International: Caio: Für Inter Mailand gut genug, für RW Oberhausen zu schwach

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Mit Javier Zanetti und Roberto Carlos wechselte Caio als teuerster Teenager der Geschichte zu Inter. Später hatte er in der 2. Liga keinen Stammplatz.

Mitte Januar 2004 war plötzlich Aufregung angesagt rund um das sonst eher gemütliche Rot-Weiß Oberhausen. Ein echter Transfercoup war eingetütet worden, die Fans waren aus dem Häuschen: RWO hatte einen brasilianischen Nationalspieler verpflichtet! Einen Stürmer, den Inter Mailand achteinhalb Jahre zuvor zum teuersten Teenager der Welt gemacht hatte! Sein wohlklingender Name: Caio Ribeiro Decoussao, genannt Caio. Die Trainingskiebitze platzten vor Neugier, in den damals noch so beliebten Fanforen wurden sich die Finger wund getippt.

RWO, seit Jahren die Graue Maus im deutschen Unterhaus, schwang sich in jener Spielzeit unter Trainer Jörn Andersen überraschend zu einem Aufstiegskandidaten auf. Mit der Verpflichtung Caios in der Winterpause sollte auf dem Weg in die Bundesliga nichts dem Zufall überlassen werden. Daraus aber, soviel sei vorweggenommen, sollte nichts werden. Dazu aber später mehr.

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Caio Ribeiro: Wunderkind beim FC Sao Paulo

Denn es hatte schon seinen Grund, wieso das einstige Wunderkind des brasilianischen Fußballs plötzlich in der Fußballprovinz Oberhausen aufschlug - und auch dort nicht überzeugte.

Die Geschichte Caio Ribeiros beginnt so richtig in der Saison 1994. Der junge Stürmer des FC Sao Paulo verzauberte halb Südamerika. Caios schier unaufhaltsame Geschwindigkeit stellte die Abwehrspieler in Serie vor Probleme, der Angreifer kombinierte seinen Speed mit starker Technik und bemerkenswerter Abschlussstärke.

In einer Mannschaft, die zu einem Großteil aus Eigengewächsen bestand und zu der zum Beispiel der spätere Weltmeister Denilson, Torhüterlegende Rogerio Ceni und Middlesbrough-Ikone Juninho gehörten, war Caio der herausragende Mann. 14 Tore markierte er in 31 Spielen für das Team, das heute noch ehrfurchtsvoll "Expressinho" genannt wird und schoss es zu Triumphen im südamerikanischen Super Cup, der Recopa Sudamericana und der Copa CONMEBOL.

Als er dann auch noch bei der U17-Weltmeisterschaft in Katar fünfmal netzte und zum besten Spieler des Turniers gekürt worden war, stand fest: Dieser Junge, der aus behüteten Verhältnissen stammte und wegen seiner Höflichkeit und Bildung den Spitznamen "Douthorinho" ("der kleine Doktor") verpasst bekam, war das Talent schlechthin in Brasilien.

Inter Mailand holt Caio, Ince, Roberto Carlos und Zanetti

Von Caios Heldentaten hörte man auch in Mailand. Dort hatte das stolze Inter die vergangenen Serie-A-Saison auf einem enttäuschenden 6. Platz beendet, 21 Punkte hinter Meister und Rivale Juventus Turin. Der schwerreiche Massimo Moratti übernahm das Zepter und wollte die Nerazzurri, wie einst sein Vater Angelo in den 1950er und 1960er Jahren, zurück an die Spitze in Italien und Europa hieven - koste es, was es wolle!

Also ging er mit prall gefüllter Geldbörse einkaufen: Im Sommer 1995 holte er für umgerechnet 10,5 Millionen Euro Ablöse Manchester Uniteds Mittelfeldstar Paul Ince, Roberto Carlos, den aufgehenden Stern am Linksverteidigerhimmel von Palmeiras und einen gewissen Javier Zanetti von Atletico Banfield. Die Sahne auf der Kirsche auf der Torte aber war Caio Ribeiro. Für sieben Milliarden Lire (rund 7,5 Millionen Euro) kam der 19-Jährige aus Sao Paulo nach Mailand. Nie zuvor war für einen Teenager eine höhere Summe gezahlt worden.

