicht wirklich" zu einer Analyse in der Lage: "Wir haben es nicht verdient zu verlieren nach so einer Leistung. In den letzten zehn Minuten haben wir leider zu viele leichte Fehler gemacht."

Gegen Kroatien war es von Beginn an das erwartete Spiel um jeden Ball, jeden Zentimeter, jedes Tor. Mit einer enorm aggressiven Abwehrarbeit und einem schnellen Umschalten in den Tempoangriff raubten die deutschen Spieler um den starken Weber ihrem Gegner früh den Nerv.

"Das ist eine klasse Verteidigungsleistung und ein supergeiles Tempospiel", rief Prokop seinen Spielern bei der ersten Auszeit zu: "Es dürfen Fehler passieren, aber ich möchte, dass ihr weiter voll draufgeht, ihr macht das super."

Wolff hält drei Siebenmeter

Sie gingen drauf, und wie. Sechs Zeitstrafen bereits in der ersten Halbzeit zeugen von einer kompromisslosen Abwehr, die vor allem Kroatiens Stars Domagoj Duvnjak und Luka Cindric ruppig entzauberte.

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Im Tor stand Andreas Wolff wie ein Fels. Bereits in den ersten 30 Minuten scheiterten die Kroaten gegen den grimmige Entschlossenheit ausstrahlenden Keeper (insgesamt 13 Paraden) dreimal vom Siebenmeterpunkt.

Duvnjak verzweifelt

Die gute Abwehr vor einem starken Torhüter ermöglichte einen optimalen Übergang ins Tempospiel, mit dem Kroatien schlicht und einfach überfordert war.

Deutschland agierte unberechenbar, überraschend, mit vielen Variablen in den Spielzügen. Bisweilen fiel den Kroaten nichts ein, die deutschen Spieler waren immer einen Schritt schneller am Ball, Duvnjak und seine Mitstreiter wirkten behäbig und völlkommen konsterniert.

"Deutschland war überragend, Andi Wolff war überragend. Wir haben keine Chance gehabt", sagte Duvnjak nach dem Spiel.

Nach der Pause schlichen sich dann wieder kleine Unkonzentriertheiten ins deutsche Spiel ein.

Selbst Kroaten rätseln über Sieg

Leichte Ballverluste, unter anderem ein "scheiß Abspielfehler" (Kai Häfner), unglückliche Aktionen von Julius Kühn und eine Fahrkarte des freistehenden Kohlbacher ließen die Kroaten rankommen und schließlich, zum erst dritten Mal im Spiel, in Führung gehen.

"Wir waren nicht mehr so clever und abgezockt", monierte Gensheimer, Kroatiens Aufholjagd habe "den mentalen Druck erhöht".

Igor Karacics siebter Treffer eineinhalb Minuten vor dem Ende reichte zum Sieg. "Keine Ahnung, wie wir das Spiel gewonnen haben", rätselte Duvnjak: "Es ist Wahnsinn."

Prokop will fünften Platz

Und trotz der Niederlage und des bevorstehenden Verpassens des Halbfinals bleibt Stockholm das Ziel. Zumindest versuchten Hanning und Prokop, die Spieler darauf einzuschwören.

"Das Turnier ist noch nicht vorbei. Wir haben jetzt mindestens noch zwei Spiele, die möchten wir auch nutzen", erklärte Prokop, der das Spiel um Platz fünf in der schwedischen Hauptstadt ins Visier nahm (Handball-EM: Österreich - Deutschland ab 20.30 Uhr im LIVETICKER).

Hanning forderte, dass Trainer und Mannschaft das "als gemeinsames großes Ziel lösen" müssen.

Prokop sah einen weiteren Ansporn: "Wir spielen in zwei Tagen gegen den EM-Gastgeber. Sie können sich vorstellen, dass das für Österreich das Spiel des Jahres ist. Die werden alles daran setzen, die Deutschen zu schlagen. Da bin ich mal gespannt, ob wir uns das gefallen lassen."

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