Heidel über Klopp: "So eine Spielersitzung noch nie erlebt"

Martin Quast
Sport1

Vor 30 Jahren unterschrieb Jürgen Klopp seinen ersten Spielervertrag bei Mainz 05.

Knapp elf Jahre später machte Christian Heidel ihn mitten in der Saison von einem Tag auf den anderen zum Trainer - und löste damit eine Weltkarriere aus, die zuletzt in der ersten Meisterschaft des FC Liverpool seit 30 Jahren ihren vorläufigen Höhepunkt fand.

Im SPORT1-Interview blickt Heidel zurück auf seine verrückte Idee, schwärmt von Klopps bleibendem Einfluss auf all seinen Stationen, und erklärt, wie die Zukunft des Liverpool-Trainers aussehen könnte.

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SPORT1: Herr Heidel, am 1. Juli vor 30 Jahren hat Jürgen Klopp seinen ersten Vertrag als Spieler beim Mainz 05 unterschrieben. Was haben Sie zu der Zeit gemacht?

Heidel: Da bin ich noch in der Fankurve gestanden oder auf der Tribüne gesessen. Ich war glühender Anhänger dieses Klubs. Einer der wenigen, viele hatten wir damals nicht.


SPORT1: Waren Sie damals einer der Zuschauer, die über diesen Stürmer, der später zum Rechtsverteidiger wurde, gedacht haben: "Der Klopp kann gar nichts"?

Heidel:(lacht) Naja, ganz so war das nicht. Er kam ja damals von Rot-Weiss Frankfurt zu Mainz 05, und dieses Image, das heute im Nachhinein oftmals so dargestellt wird, das hat er eigentlich nicht gehabt. Kloppo war schon auch damals zu Beginn ein guter Spieler. Ich kann mich entsinnen, dass er in der Zweiten Liga in einem Spiel in Erfurt beim 5:0-Sieg fünf Tore geschossen hat. Er ist dann so langsam umfunktioniert worden zu einem Verteidiger, war aber natürlich ein Spieler, der von seiner Physis, von seinem unbändigen Willen und der Leidenschaft gelebt hat. Und solange Kloppo bei Mainz 05 als Spieler tätig war, war er immer einer der Köpfe der Mannschaft. Wenn vielleicht auch nicht unbedingt ein Filigrantechniker. Er hat das einfach durch andere Dinge kompensiert und er hat ja auch fast immer gespielt.

SPORT1: Heute ist er Champions-League-Sieger, englischer Meister und vielleicht der derzeit beste Trainer der Welt.

Heidel: Wir kennen uns jetzt fast 30 Jahre und haben lange Zeit zusammen im Fußball verbracht. Man denkt immer mal wieder an die Anfänge von damals zurück. Wir treffen uns nicht mehr so häufig wie früher, aber im Februar war er vor Corona eine Woche bei mir und wir haben viel über alte Zeiten und Anekdoten gesprochen. Das ist abendfüllend, wenn wir uns über gemeinsame Erfahrungen austauschen. Und das Schöne ist, dass wir bis zum heutigen Tag Freunde geblieben sind.

Subotic sieht Klopp noch vor Guardiola

SPORT1: Neven Subotic hat gesagt, Klopp sei noch vor Pep Guardiola der beste Trainer der Welt, weil er Menschen mitnehme und einen Verein prägen könne wie kein anderer. Sehen Sie das ähnlich?

Heidel: Ja, ohne Zweifel. Ich glaube, man kann es ja ganz einfach an seinen drei Stationen festmachen. Er wurde innerhalb eines Tages vom Spieler zum Trainer und hat einen ganzen Verein verändert. Er hat eine ganze Stadt verändert. Er hat aus Mainz eine Fußball-Stadt gemacht. Er geht danach zum BVB, der damals ziemlich am Boden lag. Dann kamen Meisterschaft, Pokalsieg und das Finale der Champions League. Auch dort hat er den Verein und die ganze Stadt verändert. Und mit am eindrucksvollsten ist ihm das jetzt auch in Liverpool gelungen. Ein Verein, der eigentlich nur noch von der Tradition gelebt und von alten Zeiten erzählt hat. Ich erlaube mir zu sagen, dass er neben den Beatles mittlerweile das bekannteste Gesicht Liverpools ist. Und wenn man in Liverpool ist, findet man keinen, der ihn nicht liebt. Deswegen ist dieser Titel als weltbester Trainer, den ihm die FIFA verliehen hat, absolut berechtigt. Auch wenn er davon eigentlich nichts hören will.


