Der König vom Waldhof

Udo Muras
Sport1

Den Pepita-Hut trägt er immer noch, Markenzeichen bleibt Markenzeichen.

Wenn es auch ab zu mal ein neues Exemplar gegeben haben wird, das das kahle Haupt des Klaus Schlappner bedeckt hat über die Jahrzehnte. Mitte der Achtziger kannte ihn jeder Fußballfan als den Mann mit dem Schlapphut, passend zum Kosenamen "Schlappi".

Heute ist er selbst ein Achtziger, feiert bei bester Gesundheit einen runden Geburtstag, wenn auch nicht im einmal vorgesehenen Rahmen. Und er trägt seinen Schlapphut der Marke Pepita - wie aktuelle Fotos beweisen.

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Sein modisches Accessoire allein würde keinen Rückblick rechtfertigen, es ist nur ein prägnantes Detail mit hohem Wiedererkennungswert und darf schon deshalb nicht fehlen. Wer sich an den Hut erinnert, erinnert sich aber gewiss auch an seinen Träger, denn Schlappi war Kult.

Er war der etwas andere Bundesligatrainer. Hemdsärmelig, bodenständig, zuweilen rabiat, immer mit einem kessen Spruch auf den Lippen. Einige Kostproben dazu an anderer Stelle.

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Schlappi und das Waldhof-Wunder

Vor allem machte er das "Wunder Waldhof" möglich. Für Waldhof Mannheim, das seine besten Tage vor dem Krieg hatte, interessierte sich in der BRD lange kein Mensch mehr außer den Mannheimern, aber auch nur die aus dem Arbeiterviertel Waldhof, dem einst Sepp Herberger entwuchs.

Es gab ja schließlich noch andere Vereine in der kurpfälzischen Metropole und als die 2. Liga 1974 gegründet wurde, da spielten mit "dem Waldhof" und dem ewigen Rivalen VfR gleich zwei Mannheimer Klubs mit. Der VfR ging, Waldhof blieb, verkaufte seinen Vereinsnamen aber an eine Chipssorte und erntete Kopfschütteln.

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So kann man auch bundesweite Aufmerksamkeit wecken, aber erst als Schlappi kam, wurde sie mit Anerkennung honoriert. "Chio Waldhof" hatte zwar Ende der Siebziger einen albernen Namen, aber die beste Jugendabteilung weit und breit und wurde 1980 Deutscher Jugendmeister, nun schon wieder als SV Waldhof.

Mit dem Kern dieser Jugendtruppe arbeitete Klaus Schlappner ab der Saison 1980/81 zusammen und sein Credo würde in der heutigen Zeit noch viel lauter beklatscht werden als damals: "Der beste und billigste Transfer ist der aus der eigenen Jugend", sagte der Elektromeister aus dem südhessischen Lampertheim.

Der König vom Waldhof

So wie jedes kluge Unternehmen den fleißigen Praktikanten fördere. Fleiß, das war sein Credo. "Fragen sie meine ehemaligen Mitarbeiter. Schlappner steht für Arbeit, Arbeit, Arbeit", sagte er der SZ. So konnte der Elektromeister nebenher noch den Meister im Fußball machen.

Im Gegensatz zu seinen "Buben" hatte Schlappner schon Bundesligaerfahrung, als er sie übernahm: er wickelte 1979 das erste Jahr von Darmstadt 98 im Oberhaus ab. Als der Abstieg schon nicht mehr zu vermeiden war, durfte der Assistent seinen Chef Lothar Buchmann ablösen.

Beim SV Waldhof war er selbst Chef und schon bald König. 1983 stiegen Schlappis Buben, mehrheitlich aus eigenem Anbau, in die Bundesliga auf und die bekam nun so einiges zu hören. Zunächst per Gedicht, schon kurz vor dem Aufstieg.


Zitat Schlappner: "Der SVW spielt super stark, das geht uns allen bis ins Mark. Wir schreien uns die Kehlen heiser, der SVW wird Meister." Als sie es geschafft hatten, nahmen Mannschaft und Trainer eine Platte auf – Hey, Super Waldhof.

In die Charts kam sie nicht, nur ins Kuriositätenkabinett der Liga. Die erfreute sich ab 1983 eines Trainers, der - wie erwähnt - am besten Sprüche klopfen konnte. Kostproben: "Meister muss ich nicht werden. Ich bin schon Meister."

"Glück? Wir sollen mit Glück nicht verloren haben? Nein, Glück hatte ich an dem Tag, als ich meine Frau traf."

Als 1984 eine Debatte darüber ausbrach, ob Franz Beckenbauer ohne Trainerschein Bundestrainer sein dürfe, sagte er: "Von mir aus kann Franz die Nationalmannschaft mit der Eintrittskarte für die Peepshow trainieren."

Was für ein Kontrastprogramm zu bedächtigen Kollegen wie Ernst Happel (HSV) oder Dietrich Weise (Frankfurt).

