International: Millionen-Transfer mit 15, Gefängnis, CL-Finale: Das irre Leben von Pennant

Jermaine Pennant kostete mit 15 drei Millionen Euro, war Hoffnungsträger bei Arsenal und CL-Finalist mit Liverpool. Doch die Schattenseiten überwogen.
Jermaine Pennant kostete mit 15 drei Millionen Euro, war Hoffnungsträger bei Arsenal und CL-Finalist mit Liverpool. Doch die Schattenseiten überwogen.

Jermaine Pennant kostete mit 15 drei Millionen Euro, war Hoffnungsträger bei Arsenal und CL-Finalist mit Liverpool. Doch die Schattenseiten überwogen.

Seite 1: Schüsse vor dem KFC, der 3-Millionen-Wechsel und die Alkoholfahrt

"MX7232", sagt Jermaine Pennant wie aus der Pistole geschossen. Seine Gefangenen-Nummer von damals hat er "natürlich" noch parat, erklärt er dem Guardian. "Ich glaube, die vergesse ich nie. Das Gefängnis hat mich verändert. Aber nicht viele Menschen machen das durch und spielen später dann in einem Champions-League-Finale."

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Eigentlich reichen schon diese paar Sätze, um zu erzählen, dass der heute 36-jährige Engländer in seinem Fußballer-Leben alles erlebt hat, alle Höhen, aber auch alle Tiefen sehen durfte oder musste. Pennants Geschichte ist nicht die klassische des früh Hochgejubelten, der dann kontinuierlich abstürzte. Vielmehr ist es eine wahnwitzige Achterbahnfahrt.

Schon Pennants Jugend ist extrem schwierig. Er wächst in Nottingham auf, mitten in England, im Problembezirk The Meadows. Als er drei Jahre alt ist, ist seine Mutter plötzlich weg, angeblich verstorben - erst viel später sollte Pennant erfahren, dass das gar nicht stimmte, man ihm das nur vorgaukelte. Warum? "Die Geschichte, die mir erzählt wurde, ist, dass meine Oma - also die Mutter meiner Mutter - nicht wollte, dass sie ein braunes Baby hat. Also zog mich mein Vater fortan alleine groß", sagte Pennant vergangenes Jahr dem new!Magazine.

"Mein Vater fragte: 'Hast du ein bisschen Geld?'"

Eine Bindung zu seiner Mutter habe er ohnehin nicht gehabt, mit den Stiefmüttern lief es später auch nie besonders gut. Dennoch habe ihm stets eine weibliche Bezugsperson gefehlt - zumal sein Vater ihm keineswegs ein stabiles Leben bieten konnte. Pennant senior vertickte Drogen, zunächst von einem Pub aus, dann auch von zuhause. Er wurde selbst süchtig, kam ins Gefängnis und erlag nach seiner Freilassung erneut der Verlockung der Drogen.

"Ich erinnere mich noch an einen Geburtstag, ich glaube es war mein 14.", schreibt Pennant in seiner 2018 erschienenen Autobiografie. "Ich bekam ein paar Karten von meiner Großmutter und ein paar anderen Familienmitgliedern. Insgesamt kamen ungefähr 40 Pfund zusammen und mein Vater fragte: 'Hast du ein bisschen Geld?' Ich sagte, dass ich etwas zu meinem Geburtstag bekommen habe und er antwortete nur: 'Okay, gib es mir, du bekommst es zurück'. Ich wusste, warum er es wollte. Und ich wusste, dass ich das Geld nie zurück bekommen würde, weil er süchtig nach dem Zeug war."

Jermaine Pennant: Schüsse vor dem KFC

Jahrelang war sein Vater drogenabhängig, auch noch als Pennants Fußballerkarriere durchstartete. Heute ist er offenbar clean - und Jermaine hat seinen Frieden mit ihm geschlossen. "Wir verstehen uns jetzt gut. Er war bei meiner Hochzeit, das war ein emotionaler Tag. Er hat eingesehen, dass er Fehler gemacht hat und sich dafür entschuldigt."

Ohne behütetes Zuhause geriet auch Pennant selbst im Teenager-Alter in zwielichtige Kreise, bekam auf den Straßen von Nottingham so manche Gang-Schießerei mit. Als er 14 ist, wird es beim Angriff einer rivalisierenden Gang aus einem anderen Stadtteil vor einer KFC-Filiale besonders heikel. "Als sie vorbei rannten, stachen sie auf einen von uns mit Messern ein und verprügelten einen anderen mit einem Baseball-Schläger, es fielen ein paar Schüsse. Ich hatte Glück. Hätte ich auch draußen gestanden, hätte ich niedergestochen werden können."

