"Einen besseren Mann hätte Hertha nicht kriegen können"

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"Einen besseren Mann hätte Hertha nicht kriegen können"
"Einen besseren Mann hätte Hertha nicht kriegen können"

Als SPORT1 Axel Kruse anruft, um mit ihm über Hertha BSC zu sprechen, sitzt er ganz entspannt und gut gelaunt im Konferenzraum seiner Firma Farbfilm Media. Der 53-Jährige ist Geschäftsführer einer Bewegtbild-Agentur.

Seine Hertha hat Kruse noch ganz genau auf dem Schirm, schließlich ist er seit 1997 Mitglied im Verein. Von 1989 bis 1991 und von 1996 bis 1998 spielte er für den Hauptstadtklub. Bei seinem zweiten Gastspiel führte er die Alte Dame sogar als Kapitän aufs Feld.

Vor der Reise der Berliner zum FC Bayern (Bundesliga: FC Bayern - Hertha BSC, Sa., 18.30 Uhr im LIVETICKER) spricht Kruse im Interview über seinen Herzensverein, Kevin-Prince Boateng und seinen Kumpel Fredi Bobic. (DATEN: Ergebnisse und Spielplan der Bundesliga)

SPORT1: Herr Kruse, zwei Niederlagen und ein holpriges Weiterkommen im Pokal gegen Meppen. Was sagen Sie zu Herthas Fehlstart?

Axel Kruse: Für mich ist es kein Fehlstart. Im Pokal geht es nur um das Weiterkommen, egal, ob holprig oder nicht. Ich bin sehr zufrieden, dass wir die erste Runde überstanden haben. Und nach zwei Spielen von einem Fehlstart zu reden, ist etwas zu früh. Es ist ein dämlicher Start. Hertha lag zwei Mal in Führung und stand am Ende mit leeren Händen da. Das ist bitter, denn die Spielverläufe waren äußerst unglücklich. Nach der Führung in Köln dachte ich, es wird eine gute Saison - und das Spiel gegen Wolfsburg, in dem wir nach 75 Minuten 1:0 vorne lagen, verlierst du durch zwei dusselige Fehler. Das Spiel gegen die Wölfe habe ich immer noch nicht abgehakt. (DATEN: Die Tabelle der Bundesliga)

Kruse: “Fredi zu kriegen war eine großartige Leistung”

SPORT1: Sie haben beim VfB Stuttgart mit Fredi Bobic zusammengespielt. War es ein Coup, ihn zur Hertha zu holen?

Kruse: Definitiv ja. Fredi passt nach Berlin, weil er bei der Hertha gespielt hat und die Stadt liebt. Das ist eine gute Voraussetzung, um sich bei der Alten Dame zu engagieren. Und er war zweimal Manager des Jahres. Das heißeste Eisen haben also wir bekommen. Fredi zu kriegen war eine großartige Leistung vom Personalausschuss unter der Führung vom Präsidenten. Als sein Freund bin ich natürlich happy, dass Fredi jetzt in Berlin ist. Er hat bei Eintracht Frankfurt einen außergewöhnlich guten Job gemacht. Einen besseren Mann hätte man nicht kriegen können. (SERVICE: Bundesliga-Spielplan zum Ausdrucken)

SPORT1: Tut Ihnen Bobic leid, weil der Start in der Liga misslungen ist?

Kruse: Fredi muss mir nicht leid tun. Wenn einige Leute denken, Fredi legt die Hand auf und alles wird gut, dann fasse ich mir an den Kopf. So funktioniert es nicht. Er hat einen gestandenen Bundesligisten übernommen, der im vergangenen Jahr Abstiegssorgen hatte. Dass es nicht einfach wird, war mir und auch Fredi klar. Das wird für ihn kein kurzer Sprint bei der Hertha. Eine neue Leistungskultur zu implementieren, das dauert etwas. Fredi ist da ganz entspannt.

