Irre Finals: Als die Bayern vor Silvester Sieger-Sekt tranken

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Irre Finals: Als die Bayern vor Silvester Sieger-Sekt tranken
Irre Finals: Als die Bayern vor Silvester Sieger-Sekt tranken

Das Pokalfinale findet an einem Samstag nach Saisonende, meist im Mai, in Berlin statt und am Ende feiern die Bayern. So sind wir es gewohnt und wenn es mal nicht so ist, dann flüchtet sich der Fan in die Weisheit, dass Ausnahmen die Regel bestätigen. Doch Tatsache ist: die Ausnahmen sind bei Betrachtung aller 77 Finals seit 1935 die Mehrheit. Am Donnerstag kommt eine weitere dazu: das Finale findet noch während der Saison statt, nicht an einem Wochenende und auch noch ohne die Bayern. (Das DFB-Pokal-Finale im LIVETICKER)

Immerhin ist es das 33. Mai-Finale, damit baut der Wonnemonat seine Führung aus, es folgt der Juni (20 Mal). Verblüffend aus heutiger Sicht, dass sich mit Ausnahme von Februar und März alle Monate im Ranking wieder finden. Es sagt etwas über den sich verändernden Stellenwert des Pokals aus, den die Nazis 1935 ins Leben riefen und nach dem Reichssportführer Hans von Tschammer und Osten benannten: man spielte um den Tschammer-Pokal.

Erstes Pokalfinale fand bei starkem Schneefall statt

Da der Wettbewerb damals schon mit der Liga im August startete und die Vereine sich noch nicht international betätigen mussten, war Zeit genug, ihn bis Jahresende durchzuziehen. So feierte der erste Pokalsieger 1. FC Nürnberg (2:0 gegen Schalke) in Düsseldorf noch bei heftigem Schneetreiben – quasi die natürliche Variante von Konfetti, das in der Neuzeit über die Sieger ausgeschüttet wird. Schon das erste Finale wurde aus Termingründen übrigens um eine Woche vom 1. auf den 8. Dezember verschoben und so ging es bis Kriegsende munter weiter.

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Das Ziel, den Pokalsieger noch vor Silvester zu küren, wurde aus Witterungsgründen beziehungsweise wegen des Kriegsausbruchs 1939 gleich viermal in Folge verfehlt. So kam der Januar des Folgejahrs dreimal in Folge zu Ehren, was zu Lasten der Zuschauerzahlen ging. 1939 lag im Berliner Olympiastadion so viel Schnee auf den Rängen, dass die Behörden nur 40.000 Menschen Einlass gaben, das Doppelte war möglich.

Rapid Wien wurde erster Pokalsieger auf Schnee, während Schalke (1937) und der VfB Leipzig (1936) im Matsch triumphierten und eine Woche nach Silvester schon wieder was zu feiern hatten. Leipzig ging im ersten Berlin-Finale überhaupt als terminlich frühester Pokalsieger in die Annalen ein – und als Meister im Improvisieren. Als Massageöl diente den Sachsen Coca Cola.

Das letzte Finale in Kriegszeiten

Es gab in den frühen Jahren weder in puncto Terminierung noch Austragungsort eine Gesetzmäßigkeit, das letzte Finale in Kriegszeiten stieg am Reformationstag 1943 in Stuttgart als erstes von zwei Endspielen im Oktober. Berlin war wegen der Fliegerangriffe zu unsicher geworden, aber weil die auch in Stuttgart drohten, wurde der Anstoßtermin erst am Spieltag kurzfristig über das Radio verkündet.

Auch kurios: Das Bankett gab es schon am Tag vor dem Spiel. In diesem Finale kam es zu einer Paarung, die nur die unselige Kriegszeit möglich machen konnte: Vienna Wien, seit dem "Anschluss" 1938 teilnahmeberechtigt, traf auf den erst im Vorjahr gegründeten Luftwaffensportverein Hamburg und nahm den Pokal mit in die Donau-Metropole – bis ihn der DFB wieder brauchte.

