Katar 2022: Alle Fakten zur Fußball-WM

Am 20. November beginnt in Katar das wohl umstrittenste Fußball-Turnier aller Zeiten. Hier sind die Fakten zur Winter-Weltmeisterschaft.

Letzte Schönheitskorrekturen: Katar bereitet sich auf die Fußball-WM vor.
Letzte Schönheitskorrekturen: Katar bereitet sich auf die Fußball-WM vor. (Bild: REUTERS/Hamad I Mohammed

Zum 22. Mal wird eine Fußball-Weltmeisterschaft ausgetragen. Doch vieles ist im Jahr 2022 anders als zuvor. Zum einen ist da der Austragungszeitraum: Noch nie zuvor wurde das Turnier im Winter ausgespielt. Und zum anderen gibt es die anhaltende Kritik am Gastgeberland Katar, dem immer wieder Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen werden.

Selten war die Vorfreude auf eine WM wohl so gemischt wie in diesem Jahr. Denn statt eines Sommermärchens kann es höchstens eine Wintertraum geben. Public Viewing mit Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt wirkt für viele europäische Fußballfans noch sehr befremdlich. Dennoch ist klar: Die WM, die bereits 2010 von der FIFA an das Emirat vergeben wurde, findet statt. Hier sind alle wichtigen Infos.

Der Zeitplan

Das Eröffnungsspiel war zunächst am 21. November um 13 Uhr mitteleuropäischer Zeit (MEZ) zwischen Senegal und die Niederlande angesetzt. Auch das war ungewöhnlich, denn normalerweise eröffnet das Gastgeberland das Turnier. Da das Spiel zwischen Katar und Ecuador aber zu einer fernsehtauglichen Zeit in Lateinamerika laufen sollte, war es nach hinten verschoben worden. Doch der Gastgeber intervenierte und bat um eine Vorverlegung und die FIFA gab dem statt. Nun beginnt das Turnier einen Tag früher. Am 20.11. um 17 Uhr (MEZ) eröffnen Katar und Ecuador die WM.

Die DFB-Elf steigt dann erst am Mittwoch, den 23. November in das Turnier ein. Im ersten Spiel der deutschen Mannschaft geht es ab 14 Uhr (alle Zeiten MEZ) gegen Japan. Die weiteren Gruppenspiele sind am 27.November gegen Spanien (20 Uhr) und am 1. Dezember gegen Costa Rica (20 Uhr). Ab dem 3. Dezember beginnt die K.O.-Runde. Die beiden Halbfinalspiele sind am 13. und 14. Dezember jeweils um 20 Uhr. Das Finale wird am Sonntag, den 18. Dezember, um 16 Uhr im Lusail Iconic Stadium nördlich von Doha ausgetragen.

Die WM-Stadien

Der aufwändige Neubau der Infrastruktur war einer der Kritikpunkte an der WM in Katar im Vorfeld. Beauftragt mit der Planung war das Frankfurter Büro Albert Speer & Partner. Fünf Stadien wurden komplett neu gebaut, drei bestehende modernisiert und ausgebaut. Die neuen Stadien wurden in modularer Bauweise erstellt. Dadurch soll es nach der WM möglich sein, sie an den Bedarf in Katar anzupassen oder sogar, sie vollständig wieder abzubauen. Wegen der großen Hitze in dem Wüstenstaat müssen alle Spielorte temperiert werden. Das größte der acht Stadien ist der Final-Spielort in Lusail. Der Neubau hat Platz für 86.250 Zuschauer*innen.

Das Lusail Stadion wird Austragungsort des Finales am 18. Dezember sein. (Bild: David Ramos/Getty Images)
Das Lusail Stadion wird Austragungsort des Finales am 18. Dezember sein. (Bild: David Ramos/Getty Images)

Danach folgt das ebenfalls neu gebaute al-Bayt-Stadion in der Küstenstadt al-Chaur mit 60.000 Plätzen. Es ist im Design an die traditionellen Zelte der katarischen Nomaden angelehnt, die ihm auch seinen Namen verliehen.

