Helmut Marko exklusiv (1/3): Eigener Red-Bull-Motor "bei 80, 85 Prozent"

Christian Nimmervoll
·Lesedauer: 4 Min.

Mehr als fünf Siege hatte sich Helmut Marko aus Red-Bull-Sicht für die Formel-1-Saison 2020 vorgenommen. Beinahe hätte Alexander Albon gleich beim Saisonauftakt in Österreich zugeschlagen; doch letztendlich gelangen nur zwei Siege, und beide gingen auf das Konto eines überragenden Max Verstappen: einmal in Silverstone, einmal in Abu Dhabi.

Am 2. Oktober wurde Red Bull in der Formel 1 dann in seinen Grundfesten erschüttert: Der Motorenpartner Honda, den man erst Anfang 2019 gegen Renault eingewechselt hatte, gab seinen Ausstieg aus der Königsklasse per Ende 2021 bekannt. Auf einmal stand Red Bull schon wieder vor der Aufgabe, sich einen neuen Power-Unit-Lieferanten zu suchen.

Schnell war die Idee geboren, die Urheberrechte von Honda an der Technologie zu leasen und den Motor in Eigenregie einzusetzen. Als Voraussetzung für die Machbarkeit wurde ein sogenannter "Engine-Freeze" identifiziert, also ein Entwicklungsstopp ab Anfang 2022.

Wie weit diese Pläne inzwischen vorangeschritten sind, darüber hat Chefredakteur Christian Nimmervoll (Jetzt auf Facebook folgen: "Formel 1 inside mit Christian Nimmervoll") am 22. Dezember mit Red-Bull-Motorsportkonsulent Helmut Marko gesprochen, im ersten von drei Teilen unseres großen Jahresrückblick-Interviews.

Fritz Enzinger, Leiter Konzern-Motorsport bei VW, ist wie Helmut Marko Steirer

Fritz Enzinger, Leiter Konzern-Motorsport bei VW, ist wie Helmut Marko Steirer<span class="copyright">Porsche</span>
Fritz Enzinger, Leiter Konzern-Motorsport bei VW, ist wie Helmut Marko SteirerPorsche

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Der Motor ist aber nicht das einzige Thema, das Red Bull in den vergangenen Wochen beschäftigt hat. Eine wichtige Weichenstellung für die Zukunft war auch die Frage nach dem zweiten Fahrer neben Max Verstappen. Nach wochenlangen Spekulationen fiel die Entscheidung letztendlich auf Sergio Perez. Der war laut 'Motorsport-Total.com'-Fahrernoten 2020 der viertbeste Pilot im gesamten Feld - und somit eigentlich der offensichtliche Kandidat ...

Frage: "Wechseln wir das Thema. Laut unserer Fahrernoten-Gesamtwertung war 2020 Lewis Hamilton der beste Fahrer, gefolgt von Max Verstappen, Daniel Ricciardo und Sergio Perez. Alexander Albon wurde 13. Sind Sie mit dieser Rangordnung ungefähr d'accord?"

Marko: "Ja, damit sind wir d'accord. Wobei ich die Hamilton-Leistung am Türkei-Rennen messe, und nicht an 0-8-15-Rennen. Denn wir wissen, dass eigentlich nix schiefgehen kann, wenn du mit einem Mercedes führst."

Frage: "Als ich Sie das letzte Mal in Graz besucht habe, haben Sie mir Datenaufzeichnungen gezeigt, die belegen sollten, dass Alexander Albon nicht so schlecht ist, wie er von den Medien gemacht wurde. Woran ist er trotzdem gescheitert?"

Marko: "An mangelnder Konstanz. Und dass er sich zu leicht verunsichern hat lassen, wenn beispielsweise der Wind an Intensität gewonnen hat oder aus einer anderen Richtung gekommen ist. Oder wenn die Reifen abzubauen angefangen haben, dann hat er überproportional Zeit verloren."

Verstappen irrtümlich ohne DRS: Gar nicht aufgefallen ...

Frage: "Sie meinen das rein fahrerisch. Oder meinen Sie, wenn Sie sagen Wind dreht, auch Verunsicherung etwa durch kritische Medienberichterstattung?"

Marko: "Nein. Ich rede tatsächlich von fahrerischen Auswirkungen."

"Wir haben ein sehr windempfindliches Auto. Max kann all diese Sachen umfahren. Nehmen wir Ungarn als Beispiel. Da hat er in einer Kurve vergessen, das DRS zu schließen. Er ist voll durchgefahren und meint dann, das Auto war halt ein bisschen unruhig!"

"Wenn man das so betrachtet, hat außer Ricciardo niemand auf gleichem Niveau neben ihm bestanden. Und je länger die Kombination Ricciardo und Max war, umso klarer konnte sich Max auch da absetzen."

Frage: "Ich persönlich finde ja, dass Albon ein wahnsinnig angenehmer, netter Mensch ist. Ist er vielleicht zu nett für die Aufgabe neben Max Verstappen in einem Topteam der Formel 1?"

Marko: "Es ist sicher auch eine mentale Geschichte. Aber wenn du einen Teamkollegen hast, der permanent auf absolutem Topniveau fährt, egal wie das Auto ist, spielt das eine untergeordnete Rolle, glaube ich."

"Natürlich haben ihn, da kommen wir zum Mentalen, die ganzen Berichte und die nicht zufriedenstellenden Ergebnisse verunsichert. Sein Rückstand auf Verstappen hat sich im Laufe der Saison vergrößert, nicht verringert. Zwar marginal, aber er ist größer geworden."

Frage: "Wie ist er damit umgegangen, als Sie ihn angerufen haben, dass er das Cockpit verliert?"

Marko: "Horner hat am Freitag mit ihm ein Gespräch geführt, knapp vor der Bekanntgabe. Er hat das gefasst aufgenommen."

"Wir haben ihm versichert, dass wir ihn massiv bei Testfahrten einsetzen werden. Es sind ja die 2022er-Reifen zu testen, dafür gibt es eigene Tests. Er wird viel Simulator fahren. Und er wird auch bei vielen Rennen als Ersatzfahrer sein. Das betrifft bei uns ja vier Autos. Die Chancen, dass er zum Einsatz kommt, sind vorhanden."

"Darüber hinaus sind wir dazu bereit, ihn auszuleihen, wenn in einem anderen Team die Situation entsteht, dass sie kurzfristig einen Fahrer brauchen. Damit er auf Rennkilometer kommt. Das ist nicht das Ende. Wir schauen, ob es gelingt, ihn zu stabilisieren."

Der zweite und dritte Teil des exklusiven Interviews mit Helmut Marko werden am 29. und 30. Dezember auf motorsport.com und Formel1.de veröffentlicht.

Mit Bildmaterial von Motorsport Images.