Kruse: “Pal hat das richtig gut gemacht”

SPORT1: Hat es Sie überrascht, dass Pál Dárdai auch in dieser Saison Cheftrainer bei der Hertha ist? Eigentlich sollte er ja nur bis zum Ende der alten Saison bleiben.

Kruse: Pál hat das richtig gut gemacht und die Mannschaft vor dem Abstieg gerettet. Außerdem gab es in den zurückliegenden Jahren eine ganze Menge Trainer bei der Hertha. Fredi hat gut daran getan, erstmal Konstanz reinzubringen. Ein neuer Trainer hätte die Truppe überfordert. Pál hatte es verdient, mit besseren Spielern weiterzumachen. Ich finde das völlig in Ordnung. Wichtig war erstmal Kontinuität.

SPORT1: Hertha wurde dank Bobic spannender. Große Namen wie Kevin-Prince Boateng, Stevan Jovetic von der AS Monaco oder auch Suat Serdar wurden verpflichtet. Wie überrascht sind Sie, dass diese Spieler noch nicht den gewünschten Push gebracht haben?

Kruse: Die Frage ist: Wofür holst du diese Jungs? Kevin hat eine tolle Karriere hingelegt, ist ein Berliner Junge und wollte zurück. Er ist vor allem ein Typ, der nicht geholt wurde, um 30 Spiele über 90 Minuten zu absolvieren. Er soll die Kabine im Griff haben und ein Vorbild sein. Kevin soll ein Führungsspieler sein und muss nicht immer spielen. Er ist mit 34 im Herbst seiner Karriere. Dennoch finde ich diesen Transfer wunderbar. Es ist eine wichtige Personalie und ein Zeichen für die Leute in Berlin. In der vergangenen Saison wurde Sami Khedira geholt, weil das Hauptproblem die Kabine war. Er hat das auch großartig gemacht. Bei Kevin hält ein junger Spieler auch mal seinen Mund.

SPORT1: Was sagen Sie zu Jovetic und Serdar?

Kruse: Jovetic ist ein typischer Transfer von Fredi. Ihn hatte keiner auf dem Zettel - und er ist nach Salomon Kalou fußballerisch der beste Spieler, den Hertha in der Vergangenheit hatte. An ihm werden wir noch eine Menge Spaß haben. Serdar war vor zwei Jahren noch Nationalspieler und hatte da einen Marktwert von rund 35 Millionen. Jeder inklusive Pál sagt über ihn: “So einen Spieler hatten wir noch nicht.” Aber eins ist ganz wichtig. Diese Spieler brauchen eine gewisse Eingewöhnungszeit. Wenn sie sofort funktionieren würden, wäre das reiner Zufall. Auch Kevin braucht seine Zeit, denn er muss sich wieder an die Bundesliga gewöhnen. Heutzutage wird nach zwei Monaten leider zu oft schon der Stab über die Spieler gebrochen. Du hast keine Zeit mehr im Fußball. Entweder du bist sofort da oder du bist ein Idiot.

Kruse: “Bei der Hertha wollte jeder nur toll glänzen”

SPORT1: Sie sprachen ein Kabinen-Problem an. Inwiefern?

Kruse: Es war nicht wirklich eine Mannschaft in der Kabine. Jeder hat bei der Hertha sein eigenes Süppchen gekocht. Da war eine Ansammlung von vielen talentierten Spielern, aber das Hauptproblem war, dass jeder sich nur mit sich beschäftigt hat, anstatt mal etwas für das Team zu tun. Seriös Fußball spielen, also die Basics auf den Platz bringen - das gab es nicht. Bei der Hertha wollte jeder nur toll glänzen. Das war ein Riesenproblem und Pál hat es richtig gut gelöst. Vielen war gar nicht bewusst, wie knapp wir dem Abstieg von der Schippe gesprungen sind.

SPORT1: Wird Boateng zur Hilfe oder zum Handicap?