Das al-Bayt-Stadion soll an die Form klassischer Nomandenzelte erinnern.(Bild: David Ramos/Getty Images)
Das al-Bayt-Stadion soll an die Form klassischer Nomandenzelte erinnern.(Bild: David Ramos/Getty Images)

Dort werden insgesamt neun WM-Partien ausgetragen, unter anderem das Eröffnungsspiel. Auch die DFB-Elf hat zwei ihrer Gruppenspiele dort, der Auftakt gegen Japan findet allerdings im ausgebauten Khalifa International Stadium in Rayyan westlich von Doha statt. Dort passen, genau wie in die weiteren fünf Stadien, jeweils 40.000 Fans hinein.

Das DFB-Team

Als Cheftrainer steht Hansi Flick nun vor seiner ersten echten Bewährungsprobe. Der 57-Jährige war als Co-Trainer unter Jogi Löw 2014 Weltmeister. Danach arbeitete er erfolgreich als Bayern-Trainer, gewann dort allein 2020 sechs Titel, darunter die Champions League. Nach dem enttäuschenden Aus im EM-Achtelfinale 2021 übernahm er die DFB-Elf. Seine Bilanz ist nicht schlecht, doch gegen große Gegner gab es erst einmal einen Sieg beim 5:2 über Italien im Juni. Zuletzt verlor das Team gegen Ungarn und hinterließ beim 3:3 gegen England einen sehr gemischten Eindruck.

Könnte so eine DFB-Startelf aussehen? Das Team vor dem Spiel gegen England im Wembley Stadium, am 26. September. (Bild: REUTERS/Tony Obrien)
Könnte so eine DFB-Startelf aussehen? Das Team vor dem Spiel gegen England im Wembley Stadium, am 26. September. (Bild: REUTERS/Tony Obrien)

Den erweiterten WM-Kader mit 55 Spielern hat Flick bereits eingereicht. Endgültig für 26 WM-Fahrer entscheiden muss sich der Trainer bis zum 10. November. Neben den bekannten Namen dürfen sich auch Bremens Niklas Füllkrug, Dortmunds Youssufa Moukoko und WM-Held Mario Götze (Eintracht Frankfurt) Hoffnungen machen, was zugleich das Stürmer-Problem des Teams unterstreicht, zumal nun auch noch Timo Werner verletzt ausfallen wird. Sorgen macht Flick zusätzlich die Schulter von Kapitän Manuel Neuer und die Absage von Linksverteidiger Jonas Hector. Am 13. November fliegt die Mannschaft dann in ein Kurztrainingslager in den Oman, wo es drei Tage später en letzten Test für die DFB-Elf gegen die dortige Nationalmannschaft gibt.

Das sind die WM-Gruppen

Nachdem es bereits im Vorfeld Überlegungen gab, das Teilnehmerfeld noch einmal um zwölf Mannschaften auf 48 zu vergrößern, wird die WM 2022 nun doch wieder mit 32 Mannschaften bestritten. Die beiden letzten Teams, die sich in den Playoff-Spielen qualifizieren konnten, waren Australien und Costa Rica. Die Teams sind in die folgenden acht Vierergruppen aufgeteilt.

Infografik WM-Gruppen. (Getty)
Infografik WM-Gruppen. (Getty)

Eine echte "Todesgruppe" gibt es diesmal nicht so recht. Weltmeister Frankreich hat mit Australien, Dänemark und Tunesien in der Gruppe D vermeintlich leichtere Gegner erwischt. Die Deutsche Gruppe E hat mit Spanien zumindest einen weiteren echten Hochkaräter, auch Japan und Costa Rica sind durchaus unangenehme Gegner. Bundestrainer Hansi Flick reagierte gelassen auf die Auslosung: "Ich war damit zufrieden. Brasilien ist eine der stärksten Mannschaften, Frankreich ist eine Gruppe vor uns. Es ist alles so, wie es ist. Wir sind zufrieden und nehmen es gerne so an. Es ist an uns, uns top vorzubereiten", sagte er in der PK nachdem die Gruppen bekannt gegeben wurden. In einem möglichen Achtelfinale wartet dann ein Gegner aus der Gruppe F auf die deutsche Mannschaft, also Belgien, Kanada, Marokko oder Kroatien.

