Hugo Lloris im Goal-Interview: Mein Leben als moderner Keeper und Kapitän von Tottenham

Er ist einer der besten Torhüter der Welt und hat einen großen Anteil daran, dass Tottenham Hotspur noch um den Titel in der Premier League kämpft. Vor dem FA-Cup-Halbfinale gegen den FC Chelsea in Wembley spricht Hugo Lloris im exklusiven Goal-Interview darüber, was es bedeutet, im Jahr 2017 zwischen den Pfosten zu stehen.

Außerdem gibt er preis, wie die Kapitänsbinde seine Rolle auf dem Feld verändert hat.

DAS BESONDERE DARAN, EIN TORWART ZU SEIN

Was macht die Position des Torhüter besonders?

Hugo Lloris: "Das ist eine besondere Position: Wir tragen nicht das gleiche Trikot, haben Handschuhe an und spielen mit den Händen. Es ist eine Position, bei der man eine große Verantwortung hat. Und genau durch diese Verantwortung schaffen wir Torhüter es, Gefallen an unserer Rolle zu finden. Wir wissen, dass wir in großen Spielen wichtig und entscheidend sind und spüren das auch."

Wollten Sie schon immer Torhüter werden?

Lloris: "Schon seitdem ich das kleine Kind war, das in Nizza aufgewachsen ist und sich ständig auf den Boden geworfen hat, habe ich diese Position geliebt. Ich denke, das ist etwas, das angeboren ist – diese Liebe, abzutauchen und sich vor die Angreifer zu werfen. Sowas kann man nicht lernen. Ich war immer bereit, für meinen Traum zu leiden. Aber ich muss auch zugeben, dass ich auch immer gern mit dem Ball am Fuß spiele. Ich gehe gerne raus und spiele mit meinen Teamkameraden. Ein moderner Torwart muss eben auch ein bisschen Feldspieler sein."

Wie hat sich das Torwartspiel für Sie persönlich verändert?

Lloris: "Wenn du jünger bist, bist du etwas mehr von der Gruppe isoliert. Damals gab es noch keinen extra Torwarttrainer, sodass wir alle zusammen trainiert haben. Erst wenn man in den professionellen Bereich kommt, fängt es an, dass man 30 oder 40 Minuten in jeder Einheit ein spezielles Torwartwarttraining hat. Das alltägliche Leben eines Keepers hat sich ein bisschen verändert. Wir fühlen uns ein wenig wie in einer anderen Gruppe, ein wenig isoliert."

WAS ES BRAUCHT, UM EIN KAPITÄN ZU SEIN

Hugo Lloris gfx

Was braucht es, um ein Kapitän zu sein?

Lloris: "Der Kapitän muss respektiert werden und ein Anführer sein. Die wirklichen Chefs sind jedoch der Trainer und der Präsident, sie treffen die Entscheidungen abseits des Platzes. Das ist nicht meine Aufgabe. Es gibt verschiedene Arten, ein Kapitän zu sein. Das Wichtigste ist in meinen Augen jedoch, dass man ist, wer man ist. Ich werde mich nicht verstellen. Der Fußball entwickelt sich weiter, ebenso die Mentalität der Spieler. Man muss sich nicht an die alten Klischees halten, um ein guter Kapitän zu sein. Ich bin nicht hier, um über meine Kollegen zu bestimmen, sondern um ihnen zu helfen. Es ist das Wichtigste, dass man die Informationen des Trainers auf die Mannschaft überträgt. Dass man sowohl auf als auch neben dem Platz mit gutem Vorbild vorangeht. Am wichtigsten ist jedoch, konstant zu sein. Am Ende ist es schließlich die Leistung auf dem Platz, welche die Rolle des Kapitäns rechtfertigt."

Aber auch ein Kapitän kann ein Spiel nicht alleine gewinnen ...

Lloris: "Man muss sich jedoch bewusst sein, dass ein Kapitän nicht alleine ist. Anführer sind sehr wichtig, jedoch nur, wenn sie sich als Teil der Gruppe sehen. Auf dem Platz muss ich alles geben, die beste Einstellung haben und sicherstellen, dass meine Kollegen dazu bereit sind, es mir gleichzutun."

Wie schaffen Sie das?

Lloris: "Ich will, dass sich abseits des Platzes jeder frei fühlt. Dennoch bin ich mir auch der Hierarchie bewusst. Ich bin ein Freund von Regeln, mag es jedoch nicht, wenn es zu viele Einschränkungen gibt. Eines muss klar sein: Was sich neben dem Platz abspielt, hat Auswirkungen auf das Geschehen auf dem Platz. Das Wichtigste ist gegenseitiger Respekt."

Was macht das Kapitänsamt in England besonders?

Lloris: "In England ist das Kapitänsamt eine enorm wichtige Rolle. Es stellt einen wichtigen Teil der Kultur im englischen Fußball dar. Die Binde zu tragen, erfüllt einen mit großem Stolz. Dennoch ist es für mich nicht genug. Ich brauche mehr, so bin ich einfach."