SPORT1: Warum fällt es ihm augenscheinlich so schwer, die Lobpreisungen auf ihn zu genießen?

Heidel: Das ist so ein bisschen sein Wesen. Es ist ihm peinlich, wenn nur er für den Erfolg verantwortlich gemacht wird. Das Erste, was er macht - und das spricht auch für seinen Charakter - ist es, darauf hinzuweisen, dass in allen drei Städten viele beteiligt waren. Insbesondere vergisst er nie sein Trainerteam. Aber er beherrscht auch diese Kunst, das Team drumherum und die Mannschaft so zusammenzubauen, dass dieser großartige Erfolg immer entstanden ist. Sicherlich ist es ihm fast schon peinlich, wenn über ein Denkmal gesprochen wird. Denkmäler bekommt man ja normalerweise auch erst als Erinnerung, wenn jemand nicht mehr am Leben ist. Ich hoffe, dass er noch sehr, sehr lange lebt. Ein Denkmal ist vielleicht noch ein bisschen verfrüht. Aber selbst wenn in Mainz, Dortmund oder Liverpool kein Denkmal zu sehen ist - gefühlt steht es in allen drei Städten schon.

"Nationalmannschaft wird immer ein Thema bleiben"

SPORT1: Sein aktueller Vertrag läuft noch bis 2024. Können Sie sich vorstellen, dass er nach Liverpool noch mal einen anderen Weg gehen wird?

Heidel: Er ist jetzt 53 und hat trotzdem nur drei Vereine gehabt. Auch das spricht für Qualität. Er war als Spieler treu, er ist als Trainer treu und hat alle Klubs geprägt. Er ist nicht der Typ, der nach zwei Jahren geht. Natürlich könnte er sich heute seinen nächsten Klub wahrscheinlich aussuchen. Aber allein Mainz, Dortmund, Liverpool, das ist einfach perfekt aufeinander abgestimmt. Das ist alles auch ein bisschen ähnlich. Mainz im kleineren Sinne, dann der BVB, den er zu einem richtig großen Klub gemacht hat, und jetzt der Traditionsklub Liverpool als nächste Steigerung. Er hat überall so tiefe Spuren hinterlassen, dass es jetzt ganz schwer wird zu sagen, wo er denn morgen hingeht. Er wird jetzt erst einmal - da bin ich mir sicher - noch lange in Liverpool bleiben, weil ihm der Klub auch unheimlich viel gibt. Gerade emotional. Und was er dann macht? Ich weiß es nicht. Ich glaube, er wird der Trainer sein, der irgendwann einmal sagen könnte: "Ich suche mir den Verein aus." Weil ich glaube, dass ihn jeder Verein nehmen würde.

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SPORT1: Könnte die sprachliche Barriere die Entscheidung beeinflussen? Und was ist mit der Nationalmannschaft?

Heidel: Wir haben lange darüber gesprochen, bevor er nach Liverpool ist. Natürlich lebt Jürgen Klopp auch ein bisschen von seiner Rhetorik. Und er hat einfach eine riesige Gabe, die richtigen Worte zu finden. Auch in schwierigen Situationen. Ich habe ihm damals auch gesagt: "Puh, ob du das jetzt auf Englisch so hinbekommst." Aber es hat ein halbes Jahr gedauert, dann hat er die Sprache in einer Art und Weise gesprochen, dass er jetzt teilweise schon auf Englisch denken kann. Sie können mir glauben: Das würde auch mit Spanisch funktionieren. Da bin ich mir sicher. Er ist da einfach ein Ausnahmetalent. Die Nationalmannschaft wird natürlich immer ein Thema bleiben. Was passiert in der Zeit nach Jogi Löw? Und ich bin sicher, wenn der Tag irgendwann einmal gekommen ist, dann wird ganz Deutschland einen einzigen Favoriten haben. Ob es für ihn dann der Zeitpunkt ist, das machen zu wollen, kann man heute nicht beurteilen. Momentan stellt sich die Frage eigentlich nicht, aber zum jetzigen Zeitpunkt würde ich sagen, es ist für ihn noch zu früh. Ich glaube, dass er den täglichen Umgang mit einer Mannschaft liebt. Aber vielleicht ja irgendwann einmal. Wir haben nicht darüber gesprochen, es braucht auch keiner glauben, ich hätte irgendwelche Informationen (lacht). Meine eigene Meinung dazu ist: Es könnte sein, muss aber nicht sein.


SPORT1: Ganz ehrlich: Wie viel Alkohol war im Spiel, als Sie damals am Rosenmontag auf den Spieler Klopp zu sind und gesagt haben: "Mach mal den Trainer"?