Kruse: Er wird zur Hilfe. Allein durch seine Ausstrahlung und seine Persönlichkeit. Wie er sich gibt und versucht voranzugehen, zeigt das. Kevin ist kein Idiot, er weiß, dass er keine 34 Spiele machen wird. Bei Eintracht Frankfurt wurde er in der Kabine geliebt und respektiert. Und das war die Idee, warum Fredi ihn geholt hat. Ein gutes Beispiel: Kevin holte in Köln Cunha zurück, als der ausgewechselt wurde und gleich verschwand. Doch dann saßen sie gemeinsam auf der Bank.

Kruse: “Nehme Kevin ab, dass er ein Herthaner ist”

SPORT1: Hilft ein Spieler, nur, weil er aus Berlin kommt?

Kruse: Ich nehme Kevin ab, dass er ein Herthaner ist. Und das hilft in der Kabine. Die Kollegen glauben ihm, dass er sich nicht in den Vordergrund schieben will, sondern dass es ihm um den Verein geht. Und wenn du bei Hertha groß geworden bist, dann bist du noch mehr motiviert. Ich habe gehört, dass er total engagiert ist und das Team wunderbar führt. Man würde Kevin Unrecht tun, ihn zum Problem zu machen. Er ist viel zu schlau, als dass er Theater macht, nur, weil er nicht immer spielen wird.

SPORT1: Jérôme Boateng hat noch immer keinen neuen Verein. Hätten Sie sich gewünscht, dass Bobic auch ihn nach Berlin holt?

Kruse: Darüber müssen wir gar nicht reden. Das ist eine Gehaltsklasse, bei der du alles bei der Hertha sprengen würdest. Trotz der finanziellen Hilfe von Herrn Windhorst. (lacht) Jérôme ist ablösefrei, da reden wir von zehn bis zwölf Millionen Euro Gehalt. Über ihn habe ich mir nie Gedanken gemacht.

Kruse: Hört mir auf mit Big-City-Club

SPORT1: Macht man bei der Hertha weiter den Fehler, sich als “Big City Club” zu fühlen?

Kruse: Dieser Begriff “Big City Club” kommt nicht von der Hertha, wurde weder von Mitgliedern, noch von Fans und auch nicht aus dem Präsidium kreiert, sondern aus dem Kreis von Lars Windhorst und Jürgen Klinsmann (ehemaliger Kurzzeit-Trainer bei Hertha BSC, Anm. d. Red.). Und über Letzteren will ich nichts mehr sagen. Mich persönlich nervt der Begriff “Big City Club” total. Das steht nicht für Hertha. Wir sind ein toller Traditionsverein und aktuell sogar der älteste Klub in der Bundesliga. Aber hört mir auf mit Big City Club!

SPORT1: Matheus Cunha hat die Hertha verlassen. Wie haben Sie seine Lustlosigkeit gesehen?

Kruse: Ich hatte eigentlich gedacht, dass er im ersten Spiel gegen Köln unsere Waffe sein wird, weil er schon einige Spiele bei Olympia in den Knochen hatte. Er ist eigentlich ein Unterschiedsspieler, hat Fähigkeiten, die andere nicht haben. Ein Problem ist, dass ihm die Basics fehlen. Er hat in Köln neun Sprints in 70 Minuten gemacht. Ich habe eine Schwäche für ihn, weil er viel Talent und eine besondere Qualität hat. Er kann es weit bringen, aber ihm fehlt die richtige Einstellung und der Wille, es ganz nach oben zu schaffen. Egal, ob bei Hertha oder Atlético Madrid. Wir können nur Spieler brauchen, die auch gerne bei uns spielen wollen und keine, die nach einem verlorenen Ball abwinken. Und es war von Pál nur konsequent, ihn auf die Tribüne zu setzen, denn nur damit kannst du heutzutage Spieler bestrafen. Aber das hat sich ja nun erledigt.

SPORT1: Ishak Belfodil ist neu bei der Hertha. Was halten Sie von ihm?

Kruse: Wenn er die Leistung aus seinem ersten Jahr in Hoffenheim bringen kann, dann ist das ein Top-Transfer.

