Hoeneß erzählt bewegende Anekdote zu Deisler

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Uli Hoeneß hat mit einer bewegenden Anekdote die Tage vor dem Karriereende von Sebastian Deisler beschrieben.

Der Präsident des FC Bayern war am Montagabend in Hannover zu Gast bei einer Podiumsdiskussion von Teresa Enke, der Ehefrau des am Sonntag vor zehn Jahren (10.11.2009) verstorbenen Nationalkeepers Robert Enke.

Dabei erzählte er, wie er mit dem an psychischen Problemen leidenden Deisler umgegangen war.  

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"Meine Sekretärin hat mich ganz aufgeregt angerufen und gesagt: Der Sebastian ist am Telefon. Er hat mir dann gesagt: Herr Hoeneß, ich kann nicht mehr. Das war für uns ziemlich überraschend", berichtete Hoeneß. "Ich habe dann sofort unseren damaligen Trainer Ottmar Hitzfeld angerufen. Wir sind dann zusammen in die Wohnung der Deislers in Grünwald gefahren. Wir haben dort einen Menschen vorgetroffen, der völlig verwirrt war. Wir wussten nicht, was wir damit anfangen sollten."

"Sehr langer Prozess mit unglaublichen Erlebnissen"

Deisler wurde im Anschluss von Professor Florian Holsboer behandelt, der 25 Jahre lang Präsident des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie in München war. "Es war ein sehr langer Prozess mit unglaublichen Erlebnissen. Ich war für ihn immer die Bezugsperson", sagte Hoeneß.

Der Bayern-Boss berichtete im Anschluss ausführlich über die letzten Tage Deislers vor seinem Karriereende im Januar 2007.

"Ich kann mich an ein Trainingslager in Dubai erinnern. Wir saßen in einem Riesenhotel mit 50 Stockwerken in einem Glaspalast. Jeden Tag um 22.30 Uhr, als wir mit unseren Trainern noch im zehnten Stock waren, rief er an und fragte, ob er mich sprechen kann. Ich hatte dann Angst, weil es ein offener Aufzug war. Ich habe jeden Abend mit ihm gesprochen. Er wollte immer abreisen, ich habe ihn dann überredet."

Am letzten Abend vor der Abreise meldete sich Deisler erst nachts "gegen halb eins" bei Hoeneß, der zu dieser Zeit schon im Bett war. Hoeneß wohnte im Trainingslager in einer kleinen Suite mit zwei Schlafzimmern.

Hoeneß bietet Deisler Schlafzimmer an

"Wir haben uns dann unterhalten, er hat dabei immer eine Flasche Bier getrunken. Er hat mir dann gesagt: Es geht nicht mehr, ich kann nicht mehr. Ich habe gesagt: Morgen fahren wir nach Hause zu deiner Frau und deinem Kind. Um halb fünf in der Früh habe ich ihm dann gesagt, dass ich schlafen muss."

Damit Deisler ebenfalls schlafen könne, bot er ihm sein zweites Schlafzimmer an. "Um halb neun bin ich aufgewacht und da lag er friedlich schlummernd in diesem Bett. Ich habe ihn geweckt und zum Frühstück geschickt. An dem Tag hat er dann trainiert wie ein Wahnsinniger, er war der beste Mann. Dann habe ich gedacht: Jetzt haben wir es geschafft."

Nach dem Rückflug aus Dubai sprach Deisler ihn im Gangway am Flughafen München an und bat für den nächsten Tag um ein Gespräch in Hoeneß' Büro an der Säbener Straße.

Deisler tritt mit 27 Jahren zurück

"Als er gekommen ist, habe ich gedacht, er ist euphorisch wegen der Frau und seinem Kind. Als ich damit gerechnet habe, dass er sagt, es geht ihm besser, sagt er stattdessen: Ich möchte aufhören, Fußball zu spielen. Das war der Wahnsinn", erinnert sich Hoeneß.

Deisler verkündete im Anschluss am 16. Januar 2007 mit 27 Jahren sein Karriereende, als Grund nannte er fehlendes Vertrauen in sein häufig verletztes Knie. Der damalige Bayern-Manager Hoeneß hatte im Anschluss erklärt, dass Deislers bis 2009 laufender Vertrag nur ausgesetzt werde und ihm eine Rückkehr offen gehalten.

Der mittlerweile 39 Jahre alte Deisler bestritt jedoch nie wieder ein Spiel. 2009 erschien seine Biografie "Sebastian Deisler. Zurück ins Leben."

Enke lädt Hoeneß ein

Aktuell wohnt Deisler zurückgezogen in Freiburg, über seine berufliche Situation ist nichts bekannt.

Bei der Veranstaltung in Hannover saßen zahlreiche Prominente im Publikum, darunter auch der kürzlich entlassene 96-Coach Mirko Slomka. Teresa Enke hatte Hoeneß eingeladen. "Ich bewundere ihn, wie er sich immer und überall vor seine Spieler stellt", hatte Enkes Witwe zuvor erklärt.

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