Mit jüngstem Profi-Trainer: Füchse im Angriffsmodus

Stefan Junold, Patrick Hauser
Sport1

In der Handball-Bundesliga ist ein Umschwung im Gange. Bis vor kurzem zogen noch überwiegend erfahrene Trainer-Legenden wie Alfred Gislason und Nikolaj Jacobsen die Fäden bei den Topklubs.


Nun vertraut der THW Kiel auf Debütant Filip Jicha, bei den Rhein-Neckar Löwen darf sich der 38-jährige Kristjan Andresson beweisen, in Flensburg ist der nur unwesentlich ältere Maik Machulla am Werk.

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Doch in Berlin treiben sie die Verjüngungskur der Trainer-Gilde im deutschen Handball auf die Spitze. Ab der Saison 2020/21 wird ein gewisser Jaron Siewert für den Erfolg der Füchse verantwortlich sein.

Siewert löst Petkovic ab

Zu seinem Amtsantritt wird der jetzige Trainer des Zweitligisten TuSEM Essen 26 Jahre alt sein. Er löst den Bosnier Velimir Petkovic (63 Jahre) ab.

"Die Entscheidung überrascht mich, ich finde sie sehr spannend. Die Zukunft wird zeigen, wie sich dieser junge Trainer entwickelt und ob er sich in der Bundesliga und auf internationalem Parkett durchsetzt", beurteilt Henning Fritz, Weltmeister von 2007, die bemerkenswerte Personalie im Gespräch mit SPORT1.


Geschäftsführer Bob Hanning nennt vordergründig zwei Argumente für die mutige Entscheidung. "Er kommt aus unserem Verein und hat bei uns das Handballspielen erlernt. Er hat große Erfolge in unserem Nachwuchs gefeiert", erklärt der 51-Jährige bei SPORT1.

"Der zweite wesentliche Grund ist die Innovation. Gottlieb Daimler hat einst gesagt: 'Es wird nicht so viele Autos auf der Welt geben, weil es nicht genügend Chauffeure gibt.' Wir brauchen aber eine Neugestaltung. Wir brauchen neue Ideen für unsere Sportart und dürfen nicht die Trends verlängern. Ich traue Jaron zu, diese Innovation darzustellen."

"Wir wollen etwas Neues kreieren"

Siewert soll mit dafür sorgen, dass die Füchse Berlin in den nächsten Jahren wieder um den deutschen Meistertitel mitspielen. Der Durst nach Erfolgen ist angesichts der stagnierenden Entwicklung in den letzten Jahren groß.

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"Wir sind aktuell nicht glücklich mit dem, was wir abrufen. Wir haben Spitze gekauft, aber wir sind keine Spitze", äußerte Hanning jüngst seinen Unmut über die sportliche Lage.

Mit dem neuen Trainer wollen die Füchse "noch mal neu durchstarten", kündigt Hanning bei SPORT1 an: "Man sollte der nächsten Generation die Chance geben und nicht so weiter machen wie bisher. Das verspreche ich mir auch davon. Wir wollen etwas Neues kreieren."

Siewert mit TuSEM Essen auf Aufstiegskurs

In der aktuellen Saison befinden sich die Füchse nur im Mittelfeld, der Rückstand auf die Spitze ist groß. Ob Petkovic noch bis Saisonende auf der Trainerbank bleiben darf? Da ist er sich selbst nicht sicher. "Hoffentlich bleibe ich, aber das entscheiden nicht Bob Hanning und ich, sondern auch die Spieler mit ihren Leistungen in den nächsten Wochen", sagte Petkovic.


Sein Nachfolger steckt aktuell in einer ganz anderen Situation. Mit Essen ist Siewert als Tabellenführer drauf und dran, in die Bundesliga aufzusteigen. Möglicherweise trifft er kommende Saison dann auf seinen Ex-Verein.

"Es wäre eine coole Geschichte, die man gut erzählen könnte", blickt der als Julian Nagelsmann des Handballs bezeichnete "Youngster" im Tagesspiegel voraus, nur um schnell hinzuzufügen: "Trotzdem sind wir hier beim TuSEM sehr bodenständig, die Saison ist noch lang."

