Jerome Boateng, der neue Kaiser

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27 Minuten bot Borussia Dortmund dem FC Bayern Paroli. Doch dann schlug die Stunde von Jerome Boateng und Dortmunds Konzept war hinüber. Ein Zustand, der vor allem Thomas Tuchel die nächste Zeit beschäftigen wird. Zumal ihn seine Mannschaft beim 1:5 in München regelrecht im Stich ließ.

Bundesliga: FCB deklassiert Dortmund: Und dann kam Jerome

27 Minuten bot Borussia Dortmund dem FC Bayern Paroli. Doch dann schlug die Stunde von Jerome Boateng und Dortmunds Konzept war hinüber. Ein Zustand, der vor allem Thomas Tuchel die nächste Zeit beschäftigen wird. Zumal ihn seine Mannschaft beim 1:5 in München regelrecht im Stich ließ.

Robert Lewandowski fühlte sich für einen Moment ein wenig einsam. Eben hatte er aus kürzester Distanz den Ball in die Maschen gehämmert, ins leere Tor. Nur Sekunden waren in der zweiten Halbzeit gespielt, es war das 3:1 für den FC Bayern gegen Borussia Dortmund, die Entscheidung im Topspiel. Für Lewandowski, den Fließband-Torjäger, war es die Fortsetzung seines Mega-Laufes und schon wieder ein Treffer gegen seinen früheren Arbeitgeber. Und doch wurde 50 Meter entfernt von ihm gefeiert. Dorthin eilten die Gratulanten aus der eigenen Mannschaft, zum Mittelkreis. Hier ging die Party ab. Bei Jérôme Boateng, dem Vorlagengeber, dem Mann des Spiels.

Vorlagengeber klingt so nüchtern, so bürokratisch. Der 27-Jährige war Mr. Esprit dieser Partie, er war der Aufreißer des BVB-Widerstands. Sein langer Ball, sein weiter Schlag mit dem linken Fuß hatte Lewandowski, der im richtigen Moment in die Schnittstelle der Dortmunder Viererkette startete, auf die Reise geschickt. BVB-Torwart Roman Bürki, auf Kollisionskurs mit Lewandowski, stellte sich etwas ungeschickt an und schon hatte der Pole freie Bahn – das 3:1. Zu mehr als 50 Prozent Boatengs Tor. Javi Martínez, Thiago, David Alaba und Xabi Alonso – alle stürmten zum Absender des Passes über 50 Meter. „Das dritte Tor machte den Unterschied“, befand Bayern-Trainer Pep Guardiola nach der Partie.

Der beste Innenverteidiger der Welt

Dabei war es er, der den Unterschied beim 5:1 der Bayern gegen Dortmund ausmachte: Jérôme Boateng. Der Abwehrchef des FC Bayern, der Abwehrchef der Nationalmannschaft von Joachim Löw, vielleicht sogar momentan der beste Innenverteidiger der Welt. Und der mit dem Sinn für den Weitblick. Schon den ersten Treffer von Thomas Müller (26.) hatte Boateng mit einem weiten Ball über die BVB-Abwehr vorbereitet, diesmal mit rechts. Mehr Präzision geht nicht. Fast schon ein unglaublicher Fakt, dass diesem Boateng seit eineinhalb Jahren kein Assist mehr in der Bundesliga gelungen war. „Nun gleich zwei, das passiert auch nicht alle Tage, das ist schon etwas Besonderes für einen Verteidiger“, meinte Profiteur Müller.

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Und so feierten die Bayern am Sonntag diesmal nicht Douglas Costa, den Wunderdribbler und Vorlagengeber en masse. Man huldigte nicht wie zuletzt dem Rekordebrecher-Torjäger Robert Lewandowski, diesmal erneut doppelt erfolgreich, und dem ewigen Müller, der ebenfalls doppelt zuschlug, das 2:0 per Elfmeter erzielte. Auch Mario Götze, der eines seiner besten Spiele im Bayern-Trikot machte, und das 5:1 beisteuerte, war nicht der Held des Abends. Nein, es war Boateng, der Mann, der aus der Tiefe flankt.
Die meisten Ballkontakte hatte diesmal nicht Alonso oder Thiago. Nein, Boateng mit 94. Die meisten Torschussvorlagen? Nicht Costa oder Götze. Nein, Boateng mit drei.

