Wie John Watson von Startplatz 22 einen Formel-1-Grand-Prix gewann

Juliane Ziegengeist
motorsport.com

Siege sind immer etwas Besonderes, aber wenn man sie aus einer scheinbar aussichtslosen Position erreicht, macht sie das umso spezieller. So zählt John Watsons Aufholjagd beim US-Grand-Prix in Long Beach am 27. März 1983 bis heute zu den bemerkenswertesten Siegen in der Geschichte der Formel 1.

Der Brite schaffte es, sich vom 22. Startplatz an die Spitze zu kämpfen. Dabei spielte weder schlechtes Wetter eine Rolle noch gab es eine Massenkollision, die zur Ausdünnung des Feldes sorgte. Auch eine clevere Boxenstrategie oder die Intervention von Safety-Cars spülten ihn nicht nach vorn. Wie hat Watson es also dann geschafft?

1983 war der heute 74-Jährige in seiner fünften Saison bei McLaren. Im Jahr zuvor wurde Niki Lauda sein Teamkollege, dessen Rückkehr aus dem Ruhestand für Schlagzeilen gesorgt hatte. Watson verband ein gutes Verhältnis mit dem Österreicher. Sie waren 1978 bereits Teamkollegen bei Brabham gewesen.

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Ron Dennis fordert Fahrer zu mehr Einsatz auf

Während Lauda den höheren Bekanntheitsgrad in der Öffentlichkeit genoss, befanden sich die beiden bis 1982 mit jeweils zwei Siegen auf Augenhöhe. McLaren war eines der Teams, die noch mit dem Cosworth-Saugmotor fuhren. Bis 1982 dominierten die Turbo-Autos von Ferrari, Renault, Brabham und Alfa Romeo die ersten Reihen.

Es war offensichtlich, dass der Klassenunterschied 1983 noch deutlicher hervortreten würde, denn das eigene TAG-Porsche-Turbo-Projekt war noch in der Entwicklung. Wenn McLaren also schon nicht an die Motorleistung der Konkurrenz herankam, musste das Team dafür sorgen, dass seine Fahrer effizienter arbeiteten als ihre Rivalen.

"Zu Beginn dieses Jahres hatte Ron Dennis zu Niki und mir gesagt: 'Ich habe es satt, so viele Millionen Dollar auszugeben, um konkurrenzfähige Rennwagen zu bauen'", erinnert sich Watson. "Ihr beiden faulen Bastarde solltet euch genauso anstrengen." Daraufhin wurden im Team einige Neuerungen vorgenommen.

Willi Dungl als Heilsbringer für John Watson

Laudas Physiotherapeut Willi Dungl stieß als vollwertiges Teammitglied hinzu, die Kosten wurden geteilt. "Ich bekam meine erste offizielle Behandlung in Brasilien, und es war eine Offenbarung. Er war der Architekt der ersten wirklich wissenschaftlichen Annäherung an das physische, diätetische und psychologische Training eines Rennfahrers."

Watson wusste sich das bald zum Vorteil zu machen. Denn eine geplante Werbetour für Marlboro durch Südamerika, die er mit Lauda und Keke Rosberg (Williams) antreten sollte, ließ er sausen. Anstatt sich also auf diese einwöchige Südamerika-Tournee zu begeben, flog er direkt nach Long Beach, der zweiten Saisonstation.

So kam der Brite unerwartet in den Genuss einer exklusiven Behandlung von Dungl. "Ich hatte die volle Aufmerksamkeit von Willi Dungl für etwa eine Woche oder acht Tage, bevor Niki und der Rest aus Südamerika zurückkamen", erinnert sich Watson. "Im Laufe dieser Woche verbesserte sich meine körperliche Verfassung."

Watson gewinnt physisch und mental an Stärke

"Ich war nie ein natürlicher Läufer, aber ich begann besser zu laufen, und all die Dinge, die im Grunde genommen mit Fitness gleichzusetzen sind, verbesserten sich, wie Herzfrequenz und Erholungsrate." Lauda hingegen kehrte laut Watson geschwächt von der Reise zurück. "Er war nicht hundertprozentig gesund. Aber ich war es."

Im Laufe der zweiten Woche verzeichnete er weitere Verbesserungen: "Meine Kraft nahm zu - nicht nur die physische, sondern auch die mentale Stärke. Und daher rührt so viel von der Leistung eines Fahrers. Ich hatte das Gefühl, in den zwei Wochen zwischen Brasilien und dem Training in Long Beach gewachsen zu sein."

Doch im Qualifying kam die Ernüchterung. Zwar glaubte man, dass die Autos mit Cosworth-Antrieb auf einem Straßenkurs mit den Turbos mithalten könnten, und tatsächlich qualifizierte sich das Williams-Duo Rosberg und Jacques Laffite auf drei und vier. Allerdings nutzten sie Goodyear-Reifen, während McLaren mit Michelin kämpfte.

