Warum Heynckes nicht nur als Trainer einzigartig war

Lukas Rott
Sport1

75 Jahre wird Jupp Heynckes an diesem Samstag alt. Durch 50 von ihnen hat Rainer Bonhof ihn als Freund begleitet.

Seit 1970 spielten die beiden zusammen bei Borussia Mönchengladbach, wurden in den goldenen Jahren der "Fohlen" viermal Deutscher Meister, UEFA-Pokalsieger 1975 - dazu mit der Nationalmannschaft Europameister 1972, Weltmeister 1974.

Für Bonhof, der 18 Jahre alt war, als er Heynckes kennenlernte, war der spätere Triple-Trainer des FC Bayern München ein Mentor. Im SPORT1-Interview blickt der Vize-Präsident der Borussia zurück auf Heynckes Welt-Karriere und erklärt unter anderem, warum der einstige Top-Torjäger (220 Treffer in 369 Bundesliga-Partien) auch als Spieler einzigartig war.

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SPORT1: Herr Bonhof, Ihr langjähriger Weggefährte Jupp Heynckes wird 75.

Rainer Bonhof: ... und das ist unglaublich, wenn man sich anschaut, in was für einem guten Zustand er ist. Aber das Geburtsdatum gibt es nun mal her.

Jupp Heynckes war Mentor für Rainer Bonhof

SPORT1: Sie kennen sich seit mittlerweile 50 Jahren. Können Sie sich an die erste Begegnung erinnern?

Bonhof: Meine früheste Erinnerung ist eine Weissagung, die er mir 1970 gemacht hat, als ich ihn mit meinem kleinen Auto in das erste gemeinsame Trainingslager bei Gladbach mitgenommen habe. Er hat damals zu mir gesagt: Mach dir keine Sorgen, deine Zeit kommt.

SPORT1: Hat sich bewahrheitet.

Bonhof: Ja. Und bis es so weit war, dass ich mich durchgebissen hatte, war Jupp auf meiner Seite und hat mich angetrieben mit seinen Ansagen: Mach das so, mach das so. Vielleicht war das das erste Zeichen seiner Trainer-Ambitionen. Wir sind seitdem Freunde.


SPORT1: Wie haben Sie Jupp Heynckes, den Fußballer, in Erinnerung?

Bonhof: Ich brauche nicht zu betonen, was für ein außergewöhnlicher Spieler er war. Ich mache es aber trotzdem: Er hatte einerseits eine enorme Geschwindigkeit, mit der er sich über den Platz bewegt hat und andererseits auch die Fähigkeit, ganz schnell in zwei Metern von 100 auf Null abbremsen - und dabei trotzdem den Ball mit links wie rechts unter Kontrolle halten zu können, seine Ballfertigkeit war phänomenal. Außerdem hatte er für einen Stürmer auch einen guten Body und war sich nicht zu schade, ihn einzusetzen. Das Kopfballspiel war eine seiner großen Stärken. Und damals, als ja doch etwas mehr geflankt wurde als heute, war das besonders von Vorteil.


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SPORT1: Wie war er als Persönlichkeit?

Bonhof: Zurückhaltend, aber nicht schüchtern. Er war immer überproportional ehrgeizig, wenn wir 4:0 gewonnen haben, er aber sein Tor nicht gemacht hat, war es ein schlechtes Spiel. Dieser Ehrgeiz war immer seine Triebfeder und er hat ihn noch heute. Ich denke, sein Garten wird nach Corona in absolutem Top-Zustand sein (lacht).

Heynckes' größtes Spiel: Enschede 1975

SPORT1: Welches Spiel, in dem Sie Jupp Heynckes erlebt haben, war das beste?

Bonhof: Enschede, das Endspiel 1975, da war er nicht zu halten.


SPORT1: Gladbach gewann damals das Rückspiel beim FC Twente mit 5:1 und sicherte sich den Pokal, Heynckes schoss drei Tore.

Bonhof: Weniger als die fünf damals beim 12:0 gegen Borussia Dortmund in seinem letzten Bundesliga-Spiel, auch ein großer Auftritt. Aber in Enschede, da passte alles. Da war jeder Ballkontakt gefährlich, er war der, der uns an dem Tag geführt hat. Er dürfte sich an dieses Spiel auch besonders gern erinnern.

