Kalou hat der Liga einen Bärendienst erwiesen

Patrick Berger
Sport1

"Wir alle lieben den Fußball, aber wir sollten niemanden einem Risiko aussetzen, nur weil wir das Spiel lieben. Alle müssen geschützt und vor allem gesund sein." Diese eigentlich klugen Sätze hat Salomon Kalou vor wenigen Tagen in einem TV-Interview mit BBC Sport Africa gesagt. Mit Blick auf sein heutiges Facebook-Live-Video erscheinen sie allerdings dreist und verlogen.

Wochenlang hat die "Task Force Sportmedizin/Sonderspielbetrieb" der Deutschen Fußball Liga (DFL) an einem 41-seitigen Hygienekonzept gearbeitet, das die zeitnahe Wiederaufnahme des Bundesliga-Spielbetriebs gewährleisten soll. Die Liga hat allerdings die Rechnung ohne Kalou gemacht. Der Stürmer von Hertha BSC tritt die hart erarbeiteten Corona-Regeln mit Füßen und macht die Hoffnungen auf einen ersehnten Neustart innerhalb von nur 26 Minuten zunichte!


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Was genauso gut eine Undercover-Reportage von Günter Wallraff hätte sein können, ist in Wirklichkeit einfach nur ein erschreckend naives und verantwortungsloses Video eines 34 Jahre alten Fußball-Profis, der längst in seiner eigenen Blase lebt.

Kritiker sehen sich bestätigt

Auf seinem Facebook-Account nahm der Champions-League-Sieger von 2012 die Fans mit zum Hertha-Training. Von der Anfahrt im Auto zum Trainingsgelände (Kalou lässt sich seit Jahren von einem Kumpel chauffieren) bis in die Kabine filmte der Ivorer nonstop - und nahm die Hygieneregeln des Klubs dabei überhaupt nicht ernst (einige Teamkollegen im übrigen ebenfalls).

Dass sich in dem Video Kalou und Ibisevic auch noch öffentlich über ihren im Verhältnis mickrigen Gehaltsverzicht von 11 und 15 Prozent ("I don’t fucking understand why they do that") beschweren, ist nur eine traurige Randnotiz.


Das Video von Kalou ist ein Schlag ins Gesicht für alle, die so sehr auf den Re-Start hinfiebern. Für alle, deren Job am Fußball hängt. Für die vielen Vereine, die zwingend auf die fehlenden Gelder angewiesen sind. Und natürlich für die Mitarbeiter auf den Geschäftsstellen, die überwiegend in Kurzarbeit sind. Das Kalou-Video ist zugleich auch Wasser auf die Mühlen der Kritiker, die einen sofortigen Saisonabbruch wollen. Es torpediert sämtliche Bemühungen der Profi-Klubs um einen Re-Start.

Hertha-Kabine als Muster der Liga?

Gebetsmühlenartig weisen die Klubs, darunter im Übrigen auch Kalou-Klub Hertha, darauf hin, dass der Trainingsbetrieb natürlich "unter strenger Einhaltung der Hygiene- und Vorsichtsmaßnahmen" erfolgt.


Nach dem Kalou-Video kann man dem nur schwer Glauben schenken. Ob es wirklich nur in der Hertha-Kabine so aussieht? Der Blick hinter die Kulissen eines Bundesligisten zeigt, wie sorglos mancherorts mit der aktuellen Situation umgegangen wird. Schlimmer noch: Es stellt automatisch alle 36 Klubs unter Generalverdacht.

Kalou, der zuletzt keine sportliche Rolle mehr bei Hertha BSC spielte, warf den blau-weißen Verantwortlichen Anfang des Jahres fehlenden Respekt im Umgang mit seiner Person vor. Genau das muss er sich jetzt vorwerfen lassen. Fehlenden Respekt den Menschen gegenüber, die das Virus sehr wohl ernstnehmen. Fehlenden Respekt denen gegenüber, die mit aller Kraft an einem Re-Start arbeiten. Und fehlenden Respekt den anderen Klubs und Kollegen gegenüber, die die Regeln in diesen Tagen strikt einhalten.

Mittlerweile hat Hertha BSC Kalou mit sofortiger Wirkung vom Trainings- und Spielbetrieb suspendiert. Die Entscheidung des Hauptstadtklubs ist die einzige logische Konsequenz.

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