Das Wembley-Drama, das einen ikonischen Jubel hervorrief

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Das Wembley-Drama, das einen ikonischen Jubel hervorrief
Das Wembley-Drama, das einen ikonischen Jubel hervorrief

Wenn Deutsche im Fußball auf Engländer treffen, beginnt das Spiel schon Tage vorher.

Das gehört dazu, beide Seiten vergeben sich da für gewöhnlich nichts. Auch heute vor 25 Jahren, als in ähnlicher Konstellation wie am kommenden Dienstag ein EM-Spiel in Wembley anstand. (EM 2021: England - Deutschland, Dienstag ab 18 Uhr im Liveticker)

Damals allerdings war es das Halbfinale und schon 1996 rauschte es im Blätterwald, es war die letzte EM vor dem Durchbruch des Internets. Was Geschmacksverirrungen nicht verhinderte. Alte Ressentiments wurden im Boulevard ausgelebt. (Alles Wichtige zur Fußball-EM 2021)

Englische Presse vergleicht Spiel mit Krieg

Für den Daily Mirror jedenfalls war der Krieg noch nicht so ganz vorbei. Sie montierten den Gesichtern der englischen Spieler Paul Gascoigne und Stuart Pearce Stahlhelme auf und ließen sie "Surrender!" (Ergebt euch) rufen.

Im Text wurde die Bundesregierung aufgerufen, die Mannschaft bis elf Uhr vom Turnier abzuziehen, sonst begänne der Fußballkrieg. Wer wollte, konnte darüber lachen. Selbst in England war die Empörung groß, Nationaltrainer Terry Venables war regelrecht angewidert und die Redaktion stellte sich am nächsten Tag selbst an den Pranger, in den Löchern steckten die Köpfe der Schreiberlinge.

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Britischer Humor – ein Kapitel für sich. Das Spiel entschädigte für so manches, das Ergebnis erst recht. 75.860 Menschen sahen in Wembley das beste Spiel der EM 1996, der Klassiker wurde seinem Ruf gerecht. Deutschland musste auf Kapitän Jürgen Klinsmann verzichten, der sich im Viertelfinale gegen Kroatien verletzt hatte, schon abgereist waren Kapitän Jürgen Kohler, Stürmer Fredi Bobic und Mario Basler.

"Die vielen Verletzungen haben die Mannschaft noch stärker gemacht. Es war eine Europameisterschaft des Willens. Das große Geheimnis war der Teamgeist", sagte Andreas Möller bei SPORT1.

Kuntz baut auf Talisman

Die Elf von Berti Vogts war von Spiel zu Spiel eine andere, musste sich immer wieder finden und Rückschläge verkraften. Schon nach 134 Sekunden kam der nächste: England ging nach einer Ecke durch einen Kopfball von Alan Shearer in Führung – es war das bis dahin zweitschnellste Tor der EM-Historie.

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Doch nach Vorarbeit von Verteidiger Thomas Helmer glich Klinsmann-Vertreter Stefan Kuntz, damals bei Galatasaray Istanbul, aus (16.). Kuntz hatte alle Kollegen auf einem türkischen Basar mit seinem Talisman – Das Auge Gottes – versorgt.

Nun hatte er selbst Glück und traf mit dem schwachen rechten Fuß. Es blieb vorerst der letzte Treffer des Abends, so sehr die Partie auch hin- und her wogte und an den Nerven zehrte. Als Kuntz in der Verlängerung (97.) ein eigentlich reguläres Tor köpfte, ließ ihn der Talisman im Stich.

Schiedsrichter verhindert erstes Golden Goal

Schiedsrichter Sandor Puhl gab das Tor, das das erste Golden Goal der EM gewesen wäre, nicht. Warum? Bis heute weiß man es nicht, die Bilder zeigen kein Foul auf. Ganz England atmete hörbar auf und Deutschland ging es nicht anders, als Gascoigne mit langem Bein an einer Flanke vorbeirutschte, die Köpke schon hatte passieren lassen.