Eine Mischung zwischen Comedy und Kabarett

Er besetzte eine Nische, in der vor ihm ein Max Merkel und nach ihm ein Christoph Daum oder Klaus Toppmöller saßen und dafür waren ihm viele dankbar. Weniger wichtig als das eher rustikale Spiel seiner Mannschaft war das, was er daraus machte. In Hamburg schrieb er mal während der Partie Autogramme auf HSV-Mützen, durch den Zaun.

Seine Pressekonferenzen nach Spielen pendelten zwischen Comedy und Kabarett, sein Kurpfälzer Dialekt tat sein Übriges für beste Samstagabendunterhaltung.

"Und dann stand da drauße ein Männlein", veräppelte er eine Linienrichterentscheidung süffisant und seine eigene Elf als "FC Hühnerhaufen". Aus der trotzdem große Karrieren hervorgingen: Jürgen Kohler wurde Weltmeister, Maurizio Gaudino Nationalspieler und Meister und auch die nicht so großen hielten den Waldhof sieben Jahre in der Liga.


Namen wie Sebert, Dickgießer und Schlindwein waren ein Begriff für beherztes Zupacken, Schön stand für elegantes Spiel und Fritz Walter, der Kleine, für viele Tore.

Sie verdankten Schlappner alles, Kohler gestand: "Er war der wichtigste Trainer meiner Karriere."

Journalisten dagegen fürchteten ihn, weil er Buch führte über sie. Wer etwas aus seiner Sicht missliebiges oder gar falsches schrieb, bekam einen Eintrag und wurde damit bei nächster Gelegenheit konfrontiert. Da entstand so manche Dauerfehde.

Er war eben ein komischer Kauz und hielt ein paar komische Rekorde. Acht Mal hintereinander spielten die Waldhof-Buben 1985 Unentschieden – bis heute Bundesligarekord. Dreimal hintereinander schaffte er es von 1988 bis 1990 als Zweitligatrainer in die Relegation, immer verlor er - nicht mehr mit Waldhof, wo er 1987 erstmals schied, um sein Glück mit Darmstadt 98 und dem 1. FC Saarbrücken zu versuchen.

Schlappi big in China

Dann fiel die Mauer und er erweiterte seinen Radius, coachte 1991/92 mit weniger Erfolg Carl Zeiss Jena.

Nun war es Zeit für das Ausland, der so heimatverbundene Schlappner nahm das Angebot seines Lebens an und trainierte ab 1992 Chinas Nationalmannschaft, später übernahm er auch die Olympiaauswahl und das Frauenteam. "Ich musste praktisch alles ändern: Einstellung, Ernährung, Training". Schlappi big in China, wo er sogar beim Aufbau der dortigen Profiliga half.

2008 erhielt er die Ehrenprofessorwürde einer chinesischen Sporthochschule, Kontakte bestehen bis heute ins Reich der Mitte.

Es nimmt etwas Wunder, dass er eine Vorliebe für autoritäre Staaten entwickelte, arbeitete Schlappner doch auch im Iran, der Mongolei und Nordkorea als Trainer oder Berater. "Der Sport eint die Menschen viel schneller als alles andere, das sollten die Politiker nicht vergessen", hat er der Rhein-Neckar-Zeitung gesagt.


Die dunkle Seite von Klaus Schlappner

Sein Engagement im Ausland führt er auch immer an, wenn ihm einer seine unrühmliche Vergangenheit als NPD-Mitglied in jungen Jahren (1968) vorhält und auf sein vermeintliches Problem mit Ausländern.

Es gab da in Saarbrücken die Geschichte mit dem Nigerianer Jonathan Akpoborie, später ein respektabler Bundesligaspieler, den er im Training einen Schneemann bauen ließ und so lange ins Entmüdungsbecken setzen wollte, "bis Du weiß bist".


Eigentümlicher Humor, den man sich wohl gerade noch so leisten konnte solange es keine sozialen Netzwerke gab. Raus kam es trotzdem und als Schlappner 1996 nach Mannheim in die 2. Liga zurückkehrte, traf er dort wieder auf Akpoborie. Aber nicht für lange, der bat sofort um die Freigabe und erhielt sie.

Auch das gehört zu dem Mann, der das Wunder Waldhof möglich machte und die Bundesliga in den grauen Achtzigern, als die Stadien immer leerer wurden, auf seine Art bereicherte.

Geburtstag wird nachgeholt

Apropos bereichern: schon als er Waldhof in die Bundesliga führte, sagte er: "Ich brauche keine satten Spieler. Ein Star, der 50.000 Mark kostet, nützt mir absolut nichts, er würde nur unser Gefüge sprengen und die mannschaftliche Geschlossenheit stören."

Heute reden wir von ganz anderen Zahlen, aber vom selben Ungeist und wieder bezog Schlappi Stellung: "Hier noch eine Million, da noch drei Millionen – das gefällt mir nicht."

Dass seine Feier ausfallen muss, zu der sich Freunde aus vieler Herren Länder ankündigte, nimmt er weniger tragisch: "Die Feier wird irgendwann in diesem Jahr nachgeholt, an einem anderen 22. des Monats - wenn wir diesen unsichtbaren Fend besiegt haben."

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