Herz-OP im TV: Wie weit darf Fernsehen gehen?

Moritz PiehlerFreier Autor
Yahoo Stars Deutschland
Vorbereitung für einen Eingriff im OP-Saal. Aber sollte das auch live im Fernsehen zu sehen sein? (Symbolbild: Inga Kjer/Photothek via Getty Images)
Vorbereitung für einen Eingriff im OP-Saal. Aber sollte das auch live im Fernsehen zu sehen sein? (Symbolbild: Inga Kjer/Photothek via Getty Images)

Eigentlich denkt man, in Zeiten des Internets könne kaum noch etwas schocken. Da muss sich das Fernsehen als leicht biederes Medium schon schwer ins Zeug legen, um noch für Aufregung zu sorgen. Kabel Eins versucht das jetzt mit der Übertragung einer Herz-OP. Muss das sein?

Der Privatsender ist nicht der erste, der auf Klinikalltag setzt, um der erfolgreichen Streamingkonkurrenz etwas entgegen zu setzen. Nun liefern sich Kabel Eins und RTL einen Wettlauf darum, welcher der beiden Sender zuerst eine Herz-OP im deutschen Fernsehen zeigen wird. Am 7. November wird Kabel Eins die Operation am Herzen eines Patienten übertragen, der zuvor in der Reality-Serie „Die Klinik“ begleitet wurde und damit der Konkurrenz zuvorkommen. 14 Kameras filmen den Eingriff, vom Aufklärungsgespräch bis zum Öffnen des Brustkorbs und dem Austausch der Herzklappe dürfen die Zuschauer dabei sein. Die Uniklinik Münster, deren Arbeit die Serie verfolgt, hat sich bereit erklärt, das Ganze mitzumachen.

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RTL hatte vor einigen Monaten sogar angekündigt, eine Herz-OP live übertragen zu wollen. Aber muss man wirklich explizit sehen, wie der Brustkorb mit einer elektrischen Säge geöffnet wird, das Herz stillgelegt und der Blutkreislauf ausgelagert wird? Werden hier nun endgültig ethische Grenzen überschritten oder dient das alles der Aufklärung der Zuschauer und ist somit völlig legitim?

Big Brother wirkt inzwischen total harmlos

Gerade das Fernsehen war vor dem Internet-Zeitalter absoluter Gradmesser der Gesellschaft. Immer wieder verschoben sich die Grenzen des Zeigbaren. Spätestens mit dem Aufkommen des Privatfernsehens in den Neunziger Jahren schien nichts mehr unmöglich zu sein. Und doch sorgten stets gesteigerte Sendeformate für neue Tabubrüche. „Big Brother“ zum Beispiel war in seinen Anfangsjahren heftig umstritten und stieß auf große Gegenwehr. Mittlerweile wirkt das Containerleben mehr als langweilig und musste sich in späteren Staffeln schon arg bemühen, um wenigstens noch mit „Dschungelcamp“ und Co. mithalten zu können.

In den USA sind Sender und Zuschauer schon lange weit abgebrühter. Live-Berichterstattung von sämtlichen denkbaren Katastrophen sind dort von der Verfolgungsjagd auf dem Highway bis zum Hurrikan oder Terroranschlag ständiger Teil des Nachrichten-Zyklus. Und auch was Reality-TV angeht, gibt es eigentlich nichts, was es in den USA noch nicht gegeben hätte. Bei “Naked and Afraid” setzt der Discovery Channel seine Kandidaten nackt auf einsamen Inseln aus. Und es geht immer noch eine Nummer abstruser. Mit „Dr. Pimple Popper“ widmet sich eine Show nur dem in Nahaufnahme gezeigten Ausdrücken von Pickeln und Geschwüren. Und findet damit millionenfach Zuschauer auf der ganzen Welt.

Susan Stahnke und die verschobenen Grenzen

Auch hierzulande testete das Fernsehen im medizinischen Bereich aus, wie weit man gehen kann. Schon 2002 gab es zum Beispiel eine große öffentliche Aufregung um die TV-Moderatorin Susan Stahnke. Stahnke wollte damals ihre Darmspiegelung live bei Stern TV zeigen. Alle großen Medien diskutierten über das Vorhaben, dabei hatte die Ex-Tagesschausprecherin sogar ein lauteres Ansinnen. Sie habe mit den Aufnahmen anderen Menschen die Angst vor der Untersuchung nehmen wollen, sagte sie damals. Auch unzählige Geburten in jeder Variation haben es schon über Eltern- und Baby-Doku-Serien ins Fernsehen geschafft. Auch hier ist der Anreiz weniger der Informationsgehalt, sondern vielmehr das unmittelbare Miterleben menschlicher Emotionen.

Das Mitfiebern bei einem so wichtigen Eingriff wie einer Herz-Operation aber hat natürlich eine andere Dimension, schließlich ist es keine „Schwarzwaldklinik“-Folge, sondern es geht um das Leben eines echten Menschen, der dort auf dem OP-Tisch liegen wird. Und es ist fraglich, wieviele der Zuschauer sich die Sendung aus rein medizinischem Interesse anschauen würden. Es gilt nach wie vor die Maxime der Populärmedien: Erlaubt ist, was dann geguckt wird.

Einerseits ist es begrüßenswert, wenn sich auch die Privatsender einem Bildungsauftrag widmen, der nur den öffentlich-rechtlichen Sendern vorgeschrieben wird. Aber die Sensationalisierung um die Herz-OP lässt doch eher vermuten, dass es nicht so sehr ums Thema, sondern vielmehr um Aufmerksamkeit und den einkalkulierten Skandal geht. Es hat einen durchaus makaberen Beigeschmack, einem Menschen bei einer Operation auf Leben und Tod vom gemütlichen Sofa aus zuzusehen und es verschiebt die Grenzen einmal mehr zugunsten der medialen Aufregung und weg vom Schutz des Privaten.

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