Hollerbach: "Habe keinen Groll auf den deutschen Fußball"

Reinhard Franke
Sport1

Bernd Hollerbach kann auf nervenaufreibende Jahre als Trainer zurückschauen. Mit seinem Heimatverein, den Würzburger Kickers, gelang ihm 2015 der Aufstieg in die 3. Liga. Ein Jahr später schaffte es der Klub unter ihm dann sogar in die 2. Liga. Doch nach dem direkten Abstieg trat Hollerbach zurück.

Im Januar 218 übernahm er den Hamburger SV, bei dem er als Profi seine beste Zeit hatte (1996 bis 2004). Doch sein Engagement als Chefcoach bei den Hanseaten stand unter keinem guten Stern, schon nach 49 Tagen war es wieder vorbei. 


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Danach nahm sich der Franke eine längere Auszeit, schaute sich unter anderem das Training von BVB-Coach Lucien Favre zu dessen Zeit beim OGC Nizza an.

Seit diesem Sommer ist er neuer Cheftrainer beim belgischen Erstligisten Royal Excel Mouscron.

Im SPORT1-Interview spricht der 49-Jährige über die neue Herausforderung, Favre und seine fortwährende Liebe zum HSV.  

SPORT1: Herr Hollerbach, seit Sommer sind Sie in Belgien. Wie waren die ersten Monate?

Bernd Hollerbach: Sehr positiv. Es macht mir richtig Spaß. Wir haben es geschafft, eine gute Truppe zusammen zu stellen, obwohl wir ein begrenztes Budget haben und vor Saisonbeginn die besten Spieler verkaufen mussten. Und ich mag die belgische Kultur sehr.

SPORT1: Was genau meinen Sie?

Hollerbach: Es ist ein sehr liberales Land. Hier leben offene Menschen. Es ist momentan ein kleines und erfolgreiches Land, was den Fußball betrifft. Fußball wird in Belgien sehr bodenständig gelebt. Es geht hier mehr um den Sport selbst, nicht um das Drumherum. Der Hype bezieht sich mehr auf Fußball.

SPORT1: Wie leben Sie in Belgien?

Hollerbach: Momentan lebe ich noch im Hotel, weil die Vorbereitung sehr anstrengend war und weiter sehr viel Arbeit ist. Ich suche aber gerade ein Haus.

SPORT1: Warum haben Sie Deutschland den Rücken gekehrt? War die kurze Zeit beim HSV in Deutschland hierfür ausschlaggebend?

Hollerbach: Ich wollte schon als Spieler diese Erfahrung machen und habe da schon gespürt, dass das Ausland mich sehr reizt. Als Profi hat es sich aber leider nicht ergeben, weil ich vertraglich immer an meine Klubs gebunden war. Und überhaupt: man wird nicht dümmer, wenn man Auslandserfahrungen macht.


SPORT1: Wieso fiel Ihre Entscheidung auf Belgien?

Hollerbach: Ich habe zu meiner Würzburger Zeit mal gegen Mouscron gespielt, wir haben uns damals ausgetauscht. Die Verantwortlichen haben sich offenbar noch an mich erinnert und mich dann kontaktiert. Es waren gute Gespräche, ich spürte eine große Offenheit und Ehrlichkeit. Ich wusste von Anfang an, dass der Klub nur ein ganz kleines Budget hat und die besten Spieler immer verkauft werden müssen. Und mit neuen jungen Spielern will ich jetzt versuchen, wieder eine schlagkräftige Mannschaft auf die Beine zu stellen. Für mich ist das keine leichte, aber eine sehr interessante, herausfordernde und spannende Aufgabe.

Hollerbach überrascht vom Erfolg

SPORT1: Das gelingt Ihnen sehr gut. Sind Sie selbst überrascht, dass der Erfolg sich so schnell eingestellt hat? Sie spielen eine sehr gute Runde.

Hollerbach: Ich bin in der Tat überrascht, denn wir haben sehr viele gute Spieler verloren. Die, die neu dazugekommen sind, machen ihre Sache sehr gut. Es gibt sehr kurze Wege im Verein und ein gutes Miteinander. Das macht mir großen Spaß.

SPORT1: Sie haben auch einige Spieler wie Kevin Wimmer, Sami Allagui oder Jonah Osabutey, die alle in Deutschland bereits gespielt haben. Macht es das für Sie leichter?

Hollerbach: Das war einfach der Situation geschuldet, dass zum Beispiel Kevin auf dem Markt war. Und wir mussten zudem unseren Kapitän und Führungsspieler Noe Dussenne verkaufen. Diese Position musste also besetzt werden. Kevin war frei und ich hatte ein gutes Gespräch mit ihm. Er hatte keine gute Zeit bei Hannover 96. Er macht seine Sache sehr gut bei mir.