Im Warm-up mit vollem Tank platzt der Knoten

"In Long Beach, wo ein Teil der Oberfläche aus Beton bestand, konnten wir die Dinger einfach nicht zum Laufen bringen, weil der MP4 mit DFV-Antrieb sehr leicht auf den Reifen war, vor allem in der Qualifikationskonfiguration", erklärt Watson. "Die unvermeidliche Schlussfolgerung war, dass wir uns als 22. und 23. qualifiziert haben."

Das kam einem Desaster für das Team gleich, vor allem bei einer hochkarätigen US-Veranstaltung, die für Sponsoren wichtig war. Das Rennen bot aber zumindest etwas Hoffnung, denn die Turbos konnten nicht die Leistung bringen, die sie im Qualifying hatten, und ihre Zuverlässigkeit war immer fragwürdig.

Am Start noch weit hinten kämpfte sich Watson Runde für Runde nach vorn

Am Start noch weit hinten kämpfte sich Watson Runde für Runde nach vorn <span class="copyright">Motorsport Images</span>
Am Start noch weit hinten kämpfte sich Watson Runde für Runde nach vorn Motorsport Images

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Von außerhalb der Top 20 schien aber selbst die Sicherung eines Punktes mit dem sechsten Platz ein wenig ehrgeizig. Doch das Warm-up war ein erster Fingerzeig: "Mit einer vollen Tankladung an Bord waren die Zeiten da und ich flog. Sie Reifen kamen auf Temperatur und ich konnte das Auto wirklich fahren und überall hin lenken."

Im Tandem mit Niki Lauda durchs Feld gerast

Watson ging daher mit einer positiven Einstellung ins Rennen, unterstützt durch seine früheren Vorbereitungen mit Dungl. Er wusste auch, dass er von einem ähnlich frustrierenden 17. Startplatz in Detroit im Vorjahr gewonnen hatte und dass Überholen auf einer von Mauern gesäumten Stadtstrecke möglich war, wenn man das Vertrauen hatte.

"Niki war zu Beginn des Rennens vor mir. Im Grunde sind wir beide im Tandem durch das Feld gefahren. Einige schieden aus und einige überholten wir. Ich fühlte mich extrem stark, zu keinem Zeitpunkt wollte ich Niki entkommen lassen", reflektiert Watson. "Ich hatte das Gefühl, dass ich ein besserer Straßenkämpfer war als er."

Der Brite folgte seinem Teamkollegen wie ein Schatten und drängte sich jedes Mal, wenn er ein Überholmanöver machte, mit durch, um zu verhindern, dass er entkommt. So arbeiteten sich beide Männer im Feld sukzessive nach vorn. "Irgendwann waren wir auf dem dritten oder vierten Platz oder so", erinnert sich Watson.

Mit 27,9 Sekunden Vorsprung der klare Rennsieger

"Ich hatte beschlossen, dass er mich auf keinen Fall schlagen würde. Schließlich rutschte ich vorbei. Ich war von ziemlich weit hinten gekommen, um es zu versuchen. Niki war sich bewusst, dass mich nichts davon abhalten konnte, ihn zu überholen. Dann, als ich vorbei war, zog ich davon. Mental war er geschlagen worden."

Lauda konnte Watson nicht folgen. Er gab sich zufrieden, "was ein weiterer Aspekt von Nikis pragmatischem Verstand war", analysiert sein damaliger Teamkollege. "Und dann nahm ich Laffite die Führung ab. Mit der gleichen Art von Selbstvertrauen, das ich in Detroit gezeigt hatte, gelang mir ein gut ausgeführtes Überholmanöver."

Am Ende feierten die Teamkollegen Watson und Lauda gemeinsam

Am Ende feierten die Teamkollegen Watson und Lauda gemeinsam <span class="copyright">Motorsport Images</span>
Am Ende feierten die Teamkollegen Watson und Lauda gemeinsam Motorsport Images

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Der Sieg war Watson danach nicht mehr zu nehmen. Lauda, der es noch auf Platz zwei schaffte, nahm er im Ziel 27,9 Sekunden ab. Der Ferrari des Drittplatzierten Rene Arnoux lag fast eine Runde zurück. "Es war ein großer Schock", gibt der Überraschungssieger zu. Alle im Team staunten an diesem Tag nicht schlecht.

Dungl wusste von Anfang an, was möglich war

"Es dauerte einige Zeit, um auf die Tatsache zu reagieren, dass wir das Rennen von diesem niedrigen Startplatz aus gewonnen hatten. Aber Willi hatte das Potenzial, die Kraft, die er in mir erzeugte, gesehen. Er sagte es mir nicht vor dem Rennen, aber danach sagte er, dass er wusste, dass ich gewinnen würde. Er konnte sehen, was mit mir geschah."

Die Freude über den Sieg sollte später von innenpolitischen Querelen bei McLaren gedämpft werden. Für den Geschmack der Teamleitung hatte Watson in der Pressekonferenz zu viel preisgegeben. Der nahm es sportlich: Es war eine Lektion für mich, in Zukunft unter diesen Umständen niemals direkte Fragen zu beantworten..."

Mit Bildmaterial von Motorsport Images.

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