Hoffen auf die T-Shirt-Regel

Matthias Becker
Sport1

Lucien Favre war stinkig.

Er frage sich angesichts der vielen Schiedsrichter-Entscheidungen gegen seinen BVB "viel", sagte der Trainer von Borussia Dortmund am Sky-Mikrofon. Auf die Frage, was er sich denn frage, kehrte Favre noch einmal zurück und erneuerte: "Viel!"

Und irgendwie kann man ihn auch verstehen. Das Thema Handspiel verfolgt die Dortmunder durch die Zeit nach dem Bundesliga-Wiederbeginn wie die obligatorischen Corona-Tests. Beim zähen Last-Minute-Sieg in Düsseldorf hätten die Schwarzgelben sich viel erspart, wäre das Tor von Raphael Guerreiro wegen Handspiels eben nicht aberkannt worden.

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Regeltechnisch war die Aberkennung des Treffers korrekt. Das ist nur schwer zu akzeptieren, wenn man weiß, dass die Auslegung der Regel in dieser Form schon wieder einkassiert wurde. Die Änderung gilt für die Bundesliga aber erst ab der kommenden Saison. Oberer Oberarm oder Schulter - wo hatte Guerreiro den Ball berührt? Und warum spielt das überhaupt eine Rolle? Anatomisch mal ernsthaft gefragt: Wo soll Guerreiro seine Schulter und seinen Oberarm denn hinbewegen, wenn sie angelegt sind?

Die Regelhüter des IFAB (International Football Association Board) setzen zur Verdeutlichung ab dem 1. Juli auf die "T-Shirt-Regel". Heißt: Ein Handspiel wird bei der Torerzielung nur noch dann geahndet, wenn der Ball den Arm unterhalb der Achselhöhle – also da, wo üblicherweise der T-Shirt-Ärmel endet – berührt.


Es ist hoffentlich das vorerst letzte Kapitel in der Saga um die wohl umstrittenste Fußballregel. Die Idee, alle Handspiele (auch unabsichtliche), die unmittelbar mit der Torerzielung zu tun haben, der Einfachheit halber abzupfeifen, war zwar nicht schlecht. In der Praxis zeigte sich in dieser Saison aber, dass es eine Präzisierung braucht.

Zu groß werden sonst die Ungerechtigkeiten, wenn das (wohl unabsichtliche) Handspiel von Bayern-Verteidiger Jérôme Boateng im Topspiel gegen den BVB nicht zu einem Elfmeter führt - dagegen das ebenfalls unabsichtliche Handspiel Guerreiros, der rein körperlich keine Chance hatte, dem Ball zu entgehen, aber zurückgepfiffen wird.

Ob Lucien Favre diese Erkenntnis besänftigen wird? Sein Sportdirektor Michael Zorc sprang ihm im Ärger um die Regelauslegung zur Seite. Beim BVB sehen sie, dass sie trotz einer überragenden Rückrunde mit leeren Händen aus der Saison gehen werden.

Und wissen bittererweise nun mehr denn je, dass im Kampf gegen den schier übermächtigen FC Bayern kleinste Details entscheiden.

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