Seine Verpflichtung war ein Coup und stolz wurde Caio der Öffentlichkeit präsentiert. Breit lächelnd strahlte die neue Torjägerhoffnung bei ihrer Vorstellung in dem leicht zu großen, karierten Sakko mit der akkurat gebundenen orangefarbenen Krawatte in die Kameras und reckte beide Daumen nach oben. Das Lächeln aber sollte dem kleinen Doktor bald vergehen, und nach nur einem Jahr war das Abenteuer Inter für ihn auch schon wieder vorbei.

Dabei hatte hinter Caios Verpflichtung Plan gesteckt. Jedenfalls erläuterte der Stürmer selbst das im Gespräch mit Planet Football Jahre später: "Sie erklärten mir, dass sie mir Zeit geben wollen, um die Sprache zu lernen und mich einzugewöhnen. In den ersten Monaten sollte ich mich daran gewöhnen, in der Serie A zu spielen und im folgenden Jahr dann immer regelmäßiger eingesetzt werden."

Caio bekam von Roy Hodgson bei Inter Mailand kaum Spielpraxis

Allein: Grau ist alle Theorie, und aus diesem Vorhaben wurde nichts. Von Anfang an war bei Caio in Mailand der Wurm drin. Es begann damit, dass die drei Plätze für Nicht-EU-Ausländer eigentlich bereits an die genannten Ince, Carlos und Zanetti vergeben waren und es so noch schwieriger war, dem aufstrebenden Edeltechniker (dosierte) Spielpraxis in der damals besten Liga der Welt zu geben.

Dann waren da die Trainerwechsel, die sich für Caio negativ auswirkten. Als er geholt wurde, stand noch Ottavio Bianchi bei Inter an der Seitenlinie. Er musste nach zwei Siegen an den ersten sechs Spieltagen bereits im September gehen. Für weitere sechs Partien übernahm der langjährige Inter-Stürmer Luis Suarez, dann kam der ehemalige Schweizer Nationaltrainer Roy Hodgson - und der schrullige Engländer hatte für Caio praktisch keine Verwendung.

Hodgson ließ bei Inter teils mit sechs gelernten Verteidigern spielen und die beiden Plätze im Sturm bekleideten wahlweise Maurizio Ganz, Danny Carbone und Marco Branca. Caios Chancen ließen sich beinahe an einer Hand abzählen. Sechsmal kam in der Liga zum Einsatz und absolvierte 141 Minuten. Dazu gesellten sich zwei Partien im Viertelfinale der Coppa Italia gegen Lazio Rom. Caio war in der defensivorientierten Serie A überfordert, blieb ohne Tor oder Vorlage und zeigte auch sonst nichts, was Hodgson dazu hätte bringen können, stärker auf ihn zu bauen.

"Hodgson gab mir keine Chance", sagte Caio mit einigen Jahren Abstand. "Ich stand praktisch nie auf dem Rasen. Was ich gebraucht hätte, waren Kontinuität und die Möglichkeit, meinen Wert unter Beweis zu stellen. Das bekam ich von Roy Hodgson nie."

Caio wechselte von Inter zu Napoli

Obwohl Inter die Saison wieder weiter abgeschlagen hinter der Tabellenspitze beendete, durfte Hodgson bleiben. Vom Ansatz, Caio "Zeit geben zu wollen", war damit nichts mehr übrig und so musste der junge Brasilianer wieder gehen. Sein frustrierendes Fazit: "Um die Wahrheit zu sagen: Ich habe nie wirklich für die Nerazzurri gespielt. Es gab nur 200 Trainingseinheiten und ein paar ganz seltene Einsätze."

Ein Abnehmer war schnell gefunden und Caio heuerte bei Napoli an. Dort war es ein ähnliches Spiel: Die Tifosi sahen in ihm einen Heilsbringer. Der schillernde Präsident Corrado Ferlaino soll einen seiner Hunde nach Caio benannt haben - die einen sagen aus Sympathie, die anderen sagen aus Respektlosigkeit ...