1953 wurde der Pokal wiederbelebt, nun unter dem noch immer gültigen Namen DFB-Pokal. Bloß etablieren konnte er sich lange nicht, was am sich stets ändernden Modus und Rhythmus lag. Stieg das Finale 1953 noch am 1. Mai, stand es 1956 am Start der Saison (5. August) und es gestattete erstmals einer Mannschaft Heimvorteil: der Karlsruher SC schlug im Wildpark den HSV mit 3:1.

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Uwe Seeler mit Hattrick

Es war das erste von fünf August-Endspielen, das nächste stieg sieben Jahre später eine Woche vor Bundesligastart. Wieder war der HSV dabei, nun gewann er und Uwe Seeler machte alle Tore zum 3:0 gegen Meister Dortmund. Der Hochsommertermin schien den Fans zu gefallen, in Hannover sorgten 70.000 für eine Rekordkulisse. Welch krasser Gegensatz zur Fortsetzung der "Winterspiele", die zwischen den beiden ersten Augustterminen lagen.

So holten sich die Bayern 1957 in Augsburg ihren ersten Pokal auf hartgefrorenem Schneeboden. "Wir haben dreimal die Schuhe gewechselt", berichtete FCB-Spieler Kurt Sommerlatt. Es reichte zum 1:0 gegen Fortuna Düsseldorf und so tranken sie schon zwei Tage vor Silvester ein Gläschen Sekt. 1958 wurde in den November (drei Spiele) ausgewichen. 1959 wurde erneut zwischen den Jahren gespielt, nur war der Termin am 27. Dezember noch schlimmer für die Spieler von Schwarz-Weiß Essen und Borussia Neunkirchen.

Als Weihnachten gefastet wurde

Weihnachten wurde gefastet und trainiert. Es zahlte sich nur für die Essener aus, die 5:2 gewannen. "Mit solchen Terminen schafft man dem Wettbewerb keine neuen Freunde", kritisierte das Sportmagazin die ungewöhnliche Ansetzung. Mit Recht, in Kassel blieben 10.000 Tickets unverkauft und die 21.000 Unentwegten bildeten die zweitschlechteste Kulisse der Finalhistorie vor Corona. Unterboten wurde sie zwei Jahre später, als sich für Werder Bremen und Kaiserslautern auf Schalke nur 8.000 Menschen interessierten.

Es war das einzige September-Finale, ausgetragen an einem Mittwochabend (19. 30 Uhr). „Wir sind sicher, dass die Schalker Glückauf-Kampfbahnvoll sein wird“, hatte der Kicker noch getönt, aber es kam anders. Warum? Es regnete und das Fernsehen übertrug, wenn auch Zeit versetzt. Und Schalke spielt nicht mit.

Kuriosum um Kickers Offenbach

Das mit dem September ließ der DFB dann, aber die Grundsatzfrage ob vor oder nach einer Saison der Pokalsieger gekürt werden sollte, wurde erst mit Bundesligastart 1963 geklärt. Fortan wurde zwischen April und Juni der Champion gekürt – wenn nichts dazwischen kam. 1970 kam ein strenger Winter zur etwas vorhersehbareren Mexiko-WM hinzu und so wurden alle Spiele ab der 2. Hauptrunde zwischen 29. Juli und 29. August durchgezogen. Das führte zu dem Kuriosum, dass Pokalsieger Kickers Offenbach den Wettbewerb noch als Regionalligist begann, aber als Bundesligist beendete.

Man war im Juni 1970 aufgestiegen und hatte schon zwei Spieltage absolviert. Auch die WM 1974 im eigenen Land erforderte ein August-Finale, eine Woche vor Ligastart holte sich Eintracht Frankfurt gegen den HSV (3:1 n. V.) den Pott. Schon zur neuen Saison gehörte das Finale von 1972, das auf den 1. Juli fiel und dazu führte, dass Schalkes Stan Libuda, der nach Frankreich wechselte, einen Vertrag für einen Tag bekam, damit er beim 5:0 gegen Kaiserslautern auflaufen konnte. Solche Geschichten schreibt nur der Fußball, am liebsten über Schalke.

Die Finalaustragungen nach Monaten geordnet:

Januar: 3

Februar -

März -

April: 5

Mai: 33 (mit Donnerstag)

Juni: 20

Juli: 2

August: 5

September: 1

Oktober: 2

November: 3

Dezember: 4