Spannend wird auch, wie sich die Gastgeber schlagen. Denn immerhin hat das auf der Fußballbühne bislang eher unbekannte Katar 2019 die Asienmeisterschaft gewonnen und seit Jahren unglaublich viel Aufwand und Geld in die Zusammenstellung einer schlagkräftigen Nationalmannschaft für die Heim-WM gesteckt.

Diese Regel ändern sich bei der WM

Wie schon bei der EM hat die FIFA einige Regeln angepasst. So wurde die Kadergröße von 23 auf 26 Spieler angehoben. AM Spieltag dürfen allerdings weiterhin nur 23 Spieler gemeldet sein. Auch die Anzahl der Auswechslungen wurde angepasst. In Katar dürfen die Trainer nun ebenfalls fünfmal wechseln. Die Verlängerung der Spielzeit auf 100 Minuten, die kurzzeitig heiß diskutiert wurde, wird in Katar nach Aussagen der FIFA wohl nicht kommen. Viel Zeit zur Regeneration haben die Spieler nicht, denn wegen der Winterzeit hat die FIFA den Beginn der Spielpause für die WM auf den 14. November gelegt, also eine Woche vor Turnierbeginn.

Der VAR soll in Katar zusätzliche Unterstützung erhalten. Mit der sogenannten halbautomatischen Abseitstechnologie sollen die Videoschiedsrichter schneller und zuverlässiger entscheiden können. Das System wird in allen 64 WM-Partien zum Einsatz kommen und die Schiedsrichter auf dem Feld binnen Sekunden über eine Abseitsstellung informieren. Getestet wurde das Kamera-gestützte System bereits erfolgreich bei der Club-WM und dem Arab-Cup. Der Spielball ist dafür mit einem Chip versehen, um den Abspielmoment exakt bestimmen zu können. Nach wie vor gibt es eine Sperre nach der zweiten gelben Karte. Die Karten aus den vorherigen Spielen werden aber vor dem Halbfinale gestrichen, damit ein Spieler nicht - wie Michael Ballack 2002 - das Finale gelbgesperrt verpasst.

Besonderes Turnier für die Fans

Auch für Fußball-Fans, die sich tatsächlich aus der ganzen Welt in Richtung Katar aufmachen, wird es ein anderes Erlebnis werden. Denn wer es nach Doha schafft, muss sich auf besondere Umstände einstellen. Es mehren sich die Anzeichen, dass es im Emirat gar nicht ausreichend Schlafplätze für alle Besucher*innen geben könnte. Möglicherweise müssen sie auf Campingplätze oder sogar Nachbarstaaten ausweichen. Nach Deutschland sollen bislang etwa 35.000 WM-Tickets verkauft worden sein.

Junge Fans der katarischen Nationalmannschaft. (Bild: REUTERS/Ibraheem Al Omari)
Junge Fans der katarischen Nationalmannschaft. (Bild: REUTERS/Ibraheem Al Omari)

Schon länger bekannt ist, dass Fans auf Kreufahrtschiffen vor der Küste nächtigen werden, was allerdings den Vorteil internationaler Gewässer mit sich bringen könnte. Denn an Land wird es im öffentlichen Raum keinerlei Alkohol-Ausschank geben, das hat die Herrscherfamilie klar gestellt, auch wenn die FIFA noch um einen Kompromiss ringt. Auch auf andere Drogen sollte man besser verzichten. Wird man zum Beispiel mit Gras erwischt, drohen schnell bis zu 20 Jahre Gefängnis.

Kommentar: Jetzt Katar kauft sich auch noch eigene Fans

Besonders ist auch die strenge Gesetzeslage bezüglich Intimitäten. Weltweit schrieben Medien über die "WM ohne One-Night-Stands". Denn außerehelicher Sex ist im Emirat verboten und kann mit Gefängnis bestraft werden. Das Gleiche gilt für gleichgeschlechtliche Beziehungen. Bei homosexuellen Handlungen drohen bis zu sieben Jahre Haft, sogar das Auspeitschen ist theoretisch erlaubt. Ob zum Beispiel das Zeigen von Regenbogen-Symbolen von Spielern und Fans im Stadion unterbunden wird, ist ein heiß debattierter Kritikpunkt. Zuletzt machte Katar Schlagzeilen durch eigens eingeladene Fans, die für Stimmung sorgen sollen. Für die geladenen Fans gilt allerdings ein strenger Kodex. Sie dürfen beispielsweise nur Positives über Land und Turnier auf Social Media posten.