Plötzlich ein langer Schlag...
Die Sache hat System. Boateng treibt den Ball in der eigenen Hälfte vor sich her, wirkt dabei fast ein wenig unbeteiligt oder gar schläfrig, vorne starten Müller oder Lewandowski in die Lücke der Abwehrkette. Plötzlich folgt Boatengs weiter langer Schlag über die Köpfe der Gegenspieler hinweg. Und die kommen dann in der Rückwärtsbewegung dem startenden Angreifer nicht mehr hinterher. Foul, sprich Notbremse oder Tor, das ist meist die Alternative für Verteidiger und Torhüter. Ein taktischer Kniff. „Dortmund stand sehr hoch, fast an der Mittellinie. Deshalb war es schwer, die kurzen Pässe zu spielen. Jerome und ich haben uns kurz angeschaut“, beschrieb Thomas Müller das 1:0, „Ich habe den Laufweg gesehen, er hat die Lücke gesehen. Wenn ein Raum da ist, dann nutzt man ihn auch.“ Alles Intuition? Schon auch, klar. „Aber grundsätzlich steht ein Plan dahinter“, so Müller. Ist ja auch nichts Neues, dass Boateng die Bälle wie ein Golfspieler über zig Meter perfekt auf dem Grün platziert - zumindest Bayern-intern.

„Jérôme hat schon immer super Pässe gespielt. Er mag solche Pässe – überragend! Das ist seine Qualität, das hat perfekt funktioniert.“ Im Training an der Säbener Straße wird genau das einstudiert. Boateng hat sich über die letzten Jahre und Monate immer mehr verbessert, vor allem speziell seinen linken Fuß.
Bei Dortmund wusste man um die Gefahr. Konnte aber die langen Boateng-Bälle nicht verhindern. „Es gab bei uns klare Verhaltensrichtlinien für den Fall ,Boateng, freier Fuß'“, verriet BVB-Trainer Thomas Tuchel, der erklärte: „.Es gibt die Verbindung Boateng-Lewandowski. Das war von uns sehr schlecht verteidigt.“ Tuchel schimpfte nach der Partie über „unsere wahnsinnige Unaufmerksamkeit nach diesen langen Bällen“. Diese Art von Gegentor, also das 0:1 und 1:3, ist für Tuchel „eines der bittersten, die du kriegen kannst“. Auch, weil es nicht aus der Kurzpassschule des Dominanzfußballs der Ära Guardiola stammt, sondern ein ganz anderes Stilmittel darstellt. Achtung, Überfall. Boateng holt aus. Er, der Kaiser.

Boateng, "der Kaiser"
So nennen ihn die Mitspieler, wie Müller am Sky-Mikrofon launig verriet. Und was sagt der Kaiser selbst zum Spitznamen Boatengs? „In den letzten zwei Jahren spielt Boateng auf absolutem Weltklasse-Niveau“, lobte Franz Beckenbauer (70) den Abwehrchef, „er spielt seine Schnelligkeit und Geschmeidigkeit gar nicht aus, weil er selten gefordert wird. Er wirkt pomadig, aber das ist er nicht. Er ist einer der besten Innenverteidiger der Welt.“ Auch von Sportvorstand Matthias Sammer gab es noch ein Extra-Lob: „So etwas habe ich im Passspiel und von der Präsenz her lange nicht mehr gesehen. Er hat sich durchgebissen mit Reizungen im Knie. Das ist Mentalität. Das zeichnet ihn aus.“

2011 kam Boateng von Manchester City zum FC Bayern, war lange Zeit umstritten aufgrund seiner schwankenden Leistungen und der zu impulsiven, manchmal zu rüden Spielweise. Heutzutage stellt Pep Guardiola seine Abwehr um Boateng herum auf, ob es eine Dreierkette ist wie zu Beginn gegen den BVB oder eine Viererkette wie nach der Umstellung ab der 30. Minute. Jérôme ist der Schlüsselspieler. Der gebürtige Berliner mit dem Gardemaß von 1,92 Meter agiert stets souverän, ist fast immer Herr der Lage in seinem Revier. Und wenn's einmal brennt, stellt er seinen Körper in den Weg. Und das viel umsichtiger als in früheren, ungestümen Zeiten. „Mein Timing ist einfach besser geworden“, verriet er einmal. „Dazu kommt: Ich bin ruhiger und abgeklärter geworden.“ Der frühere Bayern-Trainer Jupp Heynckes, Architekt des Triples 2013, und Weltmeistertrainer Joachim Löw hatten ihm beigebracht, nur im äußersten Notfall zu grätschen. „Früher habe ich mit so einer Aktion auch manchmal etwas übermotiviert gehandelt, etwa wenn ich einen vorherigen Fehler wettmachen wollte oder auf ein Gegentor die Antwort liefern wollte“, so Boateng. Von Guardiola schließlich hat er die Souveränität erlernt, den Glauben in die eigenen Stärken. Pep hat Jérôme noch flexibler gemacht, außerdem ungeahnte Talente wie die langen Bälle zu Tage gefördert. Guardiola hat Kaiser Boateng neu erfunden.


 

 

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