Jean Todt über Red-Bull-Forderung: "Werde mich nicht erpressen lassen"

Christian Nimmervoll
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Red Bull befindet sich seit der Ankündigung des Honda-Ausstiegs aus der Formel 1 per Ende 2021 in einer verzwickten Lage. Ein Kundenmotor etwa von Renault wäre bestenfalls Plan B. Das Wunschszenario einer Partnerschaft mit einem großen Hersteller lässt sich so kurzfristig nicht realisieren. Und bei der Idee, den Antriebsstrang aufgesetzt auf bestehende Honda-Technologie selbst weiterzuführen, ist man auf den guten Willen der FIA und der Formel 1 angewiesen.

Denn ab 2022 mit Red-Bull-gebrandeten Honda-Motoren zu fahren geht nur dann, wenn die Motoren per Ende 2021 eingefroren werden. Eine technologische Weiterentwicklung ist ohne das Honda-Entwicklungszentrum in Sakura nicht denkbar: zu ressourcenintensiv, zu teuer, völlig utopisch in der praktischen Umsetzung.

Red Bull wünscht sich daher einen "Engine-Freeze" ab Anfang 2022. Mercedes-Teamchef Toto Wolff hat bereits Zustimmung signalisiert. Kein Wunder: Mercedes hat aktuell die beste Power-Unit der Formel 1. Ein Entwicklungsstopp würde bedeuten, dass die Marke mit dem Stern ihren Vorsprung im Motorenbereich auf Jahre hinweg konservieren kann.

Beim Zukunftsgipfel am Montag in Portimao wurde die Red-Bull-Forderung nur gestreift. Dabei drängt die Zeit: "Wir brauchen eine Entscheidung bis spätestens Mitte November", sagt Helmut Marko gegenüber 'motorsport.com'. "Nur wenn die Entwicklung eingefroren wird, funktioniert unser Projekt. Wir können die Motoren in Milton Keynes warten und zusammenbauen, aber nicht weiterentwickeln."

Red-Bull-Drohung kommt bei Todt nicht gut an

Aber: Die Drohung, beide Teams aus der Formel 1 zurückzuziehen, sollten sich die Verantwortlichen nicht auf ein solches Entgegenkommen einlassen, kommt nicht bei allen so gut an wie bei Wolff. FIA-Präsident Jean Todt stellt gegenüber 'auto motor und sport' klar: "Ich respektiere jede Meinung und jeden Antrag, werde mich aber nicht erpressen lassen. Von keinem."

Red Bull befindet sich politisch in einer starken Position. Die beiden Grands Prix in Spielberg haben die Formel-1-Saison ins Rollen gebracht und ein Millionendebakel in der Coronakrise abgeschwächt. Der mysteriöse FIA-Ferrari-Deal wurde nie transparent gemacht. Das Thema war zuletzt nicht mehr medienpräsent, doch Red Bull ist immer noch überzeugt davon, dass da nicht alles mit rechten Dingen zugegangen ist.

Die Erwartungshaltung, dass man deswegen mit der Forderung nach einem "Engine-Freeze" locker durchkommen wird, ist aber kein Selbstläufer. Todt kritisiert: "Im Mai hat uns Red Bull erzählt, dass es auf keinen Fall einen Entwicklungsstopp geben darf, weil Honda sonst aussteigt. Jetzt wollen sie das Gegenteil. So schnell kann das in dem Geschäft gehen."

E-Fuels könnten theoretisch früher als geplant kommen

Die Weiterentwicklung und damit das Motorenformat bis zum Ablauf der aktuellen Concorde-Periode (Ende 2025) einzufrieren, zwingt die Formel 1 nämlich zu schmerzhaften Kompromissen. Hinter den Kulissen wird der Wunsch immer größer, so früh wie möglich mit CO2-neutralen E-Fuels zu fahren. Insider sind davon überzeugt, dass das technisch schon 2023 möglich wäre. Zu 100 Prozent.

Gibt man aber jetzt nach und friert die Motoren ein, muss noch drei Jahre länger als technisch möglich mit einem Motor gefahren werden, der in der Außendarstellung - Hybrid hin oder her - als zu wenig umweltfreundlich empfunden wird. Ein Vorziehen eines etwaigen neuen Motorenformats, wie es einigen Entscheidungsträgern vorschwebt, wäre dann hinfällig.

Todt zögert daher, dem Wunsch von Red Bull nachzukommen. Und: "Auch die Kraftstoffhersteller haben uns gedroht, dass sie nur weitermachen, wenn es weiter Wettbewerb gibt. Viel wichtiger ist, dass sie ihr Geld in die Entwicklung emissionsfreier Kraftstoffe stecken. Am Ende zählen für mich nur die richtigen Argumente, nicht irgendwelche Drohungen", sagt er.

Mit Bildmaterial von Motorsport Images.