Wie sieht die Situation im Umkleideraum der Spurs aus? Sind Sie dort als Kapitän besonders gefordert?

Lloris: "Bei uns in der Kabine gibt es keine Probleme mit zu großen Egos. Wenn man starke Persönlichkeiten an seiner Seite hat, ist das ein großer Vorteil, weil solche Personen dazu in der Lage sind, Informationen zu übermitteln. Zum Problem kann es nur werden, wenn eine starke Persönlichkeit sich über andere stellt. Bevor man jemand anderem die Schuld in die Schuhe schiebt, muss man sich immer selbst hinterfragen."

Waren Sie schon immer ein Anführertyp?

Lloris: "In der Saison 2006/07 in Nizza ging es um den Willen, die Saison nicht den Bach runtergehen zu lassen. Dann standen die Play-Offs vor der Tür, welche der Entwicklung meiner Persönlichkeit enorm geholfen haben. Es entwickelte sich alles ganz natürlich. Auch wenn ich abseits des Platzes ein relativ entspannter Mensch bin, kann ich auf dem Feld sehr temperamentvoll sein. Ich war schon immer ein Gewinner-Typ. Es gibt bestimmte Erfahrungen, welche es uns ermöglichen, uns selbst kennenzulernen. Ich bin selbstbewusst, weil ich den Respekt meiner Kollegen habe. Ich werde für das respektiert, was ich als Mensch darstelle. Ich habe diesen Glauben aufgrund der Erfahrungen, die ich im Laufe meiner Karriere gemacht habe. Wir werden auserwählt, um ein Kapitän zu sein. Ich bin, wer ich bin. Ich werde mich nie verstellen."

"Das Schwerste im Fußball, wie im Leben allgemein, ist es, die Dinge einfach zu machen. Ich liebe einfachen Fußball. Diese Einfachheit zu erreichen, ist jedoch sehr schwierig."

Sie sind ein gereifter Profi, können Sie so auch ein Vorbild für die Jugend sein?

Lloris: "Ich glaube, junge Spieler brauchen die Älteren. Als ich noch ein junger Spieler war, brauchte ich sie zumindest. Ihnen zuzuhören, war sehr wichtig für mich. Da ist immer etwas dabei, was man für sich brauchen kann, und etwas, was man nicht brauchen kann. Die älteren Spieler haben jedoch so viel Erfahrung, dass es dir möglich wird, gewisse Dinge besser vorauszusehen und schneller zu reifen. Meine persönlichen Erfahrungen im Umgang mit älteren Spielern sind durchweg positiv."

 IST MAN EHER KAPITÄN ODER TORWART?

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Was unterscheidet die Rolle des Torhüters von der des Kapitäns?

Lloris: "Ich denke, als Torwart muss man die komplette Hintermannschaft im Griff haben. Von hinten hat man das Geschehen auf dem Platz sehr gut im Blick. Als Kapitän muss man seine Rolle ausfüllen und Verantwortung übernehmen. Die beiden Rollen sind durchaus miteinander vereinbar, deshalb sind auch viele Torhüter gleichzeitig Kapitäne. Ehrlich gesagt bin ich eher ein Teil des Teams als ein Kapitän. Die Binde hat den eigenen Status natürlich um ein Stück verändert, doch ich sehe mich selbst als gleichgestellt."

MUSS EIN KAPITÄN TROPHÄEN IN DIE LUFT RECKEN?

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Wie wichtig sind Ihnen Titel?

Lloris: "Das ist meine Motivation, mein Antrieb. Spiele zu gewinnen, ist die eine Sache, Titel zu gewinnen, die andere. Es sind immer die gleichen Klubs, die im Fußball gewinnen. Denn das sind große Institutionen, große Teams mit großen Trainern und Spielern. Es ist inspirierend, diesen Klubs zuzusehen."

Kann man einen Titelgewinn planen?

Lloris: "Natürlich spielt da auch Glück eine große Rolle. Ich spiele für einen ambitionierten Klub hier bei Tottenham. Ich finde, dass man bereits einen großen Fortschritt sieht zwischen dem Tottenham, als ich gekommen bin, und dem Tottenham von heute. Der Klub ist auf einem sehr guten Weg. Das hat er der großartigen Arbeit des Vorstandes zu verdanken, jedoch auch der Arbeit von Mauricio Pochettino, der einer der größten Trainer dieses Sports ist."

Werden Sie in dieser Spielzeit eine Trophäe in die Höhe strecken?

Lloris: "Wir werden versuchen, vor dem Saisonende etwas zu gewinnen. Wir sind noch in zwei Wettbewerben vertreten. Mit seinem Land einen Titel zu feiern, ist natürlich auch sehr wichtig. Im vergangenen Sommer waren wir schon kurz davor, das möchte ich wiederholen."

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