Kritik: Vergabe und Menschenrechte

Nicht nur der Zeitraum der WM sorgte im Vorfeld für Kritik oder die Vergabe an ein Land ohne nennenswerte Fußballtradition oder Ligabetrieb. Es waren auch Menschenrechtsfragen, die immer wieder laut wurden. Vor allem beim Bau der Stadien und der dazugehörigen Infrastruktur soll es immer wieder zu Unfällen und Missbrauch der Arbeiter*innen gekommen sein. Amnesty International nennt das Turnier sogar eine "WM der Schande". Spätestens, als der britische Guardian Anfang 2021 nach investigativen Recherchen enthüllte, dass bis zu 6.500 hauptsächlich migrantische Arbeiter*innen aus Indien, Pakistan, Nepal oder Bangladesch im Vorfeld der WM ums Leben gekommen seien, war die weltweite Empörung groß. Nicht so groß jedoch, die Turniervergabe in Frage zu stellen. Katar spricht offiziell von nur drei verstorbenen Arbeitern, die FIFA übernimmt diese Zahl in der Außenkommunikation.

Arbeiter im Lusail Stadion in Doha.
Arbeiter im Lusail Stadion in Doha. (Bild: REUTERS/Kai Pfaffenbach)

Immerhin reagierte der WM-Gastgeber auf den öffentlichen Druck. Offiziell wurde das Kafala-System abgeschafft, das Arbeiter unter anderem durch die Beschlagnahme von Reisepässen und die Verweigerung, den Arbeitgeber zu wechseln, in komplette Abhängigkeit versetzt. Dazu soll ein zentrales Komitee Beschwerden bei Verstößen untersuchen und ein Mindestlohn von etwa 270 Euro wurde etabliert. Doch wie investigative Recherchen des WDR für eine Reportage aufdecken, existieren viele von den Verbesserung in erster Linie auf dem Papier. Nach wie vor bekämen Arbeiter die Pässe abgenommen, erhielten teils monatelang kein Gehalt und wohnten in unwürdigen Unterkünften.

Die Menschenrechtslage vor Ort stellt die Teilnehmer-Nationen vor eine knifflige Aufgabe. Verschiedene Fußballverbände äußerten sich kritisch, wie beispielsweise in Norwegen, wo Spieler und Verband bereits 2021 einen WM-Boykott gefordert hatten. Doch der Protest verhallte und die Skandinavier sind ohnehin nicht für die WM qualifiziert. Einzelne Protestgesten, wie sie auch die DFB-Elf präsentierte, wirkten eher halbgar zur Befriedung der Kritiker und Fans.

Doch es gibt auch Ausnahmen. Die australische Nationalmannschaft sorgte in einem Video des Verbands mit sehr deutlicher Kritik an Katar für Aufmerksamkeit.

Kritik an Katar: "Socceroos" finden deutliche Worte

Die globalen finanziellen Verknüpfungen zwischen dem Emirat und der Fußballwelt sind inzwischen eng. Das Kalkül, sich einen Platz in der internationalen Gemeinschaft durch massives Sport-Sponsoring erkaufen zu können, scheint aufzugehen.

Die staatliche Fluglinie Qatar Airways ist nicht nur Trikotsponsor bei PSG, sie ist auch offizieller Partner der FIFA. Seit 2016 bekommt auch der FC Bayern jährlich Millionen von Qatar Airways, was in der Fanszene teilweise auf großen Widerspruch stößt. An zu engen Verbindungen zum Emirat kann man sich trotzdem immer noch die Finger verbrennen. Im Juli erst legte Ex-DFB-Präsident Theo Zwanziger seine Ehrenpräsidentschaft beim Rheinländischen Fußballverband wegen einer Millionenspende aus Katar nieder. Der belgische Erstligist KAS Eupen wurde von der katarischen "Aspire Academy" gekauft, die dann dort Spieler aus den Emiraten und Afrika hinschickt, um die für die eigene Nationalmannschaft ausbilden zu lassen. Wer so eng mit Financiers aus Katar verknüpft ist, wird sich mit Kritik zurückhalten.

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