Pennant versteckte sich hinter der KFC-Kasse, die Jungs aus seiner Gang verfolgten die Angreifer, schlugen einen von ihnen krankenhausreif, im Hospital erlag er dann seinen Verletzungen. Zwei Tage später klingelte daher die Polizei an Pennants Tür, er musste aussagen, auch er stand unter Mordverdacht.

Drei Millionen Euro Ablöse - für einen 15-Jährigen

"Von der Polizei ausgefragt zu werden, war schlimmer, als Schüsse zu hören. Ich wusste, dass ich lange ins Gefängnis wandern würde, wenn sie mir den Mord anhängen würden. Aber ich konnte der Polizei nur sagen, was ich wusste - und das war nicht viel."

Pennant war immer klar, dass Fußball ihm die wohl einzige Möglichkeit bot, der Kriminalität und Ausweglosigkeit in seinem Umfeld zu entkommen. Er hatte etwas, ein Talent, das ihn zumindest geistig fern genug davon hielt, auch in jene Szene abzurutschen.

Mit 15, nur rund ein Jahr, nachdem ihn die Polizei in einem Mordfall ausgequetscht hatte, stand Pennant erstmals so richtig im Fokus. Umgerechnet drei Millionen Euro legte der FC Arsenal damals auf den Tisch, um das Offensivtalent von seinem Jugendklub Notts County nach London zu holen. Im Jahr 1999 eine noch viel unfassbarere Summe für einen 15-Jährigen, als es sie auch heute noch wäre.

Jermaine Pennant: Hass-Liebe mit Arsenal und Wenger

Und Pennant findet sich bei den Gunners sofort zurecht. Mit 16 debütiert er im Ligapokal bereits für die Profis, mit 18 steht er erstmals in der Champions League im Kader. Er gilt als größtes Talent in England, als neuer Michael Owen - doch so rasant wie gedacht geht es dann nicht weiter. Erst mit 19 darf Pennant endlich erstmals in der Premier League ran, mit 20 ist er noch meilenweit entfernt von regelmäßigen Einsätzen. Arsene Wenger, Arsenals Trainer-Legende, war offenbar nicht gänzlich überzeugt von Pennant, vor allem von dessen Einstellung. Es entwickelte sich eine Art Hass-Liebe.

"Von all den Trainern, unter denen ich gespielt habe, hatte Arsene den größten Einfluss. Durch ihn lernte ich, wie es im Profigeschäft läuft. Aber er gab mir auch nie so wirklich eine Chance. Das war frustrierend. Aber Arsene ist eben sehr streng. Und wenn deine Einstellung nicht stimmt, dann gibt er dir diese Chance nicht", erklärte Pennant dem Guardian. Doch dann kam der 7. Mai 2003, der Tag, der vermeintlich alles änderte.

"Ich habe den Wodka noch im Magen gespürt"

Gegen Southampton stand Pennant erstmals in der Premier League in Arsenals Startelf, erzielte beim 6:1-Erfolg innerhalb von nur zehn Minuten einen Hattrick. Kurios: Am Abend zuvor, im Glauben, ohnehin nicht zu spielen, zog er bis sechs Uhr um die Häuser. "Ich habe es gar nicht glauben können, als ich meinen Namen in der Startaufstellung entdeckt habe. Ich war noch so übermüdet und habe alles Mögliche gegeben, um mich nicht zu blamieren. Ich fühlte mich unglaublich unwohl und habe den Wodka noch in meinem Magen gespürt", verriet er 2018 im Interview mit FourFourTwo.

Wieder mal war er ganz plötzlich in aller Munde, plötzlich Teil der legendären Gunners-Mannschaft um Thierry Henry oder Patrick Vieira, die ein Jahr später als "The Invincibles" in die Geschichte eingehen sollte. "Ich dachte, das wäre jetzt der Startschuss und ich würde bei Arsenal groß werden. Aber es kam nie so weit und ich verlor nach und nach das Interesse. Ich dachte: 'Das führt sowieso nirgendwo hin'."