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Zuvor traf Darren Anderton in diesem Drama, aus dem Steffen Freund eine Minute vor Schluss mit einem Kreuzbandriss ausschied, den Pfosten (93). So ging auch dieses Halbfinale ins Elfmeterschießen. Erinnerungen an Italien 1990, das WM-Halbfinale in Turin, wurden wach. Das war der Beginn des englischen Traumas in dieser Disziplin.

Auch an das Elfmeterschießen von Wembley haben alle Zeitzeugen noch lebendige Erinnerungen, die verdeutlichen, dass auch hoch- bezahlte Millionäre nur Menschen sind. Dieter Eilts bettelte kurz vor Abpfiff um seine Auswechslung, denn "ich schieße garantiert nicht". Berti Vogts erhörte ihn nicht, suchte aber zunächst andere Schützen.

Bode: "Meine Beine wurden immer weicher"

Er kam nur auf vier und fragte Thomas Helmer, ob Bayern-Kollege Thomas Strunz sicher sei. "Kein Risiko", versicherte Helmer, doch Matthias Sammer intervenierte: "Der ist doch erst zwei Minuten im Spiel und hatte noch gar keinen Ballkontakt." Strunz holte sich deshalb den Ball vom Schiedsrichter und jonglierte sich ein wenig in Stimmung.

Der Bremer Marco Bode wurde von Markus Babbel informiert, er sei die Nummer sieben. Da fiel Bode ein, dass er 1992 mit Werder im Pokalhalbfinale gegen Hannover 96 als Nummer sieben entscheidend versagt hatte: "Meine Beine wurden immer weicher, ich immer aufgeregter, aber ich kam davon.", sagte er 2016 dem Magazin 11 Freunde.

Die ersten fünf Schützen auf beiden Seiten hatten getroffen, nichts war zu spüren von englischen Wackelfüßen. Bei den Deutschen aber auch nicht. Die Torfolge: 2:1 Shearer, 2:2 Häßler, 3:2 Platt, 3:3 Strunz, 4:3 Pearce, 4:4 Reuter, 5:4 Gascoigne, 5:5 Ziege, 6:5 Sheringham, 6:6 Kuntz.

Schulmobbing als Motivation für Kuntz

Auf Kuntz lastete ein immenser Druck, er selbst erhöhte ihn mit der Vorstellung "was meine Kinder in der Schule erleben müssten, wenn ich jetzt verschieße. Ich habe regelrecht Hass aufgebaut." Ein Scorerpunkt ging also an den Hass an diesem Abend des 26. Juni 1996 und das Elfmeterschießen in die Verlängerung.

Nun kamen die Nachrücker dran und gleich der erste vergab: Garry Southgate, der heutige Nationaltrainer, wollte eigentlich nicht schießen, ließ sich aber überreden und scheiterte kläglich an Andy Köpke. Dann kam Andy Möller an die Reihe, er wollte sein Team unbedingt ins Finale schießen, wenn er es schon verpasste (Gelb-Sperre).

"Und jetzt ich, ja?", fragte er in die Runde. Keiner hatte was dagegen. Ganz im Gegenteil. Matthias Sammer etwa sagte auf die Frage, ob er oder Eilts als Neunter geschossen hätte: "Da hätte es wohl eine Schlägerei gegeben."

Möller mit Jubelpose

So aber gab es nur Jubel und Freudentränen, als Möllers Hammer im englischen Kasten einschlug. Der Mittelfeldspieler reagierte mit einem Jubel, der heute ikonisch ist.

"Ich muss ein bisschen schmunzeln, wenn ich das heute sehe. Es war klar, dass das Turnier für mich nach dem Elfmeter beendet war", sagte Möller bei SPORT1: "Es war ein Zeichen von Stolz und Kraft: Schaut her, England, wir sind im Finale - und ihr nicht."

Damit rettete er auch die erst 2016 gerissene Serie deutscher Siege gegen EM-Gastgeber. Am Dienstag dürfen sie gerne einen neue beginnen.

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