Heidel: Ich war am Rosenmontag nicht einen Schritt aus dem Haus, sondern habe zuhause auf dem Sofa gesessen und habe gewusst: Ich muss morgen irgendwie eine Trainerentscheidung treffen. Am Fastnachtsdienstag, weil wir am Mittwoch ein sehr, sehr wichtiges Spiel gegen den MSV Duisburg hatten, und wir standen auf dem vorletzten Platz. Deswegen muss ich sagen, hatte ich keinen Alkohol. Ich hatte einfach eine recht gute Idee, bin natürlich aber auch auf jemanden getroffen, der diese verrückte Idee angenommen hat. Ich glaube, neun von zehn Spielern hätten an Fastnacht gesagt: "Hast du vielleicht doch Alkohol im Kopf? Ich bin Spieler!" Aber da haben sich zwei Verrückte getroffen, im positiven Sinne, die dieses komplett neue Projekt unbedingt angehen wollten. Es war jetzt nicht so, dass Deutschland uns beiden auf die Schulter geklopft hat, als wir diese Idee vorgestellt haben. Wir wurden eher im Dunstkreis der Psychiatrie gesehen, weil das keiner glauben konnte, schließlich war er Spieler - und auf einmal war er Trainer. Ohne Trainerschein, ohne alles. Fünf Tage später haben sie schon gesagt: "Hat ganz gut geklappt", weil wir die ersten beiden Spiele gewonnen haben. Und irgendwann konnte er die Laufzeit in seinen Vertrag selbst eintragen.

Heidel über Klopp: "So eine Spielersitzung noch nie erlebt"

SPORT1: Haben Sie früh gemerkt, dass Klopp mit seiner besonderen Art vielleicht mal ein besonderer Trainer werden könnte?

Heidel: Als ich ihn zum Trainer gemacht habe, habe ich nicht daran gedacht, dass er mal der beste Trainer der Welt wird. Das wäre ja vermessen. Aber nach der ersten Trainingswoche, die ja auch für mich vollkommen überraschend war - es hatte ihn ja vorher keiner gesehen als Trainer - hatte ich schon so ein Gefühl. Ich habe so eine Spielersitzung noch nie erlebt. Das war die wahnsinnigste Spielersitzung, die ich bis dahin gesehen hatte, und ich war felsenfest davon überzeugt, als wir aus dem Saal da rausgingen, dass wir das Spiel gewinnen. Und ich habe das Gefühl gehabt, die Spieler waren genauso - und wir haben das Spiel dann auch gewonnen. Das war für uns gar nicht mehr überraschend. Das war einfach wirklich überragend gemacht und so hat sich das fortgesetzt. Nach dem Ende der Saison hatte ich dann schon das Gefühl: Das gibt mal einen richtig guten Trainer! Er hat dann irgendwann mal nebenbei angefangen, den Trainerschein zu machen, hat bei uns aber weitertrainiert die ganze Zeit. Montag bis Mittwoch war er beim DFB, hat seinen Plan hier abgegeben, Donnerstag hat er dann wieder trainiert, und wir sind trotzdem durch die Ligen marschiert, als gäbe es nichts anderes. Wir sind ja dann wirklich erfolgreich mit ihm geworden. Knapp gescheitert, dann aufgestiegen - das war einfach etwas ganz, ganz Besonderes. Das Schöne ist: Er sieht das genauso. Ich habe jetzt ein Interview von ihm gelesen, was denn so seine größten Erfolge wären - und da kommt wie aus der Pistole der Aufstieg mit Mainz 05. Und nicht der Champions-League-Gewinn, nicht die Premier League oder die Klub-Weltmeisterschaft. Er sagt immer noch: Das war der Beginn in Mainz - und das freut auch sicherlich alle Mainzer, dass er die Zeit nie vergessen hat.

SPORT1: Wobei die Premier League da schon aufgeholt haben dürfte, wenn man in den letzten Tagen gesehen hat, wie emotional er war.

Heidel: Ja, aber die Frage hat er nach der Premier-League-Meisterschaft beantwortet. Er hat gesagt, jeder Erfolg habe so ein bisschen seine Geschichte gehabt und er sagt: Warum soll der Aufstieg mit Mainz 05 kleiner sein als der Gewinn der englischen Meisterschaft? So hat er es ein bisschen dargestellt. Es zeigt aber auch, dass er, egal wo er war, mit 100 Prozent und allem, was er hat, da war. Das betrifft Verein, Menschen, Stadt, alles - und das war an allen drei Orten so. In Mainz, in Dortmund, genauso wie jetzt in Liverpool.

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