SPORT1: Wie war sein Verhältnis zu Gerd Müller, dem anderen großen Stürmer seiner Zeit?

Bonhof: Beide waren prägende Figuren. Beide haben sich respektiert und wertgeschätzt - und waren dabei in einer sportlichen Rivalität verbunden: Es ging ums Toreschießen und wer die Kanone bekommt.


SPORT1: Mit welchem Spieler der heutigen Zeit würden Sie Heynckes vergleichen? Es gibt ja zum Beispiel Parallelen zu Robert Lewandowski, was die Stärken und die Einstellung angeht.

Bonhof: Wenn Robert damit leben kann, wenn ich sage, dass es schon vor ihm jemanden gab, der viele Tore gemacht hat (lacht). Aber ich finde, ich lasse Jupp keine Ehre zukommen, wenn ich ihn mit anderen Spielern vergleiche. Er war in seiner Art einzigartig - und ich kann jedem Spieler von heute nur empfehlen, sich seine alten Spiele anzusehen. Da gibt es noch was zu lernen.

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Auch als Trainer für Borussia Mönchengladbach wegweisend

SPORT1: Hätten Sie schon zu Ihren aktiven Zeiten gedacht, dass Heynckes auch als Trainer Erfolg haben würde?

Bonhof: Für eine Weile hatte es ja ausgesehen, als ob er in einer ganz anderen Branche landen würde. Er hatte in Mönchengladbach ein Unternehmen aufgebaut, das auch gut lief - aber er stellte dann wohl doch fest, dass es nicht seine Welt war. Für mich war beeindruckend, wie er bei seiner ersten Station in Gladbach die Borussia stabil gehalten hat in einer Zeit, in der das alte Gefüge auseinandergebrochen war. Heynckes hat eine neue Generation aufgebaut mit dem leider verstorbenen Hans-Jörg Criens, Uwe Rahn, Thomas Kastenmaier, Michael Frontzeck, Uwe Kamps. Er hatte genau die Attribute gehabt, die es damals brauchte.


SPORT1: Heynckes gewann mit dem FC Bayern München und Real Madrid die Champions League, hatte aber auch weniger erfolgreiche Stationen bei Eintracht Frankfurt oder dem FC Schalke 04. Warum funktionierte es nicht überall?

Bonhof: Was da konkret nicht gepasst hat, kann ich nicht sagen, aber es gibt eben Verbindungen, die bestehen jede Probe und andere eben nicht. Man hat das ja sogar bei Real gesehen, wo er trotz des Champions-League-Siegs entlassen wurde. Bei Gladbach und dem FC Bayern dagegen war und ist es aber eben eine besondere Beziehung. Aber auch seine erfolgreiche Zeit bei Real oder auch bei CD Teneriffa, Athletic Bilbao und Bayer Leverkusen darf man nicht vergessen. Das alles spiegelt wider, was für ein Vermächtnis er sich als Trainer erarbeitet hat.


SPORT1: Welchen Platz hat er für sie in der Gladbacher Geschichte?

Bonhof: Über die Borussia der Siebziger gibt es keinen Satz, in dem Heynckes fehlt. Da gab es ihn, Günter Netzer, Berti Vogts, Hacki Wimmer - und nach etwas Atemholen dann noch Wolfgang Kleff, Bernd Rupp, Herbert Laumen. Jupp steht da weit vorn, er ist eine Institution in und um Mönchengladbach und das soll so bleiben.

SPORT1: Wie eng ist der Kontakt, den Sie heute zu Heynckes pflegen?

Bonhof: Es gibt ja diese E-Dinger, wo man sich immer mal wieder was Lustiges schicken kann (lacht). Wir haben ansonsten ein- bis zweimal im Monat telefonischen Kontakt.


SPORT1: Was wünschen Sie Jupp Heynckes zum 75. Geburtstag?

Bonhof: Gesundheit. Ansonsten gratuliere ich ihm zu allem, was er im Lauf der Jahre erarbeitet hat. Und wen man auch würdigen muss: Seine Frau Iris, die in all den Jahren an seiner Seite war. Auch diese Verbindung ist eine besondere.

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