Anfang 2005: Alkoholfahrt an die Straßenlaterne

Für die Saison 2003/04 ließ sich Pennant an Leeds United verleihen, wo es ordentlich lief, er viel spielte. Den Durchbruch bei Arsenal schaffte er danach aber dennoch nicht, wurde Anfang 2005 wieder verliehen, diesmal an Birmingham City. Und weil sich der Frust über den ausbleibenden Erfolg auf dem Feld anstaute, machte Pennant außerhalb davon Dummheiten. Er fuhr betrunken, verlor seinen Führerschein, wiederholte das kurz darauf und raste dabei auch noch mit seinem Mercedes gegen einen Laternenpfahl. Im März 2005 wurde Pennant daher zu drei Monaten Haft verurteilt, einen Monat davon saß er ab.

Die Karriere schien in Scherben zu liegen, bevor sie überhaupt richtig Fahrt aufgenommen hatte. Doch Pennant, ja immer noch erst 22, blühte in der Folgesaison bei Birmingham auf. Arsenal hatte ihn dorthin inzwischen für läppische 750.000 Euro verkauft, glaubte nicht mehr an ihn. Aber Pennant setzte sich durch, wurde Stammspieler in Birmingham - und wechselte im Sommer 2006, nur gut ein Jahr nach dem Gefängnisaufenthalt, für neun Millionen Euro zum FC Liverpool.

Seite 2: Portsmouth statt Real, Saragossa-Irrsinn und Kurzzeit-Engagements

Angespornt von den Worten von Arsenals damaligem Co-Trainer Pat Rice, der sagte, dass Pennant es nirgendwo zu etwas bringen würde, hatte er eine bärenstarke erste Saison bei den Reds. Er machte 34 von 38 Premier-League-Spielen. Er spielte zwölfmal in der Champions League, stand auf dem Platz, als Liverpool im Halbfinale der Königsklasse Chelsea niederrang.

Und Pennant spielte im CL-Finale 2007, beackerte im Team um Steven Gerrard und Xabi Alonso 90 Minuten lang den rechten Flügel, als die Reds in Athen denkbar knapp mit 1:2 dem AC Milan unterlagen. "Danach sagte ich zu meinem Berater: 'Ich frage mich, ob Pat (Rice, d. Red.) das Spiel heute Abend geschaut hat'."

Doch leider ging es für Pennant in Liverpool schon im zweiten Jahr nicht mehr so gut weiter. "Die Wende zum Schlechten mit Rafa (Benitez, damaliger Liverpool-Trainer, d. Red.) kam, als ich mich verletzte", erklärt Pennant. "Ich hatte eine Stressfraktur im Schienbein und fiel nach der OP drei Monate aus. Ich beeilte mich, zurück auf den Platz zu kommen, spielte in meinem ersten Spiel gegen Wigan aber schlecht, weil ich zu viel wollte. Und danach hatte ich große Schwierigkeiten, wieder ins Team zu finden."

Jermaine Pennant: Portsmouth statt Real Madrid

Benitez ließ Pennant kaum noch spielen. Und für den war das schon immer eine Art von Herabstufung, mit der er nicht umgehen konnte. Er ließ sich hängen, war nur noch Edeljoker oder spielte monatelang sogar überhaupt nicht. Ehe sich Anfang 2009, Pennants Vertrag lief im nächsten Sommer aus, mal wieder eine neue Chance auftat.

Real Madrid klopfte an, Pennant war Feuer und Flamme. "Sky Andrew (Pennants Berater, d. Red.) verhandelte mit Reals Präsident und der gab grünes Licht für eine Ablöse von rund vier Millionen Euro", sagte er bei El Periodico de Aragon. Das Problem: Juande Ramos, seinerzeit Trainer bei Real, wusste nichts von dem sich anbahnenden Transfer. "Als Ramos davon erfuhr, ließ er den Deal platzen. Und ich flog von Madrid nach Portsmouth. Eine drastische Veränderung."

Statt zu Real verkauft zu werden, wurde Pennant also zum FC Portsmouth verliehen, damals immerhin ein ambitionierter Erstligist mit Spielern wie Sol Campbell oder Peter Crouch. Er spielte zwar regelmäßig, war nach einem halben Jahr aber wieder weg. Nur, um sich ins nächste Missverständnis zu stürzen.