Kruse: “Die Spieler funktionieren nicht als Team”

SPORT1: Lassen Sie uns über Lars Windhorst sprechen. Was hat Hertha aus seinen Millionen gemacht? Tousart, Piatek, Lukébakio, Ascacíbar und Löwen haben nur mäßig bis gar nicht performt, dafür aber alle zusammen über 100 Millionen Euro an Ablöse gekostet.

Kruse: Ehrlicherweise muss man sagen, dass da viel Talent ist, es hat aber noch nicht wirklich gepasst. Und nur Talent reicht eben nicht. Die Spieler funktionieren nicht als Team. Das sieht man auf dem Platz. Jeder Einzelne für sich ist richtig gut, aber ein Team von zusammengekauften Spielern reicht nicht für mannschaftlichen Erfolg. Bisher ist das nicht das, was man sich vorgestellt hat.

Kruse: “Ein Lob an Herrn Windhorst”

SPORT1: Wie sehen Sie generell das Engagement von Windhorst?

Kruse: Er hat rund 370 Millionen Euro in den Klub investiert. Danke. Chapeau. Und das Ganze mit dem Wissen, kein Durchgriffsrecht zu haben, dass es 50+1 in der Bundesliga gibt. Bei Hertha steht das sowieso nicht zur Debatte. Präsident Werner Gegenbauer hat sich klar positioniert. Solange er im Amt ist, wird an 50+1 nicht gerüttelt. Ein Lob also an Herrn Windhorst und das sehen die meisten Herthaner so. Wir wissen alle, dass es gerade auch ganz anders aussehen kann.

SPORT1: Was meinen Sie?

Kruse: Ich will diesen ganzen Mist mit PSG oder ManCity nicht. Ich möchte, dass Hertha BSC in erster Linie den Mitgliedern und den Fans gehört. Egal, wer da investiert, er muss das wissen. Die Mitglieder entscheiden, wie es im Verein läuft. Und das ist auch gut so.

SPORT1: Das Geld von Windhorst hat extrem geholfen.

Kruse: Absolut. Gerade in der Coronakrise. Denn die Bundesliga ist in der größten Krise seit ihrer Gründung. Wir stehen noch solide da im Gegensatz zu anderen Vereinen.

Kruse über Preetz: “Jeder im Verein ist ihm dankbar”

SPORT1: Hätte man Michael Preetz nicht noch mal für seine Arbeit danken sollen? Er war irgendwie schnell kein Thema mehr.

Kruse: Micha hat den Klub als gestandenen Bundesligisten übergeben. Da würde der HSV, Schalke und Werder gerne mit uns tauschen. Micha wird noch bezahlt und es hat keiner einen Groll auf ihn. Zwölf Jahre bei einem Klub sind nicht normal. Dass es nach dieser Zeit auch mal endet und einen neuen Impuls braucht, ist aber klar. Jeder im Verein ist Micha dankbar. Er wird immer ein Herthaner bleiben.

SPORT1: Samstag geht es zu den Bayern. Wie schwierig wird’s?

Kruse: In den vergangenen Jahren haben wir in München zwar immer verloren, aber oft richtig gut ausgesehen. Und gegen die Kölner haben sich die Münchner nicht mit Ruhm bekleckert. Eine Chance hast du immer - und wenn wir den Bayern richtig unangenehm begegnen, dann wird es auch für sie schwer. Eins sollte nicht passieren, nämlich zwei so billige Gegentore zu kriegen wie gegen Wolfsburg.

SPORT1: Wo landet Hertha? Europa? Oder wird’s wieder Abstiegskampf?

Kruse: Weder noch. Wir tun gut daran, nicht nach Europa zu schauen und auch keine Angst vor dem Abstieg zu haben. Ich hoffe auf einen einstelligen Tabellenplatz. Und alle Herthaner träumen davon, dass unser Klub mal ins Pokalfinale kommt. Ach nee, wenn wir so weit kommen, wollen wir auch gewinnen. (lacht) Vielleicht bringen uns Fredi und Kevin Glück, denn sie haben es mit Eintracht Frankfurt geschafft.

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