Bei Napoli schwelgte man noch selig in den Erinnerungen an die Maradona-Ära, während die Mannschaft längst auf dem absteigenden Ast war. Caio bekam zwar mehr Gelegenheiten, sich zu beweisen, doch er enttäuschte auch im hellblauen Dress. 24 Pflichtspiele absolvierte er und erzielte einen mageren Treffer. Legendär unter den Fans ist bis heute sein Fehlschuss beim 2:2 gegen Udinese Calcio Anfang März 1997, als er es schaffte, die Kugel per Volleyschuss aus rund einem Meter Entfernung am Tor vorbeizusetzen. Damit war seine Zeit in Italien vorbei.

Caio kehrte nach Brasilien zurück und legte dort eine ordentliche Karriere hin. Er spielte unter anderem für Fluminense, Santos und Flamengo. Goal-Experte Tauan Ambrosio erinnert sich, dass Caio zu Flamengo-Zeiten wieder richtig aufblühte. "2002 und 2003 gab es viele Fans, die seine Rückkehr in die Selecao forderten." Dazu kam es aber nicht, es bliebt bei seinen vier Länderspielen aus dem Jahr 1996.

Überraschender Caio-Trainer in die 2. Bundesliga zu RWO

Stattdessen folgte völlig überraschend besagter Schritt nach Deutschland. Caio wechselte ablösefrei nach Oberhausen. Ein Deal, der maßgeblich von seiner Berateragentur MR Sport Management eingefädelt worden war, dort standen zu jenem Zeitpunkt einige weitere RWO-Profis unter Vertrag.

Oder wie Caio es in der Reviersport erzählte: "Mich hat vor kurzem ein Freund angerufen und mir vom Interesse des Vereins erzählt. Darüber habe ich mich sehr gefreut, weil ich der Teil eines wichtigen Projekts sein will. Die Voraussetzung habe ich in Oberhausen, wo ich helfen will, in die erste Liga zu kommen. Schließlich möchte ich gerne länger hier bleiben." Unter anderem habe ihm auch sein Landsmann Ze Roberto, damals beim FC Bayern unter Vertrag, zum Schritt nach Oberhausen geraten.

Caios Start beim damaligen Tabellenführer der 2. Liga war vielversprechend. Er absolvierte die ersten vier Begegnungen über die volle Distanz, köpfte beim 2:0-Sieg in Ahlen seinen ersten Treffer und fuhr mit Oberhausen drei Siege ein. Herausstach er mit seinen Auftritten allerdings nicht. Im Gegenteil. Caio war ein Mitläufer, das Tor in Ahlen sollte sein einziges in 15 Partien sein. Ein Knackpunkt war das 0:3 im Heimspiel gegen den MSV Duisburg am 26. Spieltag. Caio zeigte eine seiner besten Leistungen im RWO-Dress, ließ aber auch zwei dicke Chancen aus.

Auf der Zielgeraden der Saison verlor er seinen Stammplatz, Oberhausen verpasste um einen Zähler den Aufstieg und Caio verabschiedete sich zurück in Richtung Brasilien.

Caio arbeitet heute als TV-Experte

Nach seiner Rückkehr aus Deutschland spielte er noch ein Jahr für Botafogo, schaffte mit einer schwachen Mannschaft den Klassenerhalt in der Serie A und beendete im Alter von 31 Jahren seine Karriere als Fußballer und studierte anschließend Sportmanagement.

Heute ist Caio ein gern gesehener Gast bei Wohltätigkeitskicks und einer der angesehensten TV-Experten Brasiliens. Regelmäßig witzelt er dabei auch über seine eigene Laufbahn und als Running Gag hat sich etabliert, dass seine Kollegen bei TV Globo ihn damit aufziehen, er sei ein viel besserer Experte als Fußballspieler.

Fans von Inter Mailand, Napoli und Rot-Weiß Oberhausen werden kaum widersprechen.

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