Der Kampf um die Seele einer Legende

Eric Böhm
·Lesedauer: 4 Min.
Der Kampf um die Seele einer Legende
Der Kampf um die Seele einer Legende

Der Name hat überall auf der Welt einen ganz besonderen Klang: Manchester United.

Kaum jemand auf diesem Planeten hat noch nicht von dem Phänomen gehört, das weit mehr als ein Fußballverein ist. Schon 2018 kam eine Studie von Bloomberg zu dem Schluss, Englands Rekordmeister habe eine weltweite Anhängerschaft (wohl eher "Follower") von 659 Millionen oder knapp neun Prozent der Weltbevölkerung.

Bobby Charlton, Sir Alex Ferguson, Ryan Giggs, David Beckham oder Cristiano Ronaldo machten den schon 1878 gegründeten Klub, der als einer von nur fünf alle Europapokale gewinnen konnte, zum Mythos.

Nicht erst der schockierende Sturm des Old Trafford am Sonntag machte aber deutlich, dass sich ManUnited in einer Identitätskrise befindet, die beispielhaft für den europäischen Fußball steht - es geht um nichts weniger als die Seele einer Legende.

ManUnited - seit jeher zwischen Tradition und Kommerz

Die aktuellen Proteste entzündeten sich an der inzwischen vorläufig beerdigten Super League und der Glazer-Familie, die United im Jahr 2005 übernahm.

Dabei steht der Verein jedoch schon deutlich länger für den schwierigen Spagat zwischen Tradition, Fan-Nähe, sportlichen Erfolgen und Wirtschaftlichkeit in einer zunehmend globalen Welt.

Immerhin war Manchester United schon 1991 als zweiter Fußballklub überhaupt an die Londoner Börse gegangen, schon früh stellte man sich mit internationalen Reisen oder passenden Verpflichtungen wie der des Koreaners Ji-Sung Park für neue Märkte auf.

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Ferguson macht Weg für Glazers frei

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass ausgerechnet der so vergötterte Erfolgstrainer Alex Ferguson letztlich dafür sorgte, dass der Verein in die Fänge der Glazers geriet.

Weil er sich mit den irischen Geschäftsmännern John Magnier und J.P. McManus wegen eines Rennpferdes ("Rock of Gibraltar") überwarf und das Duo ihn als Manager entlassen wollte, suchte der Klub Abnehmer für die 28,7 Prozent der Anteile Magniers und McManus'. Malcolm Glazer schlug zu und gewann so die Kontrolle.

Das Geld für die Übernahme hatte er sich geliehen und legte die Kredite sofort auf den bis dahin völlig schuldenfreien Klub um - das verziehen ihm vor allem die treuen Anhänger nie. Über Nacht hatte der Verein Verbindlichkeiten in Höhe von mehr als 600 Millionen Euro.

Infrastruktur Manchester-United-unwürdig

Mehr als 4.000 Anhänger wandten sich 2005 ab und gründeten den FC United of Manchester, der demokratisch von den mittlerweile rund 5.500 Mitglieder geleitet wird und in der sechsten Liga spielt. (Tabelle der Premier League)

Zwar wurde unter der Regie der Glazers der Ausbau des Old Trafford auf 74.000 Plätze fertiggestellt, seit 2006 wurde das "Theatre of Dreams" aber nicht mehr modernisiert (wie jeder normalgroße Erwachsene, der schon einmal zu Gast war, bestätigen kann), das Trainingszentrum galt 2000 als eines der besten der Welt - heute ist es bestenfalls noch Premier-League-Durchschnitt.

Das neue und schon sehr erfolgreiche Frauen-Team spielt in einem Rugby-Stadion 20 Kilometer entfernt - ein heutzutage bei Top-Klubs übliches "Mini-Stadion" oder einen Campus gibt es nicht.

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Seit 2005 1,2 Milliarden aus dem Klub gezogen

Im Gegensatz zu anderen Besitzern wie Roman Abramovich beim FC Chelsea oder den Scheichs von PSG oder ManCity investieren die Glazers nämlich nicht, sondern ziehen Profit aus dem Verein.

Seit 2005 sind ca. 1,2 Milliarden Euro aus dem Klub geflossen - das meiste als Zinsen oder Dividenden. In etwa so viel haben die Eigner von Lokalrivale City seit 2008 in den Klub gepumpt.

Dass die Glazers nun in einer Nacht- und Nebelaktion auch noch den letzten Teil der Seele des stolzen Klubs an die Super League verscherbeln wollten, um noch mehr Geld zu verdienen - ohne auch nur die kleinste Rücksprache oder ein Feedback der Fans - brachte das Fass zum Überlaufen.

Schließlich hatte Malcolms Sohn Joel Glazer 2005 beim hauseigenen TV-Sender Transparenz und Kommunikation versprochen - der Rückzug aus der Super League war sein erstes Statement an die Fans seit 16 Jahren.

United-Fans fordern 50+1 - Hoffnung auf Johnson

Aber was können die Anhänger und ihre Hauptorganisation MUST (Manchester United Supporter's Trust) überhaupt tun?

Die Glazers werden ihren Goldesel nicht verkaufen, solange man regelmäßig in der Champions League spielt, rollt der Rubel. Dass seit Fergusons Rückzug (2013) keine Meisterschaft gewonnen wurde, kümmert sie nicht. (Spielplan und Ergebnisse der Europa League)

Die Fans wollen die aus Deutschland bekannte 50+1-Regel durchdrücken, die Petition für ein entsprechendes Gesetz im Vereinigten Königreich hat bereits über 100.000 Unterschriften. Für Premierminister Boris Johnson, der die Super League bereits öffentlichkeitswirksam verdammt hatte, wäre es eine Möglichkeit, die Unterstützung von Millionen von Fußball-Fans zu gewinnen.

Allerdings müssten dann die Glazers und Abramovichs ihre Entscheidungsgewalt abgeben und würden vielleicht ihr Interesse am Fußball verlieren. Wirtschaftliche und sportliche Probleme könnten die Folge für die Premier League sein.

Der Kampf um die Seele des Fußballs wird weitergehen - nicht nur in Manchester.