Heiliger oder Tyrann? Silvio Berlusconi im Profil

Michael Long
90Min

Kaum einer hat in den vergangenen 30 Jahren den Fußball in Italien dermaßen geprägt, wie Silvio Berlusconi. Dabei nahm er nicht nur als Präsident des AC Milan Einfluss auf die Liga, sondern auch als Politiker und verschaffte sich und seinem Klub damit den einen oder anderen unrechtmäßigen Vorteil. Seit seinem Rückzug vor wenigen Jahren ging es auch mit dem AC Milan bergab, jetzt hat er sein Spielzeug endgültig nach China verkauft.


Foto: Getty Images

Als Silvio Berlusconi den AC Milan im Februar 1986 übernahm, konnte niemand ahnen, dass der ehemalige Ministerpräsident den Verein 31 Jahre später nach China verkauft. Vor wenigen Tagen gab Berlusconis Familienholding Fininvest bekannt, dass der Verein nun endgültig an chinesische Investoren verkauft sei. Für 520 Millionen Euro übernahm die „Rossoneri Sport Investment Lux des auch in China offenbar nicht besonders bekannten Unternehmers Li Yonghong“, wie die FAZ in einem Artikel von heute schreibt.

FBL-ITALY-CHINA-AC MILAN


Berlusconi trat 1986 an, um den Verein zu einem der Erfolgreichsten der Welt zu machen, nach über 30 Jahren kann man das Unternehmen als gelungen betrachten. In seine Ära fallen acht nationale Meisterschaften, ein Pokalsieg und fünf Champions League-Siege bzw. Meisterschaften im Cup der Landesmeister, sowie drei Klub-Weltmeisterschaften und fünf UEFA-Cup-Siege. Nach seinem Ausstieg als Präsident 2008 verblasste jedoch auch nach und nach die Strahlkraft Milans.

Vom Lokalsender zum TV-Imperium


Doch Berlusconi hatte nach wie vor die Aktienmehrheit am Verein, die er 1986 erwarb. Wie er an das Geld überhaupt gekommen ist, darum ranken sich bis heute viele Gerüchte. Verbindungen zur sozialistischen Partei von Bettino Craxi in den achtziger Jahren werden ihm ebenso nachgesagt, wie eine Mitgliedschaft in der Geheimloge P2 und Kontakte zur organisierten Kriminalität. Vor seinem Engagement im Fußball war er in der Bauwirtschaft tätig.


Wirklich reich ist er aber auf anderem Wege geworden. Denn Berlusconi trat nicht nur an, um den AC Milan zum größten Klub auf der Welt zu machen, sondern auch, um den italienischen Fußball insgesamt nach vorn zu bringen. Nicht jedoch, ohne seinen eigenen Vorteil im Blick zu haben. Der Unternehmer betrieb eine Reihe von Fernsehstationen in Mailand. Dabei waren dies zunächst nur ein paar Lokalsender, er sicherte sich aber bereits zu Beginn der achtziger Jahre diverse Übertragungsrechte. Mit Hilfe der Politik umging er das damalige Rundfunkmonopol und baute sich schließlich sein TV-Imperium Mediaset auf.

Vom Fußball zur Politik


Begonnen hatte alles mit einem Turnier namens 'Mundialito' in Uruguay zum Jahreswechsel 1980/81. „Abgesehen von Partien der Nationalmannschaft sind bis dahin keine Fußballspiele in Italien übertragen worden“, erklärte Giuseppe De Bellis, Herausgeber des Fußballmagazins Udici im österreichischen Magazin ballesterer vor anderthalb Jahren. Berlusconi brachte die Serie A in die Haushalte und vergrößerte seinen Einfluss und sein Imperium damit Schritt für Schritt.

Im Januar 1994 trat er schließlich in die Politik ein und füllte ein Vakuum, da die damals regierenden Parteien zerstritten und in tiefgreifende Korruptionsprozesse verstrickt waren. So verkaufte er sich einerseits auf Politikerebene als erfolgreicher Fußballpräsident, auf Fußballerebene als erfolgreicher Unternehmer. Am Ende gewann sein Mitte-Rechts-Bündnis 1994 die Wahlen und er war erstmals Ministerpräsident, insgesamt sollte er viermal an der Spitze Italiens stehen.

Vorteilsnahmen pro Milan


Doch neben sportlichen Erfolgen wurde der 'Calcio' auch immer wieder von Skandalen erschüttert, nicht selten hatte auch Berlusconi dabei seine Finger im Spiel. So erließ er beispielsweise Gesetze, die es seinem und anderen Vereinen erlaubte, Schulden über mehrere Jahre hinweg abzuschreiben. Bei der Vermarktung der Fernsehrechte wiederum konnte er seinem Verein weitere Wettbewerbsvorteile verschaffen, da er in der Doppelrolle als Vereinspräsident und gleichzeitig als Fernsehunternehmer doppelten Einfluss hatte. Auch 2006 beim großen 'Calciopoli'-Skandal war Milan neben Juventus, Lazio, Reggina und der Fiorentina verstrickt, kam aber glimpflich davon.

Inzwischen aber ist es ruhiger um den mittlerweile 80-Jährigen geworden, der seinen Verein nun endgültig nach Fernost verkauft hat. Er bleibe immer der oberste Milan-Fan, kündigte er an, nun aber ist der Verkauf unter den bereits im August vereinbarten Bedingungen abgeschlossen worden, wie es in einer Mitteilung hieß. Demnach liegt der Wert des Klubs bei ca. 740 Millionen Euro, die Schulden belaufen sich auf 220 Millionen. Mehrmals war der Deal bereits verschoben worden, nun hat man sich abschließend geeinigt. Damit könnte sich auch der italienische Filz aus Politik, Fernsehen und Fußball in der Serie A etwas auflösen.

Mit Yahoo Nutzung stimmen Sie zu, dass Yahoo und Partner Cookies für Personalisierungs- und andere Zwecke nutzen