Real Saragossa, seinerzeit erste spanische Liga, hatte Interesse. "Ich dachte, dass ich mit meinem Spielstil gut in LaLiga passen würde", sagte Pennant. Doch er konnte sich nicht einstellen auf das neue Land, hinzu kam die Sprachbarriere. "Mein Spanisch war wirklich sehr schlecht. Ich versuchte, es zu lernen, aber es war unmöglich. Ich konnte ein paar Fußball-Wörter - und ich erinnere mich daran, was 'Zwei Bier bitte' hieß."

Ohnehin feierte Pennant in Spanien mehr, als dass er auf dem Rasen glänzte. Mehrmals kam er zu spät zum Training oder fehlte ganz, immer wieder ging er mit seinem Teamkollegen Frank Songo'o, den er noch aus Portsmouth kannte, auf die Piste. "Mit ihm hatte ich eine der verrücktesten Nächte in Spanien, einen furchtbaren Trip nach Barcelona. Wir hatten ein paar Mädchen dabei und fuhren dorthin, wollten am nächsten Morgen um 6.30 Uhr dann mit dem Zug zurückfahren. Aber der hatte Verspätung und wir bekamen Schwierigkeiten", erinnert er sich.

"Mein Leben in Saragossa war der reinste Irrsinn"

Der Teamarzt rief ständig an, kontrollierte sogar vor Pennants Haus, ob er daheim sei. "Als ich zurück kam, konnte ich ihn davon überzeugen, dass ich geschlafen hatte und deshalb die Klingel nicht gehört hatte", sagt Pennant. Ein anderes Mal fragte er den Verein nach Erlaubnis, in die englische Heimat zu reisen, um ein paar persönliche Angelegenheiten zu klären. Pennant bekam das Go, flog dann aber mit all seinen Freunden aus England nach Marbella. "Ich verpasste den Rückfug, kam nicht zum Training und der Nachtclub in Marbella, in dem ich war, veröffentlichte Fotos von mir beim Feiern."

Saragossa erfuhr so natürlich auch von Pennants listigem Ausflug, verdonnerte ihn zu einer Geldstrafe in Höhe von 150.000 Euro. "Ein ganzes Monatsgehalt. Mein Leben in Saragossa war der reinste Irrsinn", sieht Pennant inzwischen ein.

Nach einem Jahr und ordentlichen 25 Spielen war Schluss in Saragossa, bei Stoke City hatte Pennant dann sogar noch einmal zwei ganz gute Jahre in der Premier League. Er war nun reifer als früher, aber sportlich blieb er dennoch meist Durchschnitt. Und eigentlich war seine Karriere, die er bis heute nicht offiziell beendet hat, schon mit 30 Jahren quasi vorbei.

Pennant: "Ich hatte eine gute Karriere"

Denn seit Ende 2013 stehen nur noch Kurzzeit-Engagements bei Pune City in Indien, bei Wigan, bei den Tampines Rovers in Singapur oder den unterklassigen englischen Klubs FC Bury und Billericay Town in Pennants Vita. Im Herbst 2017, kurz nach seinem Start bei Billericay in der 7. Liga, betonte Pennant zwar: "Ich hätte in die Türkei gehen können, nach Zypern, zurück nach Indien oder nach Indonesien."

Nach sechs Monaten war sein Abstecher zu Billericay aber schon wieder vorbei und seitdem, seit Februar 2018, ist Pennant vereinslos, sorgt nur noch in Boulevard-Blättern für Schlagzeilen. Zum Beispiel im Sommer 2019, als er bei der englischen Ausgabe von Promi Big Brother offenbar mit einer anderen Kandidatin anbändelte - und seine Ehefrau, das Model Alice Goodwin, das natürlich gar nicht lustig fand. Pennant entschuldigte sich, sie verzieh ihm und gab ihm noch eine letzte Chance.

Die letzte Chance, die Pennant auch der Fußball mehrmals gab. Heute sieht er seine unvollendete Laufbahn, deren Highlights so unverhofft kamen wie sie auch schnell wieder verblassten, reflektiert und doch mit etwas Reue. "Wenn ich anders aufgewachsen wäre, mit meinem Vater und meiner Mutter stets an meiner Seite, dann hätte ich für England gespielt, hätte eine größere Karriere gehabt, ganz sicher. Ich hatte eine gute Karriere, ich bin nicht unglücklich damit. Aber ich hätte mehr daraus machen können, das weiß ich."

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