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SPORT1: Sie waren nur rund 49 Tage Trainer beim HSV. Wie sehr hat diese Erfahrung geschmerzt?

Hollerbach: Es war eine emotionale Entscheidung dort zu übernehmen, weil ich dem HSV helfen wollte. Dass es dann so lief, war natürlich traurig. Dieses Kapitel ist aber für mich erledigt. Ich habe jetzt eine neue, spannende Aufgabe. Ich habe keinen Groll auf den deutschen Fußball. Persönlich ist und bleibt der HSV mein Herzensverein. Ich habe schließlich lange dort gespielt.

Viel Lob für Favre

SPORT1: In der Zwischenzeit haben sie sich auch Trainingseinheiten von Lucien Favre bei OGC Nizza angeschaut. Was hat Ihnen das gebracht?

Hollerbach: Es war für mich sehr interessant. Lucien Favre ist einer der besten Trainer, die es weltweit gibt. Ich habe immer versucht, von Leuten zu lernen, die sehr erfolgreich waren. Es war eine spannende Geschichte dort zuzuschauen. In jedem Land wird anders Fußball gespielt. Es war auch sehr interessant, sich mit Lucien Favre über Fußball zu unterhalten.


SPORT1: Momentan wird Favre kritisiert, weil er dreimal nur unentschieden mit dem BVB gespielt hat. Man beschreibt ihn als großen Trainer, der sehr verkopft agiert, aber das ganz große Ding würde ihm nicht gelingen. Wie sehen Sie es?

Hollerbach: Für mich ist er wie gesagt einer der besten Trainer der Welt. Er arbeitet sehr akribisch, kam in einer sehr schwierigen Zeit und hat einen überragenden Job gemacht. Ich bin überzeugt davon, dass er ein super Trainer ist.

SPORT1: Ist die schnelle Verurteilung durch die Medien ein Punkt, den Sie in Belgien gerne hinter sich gelassen haben?

Hollerbach: Entscheidend ist doch nicht, was geschrieben wird, sondern was der Verein denkt.

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SPORT1: Was ist Ihr Wunsch für Ihre berufliche Zukunft? Ist eine Rückkehr nach Deutschland denkbar?

Hollerbach: Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es nicht viel Sinn macht, sich über irgendetwas Gedanken zu machen, was man gerade nicht beeinflussen kann. Ich habe jetzt einen Vertrag in Belgien, den ich, so gut ich kann, erfüllen will. So lange der Verein zufrieden ist, ist das ok. Alles andere ist im Fußball nicht vorhersehbar.

SPORT1: Was ist das erste große Ziel, das sie mit dem Verein verwirklichen wollen?

Hollerbach: Ziel ist, mit dem kleinsten Etat der Liga die Klasse zu halten. Jetzt haben wir einen ordentlichen Start hingelegt und wir müssen weiter die Punkte sammeln.


SPORT1: Haben Sie sich in den vergangenen Monaten verändert?

Hollerbach: Es war gut, dass ich mal frei hatte, mich mal wieder umschauen und weiterentwickeln konnte. Der Abstand hat mir gutgetan. In Belgien muss man sich – wie überall – seiner Umgebung anpassen. Man lebt in einer offenen Welt und muss aufeinander zu gehen. Das ist immer wieder schön, vor allem in der Zusammenarbeit mit den Spielern. Es ist mir wichtig, dass wir ein gutes Miteinander haben. Ich glaube auch, dass die Spieler sich wohlfühlen müssen, um gute Arbeit abliefern zu können.

Wenn man gerne zur Arbeit geht, dann macht man sie gut. Bei einem schlechten Gefühl weiß ich nicht, ob man die optimale Leistung bringen kann. Es ist wichtig, dass die Spieler sich wohl fühlen und auch auf der Position spielen, auf der sie sich wohl fühlen. Sie müssen mit dem System einverstanden sein. Das sind keine Roboter, das sind Menschen. Es ist hier sehr weltoffen. Es gibt bei uns viele Nationalitäten: Serben, Kroaten, Afrikaner - es ist sehr liberal und es funktioniert hier miteinander.

SPORT1: Wie kommunizieren Sie mit Ihren Spielern?

Hollerbach: Wie sprechen alle englisch und ich habe meinen Assistenztrainer Lamine Cisse aus der Würzburger Zeit dabei, der aus dem Senegal kommt und besser französisch spricht als deutsch.

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