Kretzschmar und Hanning überzeugt

Genau diese Bodenständigkeit, gepaart mit der Professionalität im Umgang mit seinen Spielern, schätzen die Verantwortlichen der Füchse an ihrem zukünftigen Chefcoach.

"Mit Jaron Siewert bekommen wir einen jungen, hochmotivierten, innovativen Trainer", schwärmte Stefan Kretzschmar, der ab Januar als Sportdirektor beim Hauptstadtklub anfängt. Für Hanning war indes auch wichtig, dass Kretzschmar und Siewert gut zusammenpassen.

"Ich habe eine unglaublich große Erwartungshaltung, dass er (Kretzschmar, Anm. d. Red.) uns mit seiner Sportkompetenz und seinem Netzwerk sowohl im Sponsoring als auch in der Kommunikation helfen kann. Dann haben wir einen Trainer gebraucht, der dazu passt und diesen neuen Weg, der ganz anders werden wird, auch geht", meint der Füchse-Boss: "Jaron hat in den Gesprächen mit Kretzschmar, dem Aufsichtsrat und den Gesellschaftern begeistern können."

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Hanning sieht Potential zum Bundesligatrainer

Hanning, der Siewert in Berlin einst trainierte, ahnte schon, welche Entwicklung sein Schützling nehmen würde. Im Jahr 2012 riet Hanning dem damals 18-jährigen Siewert, seine Spieler-Karriere zu beenden. In einem Alter, in dem Karrieren eigentlich erst beginnen. Dabei spielte der frühere Rückraumschütze mit den Füchsen in der Champions League und wurde vier Mal deutscher Jugendmeister.

"Ich habe ihm empfohlen, neben einem kaufmännischen Studium die Trainerkarriere zu beginnen. Ich habe gesehen, dass er als Trainer noch mehr Potential hat und sich ähnlich wie ich zum Bundesligatrainer entwickeln kann", erklärt Hanning bei SPORT1 Siewerts sehr ungewöhnlichen Schritt. 


Fritz überrascht von Hanning

Siewert hörte auf Hanning und beendete mit 20 Jahren seine Laufbahn. Anschließend begann eine rasante Entwicklung an der Seitenlinie, die im Sommer 2020 ihren vorläufigen Höhepunkt erreichen wird.

"Er ist für mich kein junger Trainer mehr - vom Alter zwar schon, aber er hat bei uns schon vier Jahre trainiert und jetzt drei Jahre beim Zweitligisten Essen. Wir haben die Wahl seines Vereins sehr sorgsam ausgewählt, da hätte es verschiedene Möglichkeiten gegeben. TuSEM Essen erschien uns als genau der richtige Verein für ihn, weil er Moderne und Tradition verbindet", meint Hanning.

"Wir kennen Bob Hanning, der nicht selten mit solchen Entscheidungen überrascht, mit vielen Entscheidungen aber richtig gelegen hat", bewertet Fritz bei SPORT1 den Schritt des Füchse-Bosses, Siewert als Cheftrainer zu engagieren.

Hanning sieht kein Autoritätsproblem

Auch Hanning sieht viel mehr die Chance als das Risiko, dass der junge Trainer vielleicht Autoritätsprobleme bei den teilweise älteren Spielern bekommen könne.

"Man kann in allem Probleme sehen, aber man kann auch den Drang haben, Dinge positiv nach vorne zu verändern. Wenn ich bei der Nationalmannschaft und bei den Füchsen immer auf alte Meinungen gehört hätte, stünden wir mit dem DHB und den Füchsen nicht da, wo wir heute stehen", betont der DHB-Vizepräsident. "Wenn es notwendig ist, muss man Veränderungsprozesse einleiten."

Ob Siewert wirklich der Aufgabe gewachsen ist, wird die Zukunft zeigen. Der Trend in der Bundesliga spricht jedenfalls dafür.

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