"Da wird einfach nicht richtig trainiert": Kritik an Leichtathleten

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"Da wird einfach nicht richtig trainiert": Kritik an Leichtathleten
"Da wird einfach nicht richtig trainiert": Kritik an Leichtathleten

Lange Zeit war ungewiss, ob die 2020 verschobenen Olympischen Spiele in Tokio ein Jahr später stattfinden können. Weil die Corona-Situation in der japanischen Hauptstadt noch im Mai besorgniserregend war, sprach sich ein Großteil der Bevölkerung für eine abermalige Verschiebung aus.

Nach einer Erholung steigen die Zahlen in Tokio zwar wieder leicht, doch die Spiele werden aller Voraussicht nach stattfinden. Trotzdem müssen viele deutsche Leichtathleten zu Hause bleiben. (Alles Wichtige zu Olympia)

Thomas Röhler, David Storl, Pamela Dutkiewicz oder Raphael Holzdeppe, um nur einige DLV-Stars zu nennen, haben wegen Verletzungen ihre Teilnahmen am Großereignis abgesagt. Die Liste ist ebenso lang wie prominent – und sorgt für Frust bei Athleten und Trainern.

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Dabei ist das Problem zu großen Teilen hausgemacht, sagt Gertrud Schäfer. Für die heute 76 Jahre alte Trainerin, die unter anderem die Siebenkämpferin Sabine Braun 1991 und 1997 zu WM-Gold, 1990 und 1994 zu EM-Gold und 1992 zu Olympia-Bronze führte, tragen der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) in letzter Konsequenz und die beim Verband angestellten Bundestrainer die Hauptschuld an den zahlreichen Ausfällen.

Für Schäfer hat ein Großteil der deutschen Trainer nicht die nötige Kompetenz, um ihre Athleten zielführend auf die Wettkämpfe vorzubereiten – im Gegenteil.

"Was hat die tiefe Kniebeuge mit unseren Übungen zu tun?"

"Die angestellten Trainer des Verbandes können doch gar nicht anders als den Leuten oben nach dem Mund zu reden", sagt sie im Gespräch mit SPORT1. "Ich als pensionierte Beamtin muss gar nichts machen, was die wollen. Ich mache, was für den Athleten richtig ist. Ich gucke mir die Wettkämpfe immer unter dieser Prämisse an."

In ihrer gesamten Trainerkarriere musste sich kein(e) einzige(r) ihrer Topathlet(inn)en einer sportbedingten Operation unterziehen. "Darauf bin ich besonders stolz", sagt sie.

Was die frühere Kugelstoßerin, die sich über die Jahre ein ungeheures Wissen aneignete, dagegen in der täglichen Arbeit deutscher Trainer sehe, mache sie betroffen.

"Man muss sich nur mal die Ausfälle in Ratingen anschauen", beklagt Schäfer, die den Zehn- und Siebenkampf am 19./20. Juni vor Ort verfolgte. "Da wird einfach nicht richtig trainiert. Da wird immer noch das Krafttraining aus dem Gewichtheben gemacht und die am meisten beanspruchten Körperteile nicht entsprechend trainiert und belastet. Was hat denn die tiefe Kniebeuge mit unseren Übungen zu tun?", fragt sie etwa kopfschüttelnd.

Auch im medizinischen Bereich liege vieles im Argen – das beginne schon bei den Grundlagen.

"Die normalen sportärztlichen Untersuchungen kannst du im Grunde knicken. Die müssen viel intensiver sein", sagt sie. "Wenn ein Athlet bei mir anfängt zu trainieren, dann kommt er erst einmal in meinen Trainingskeller und dann schaue ich mir die Strukturen an." Das derzeitige System der Zentralisierung im DLV verhindere, dass die besten Athleten auch von den besten Trainern, Medizinern und Physiotherapeuten betreut würden.

Querdenker beim DLV nicht erwünscht?

"Wir haben auch bei uns exzellente Leute. Es gibt zum Beispiel eine Ärztin, die hervorragend ist. Sie kommt aber nicht nach oben, weil sie nicht 'teamfähig' nach DLV-Kriterien ist. Aber was heißt schon teamfähig? Man muss gegen den Strom schwimmen, wenn man Fehler entdeckt. Die angestellten Trainer des Verbandes können doch gar nicht anders als sich 'systemgetreu' zu verhalten."

Die besten deutschen Leichtathleten müssen auch von den kompetentesten Fachleuten betreut werden – das ist Schäfers Forderung.

"Ich würde die Athleten zu den besten Trainern schicken; das müssen keine Bundestrainer sein. Das sind nämlich nicht immer gleichzeitig die besten Trainer. Die Zentralisierung ist vollkommen falsch", sagt Schäfer.

Letztlich müssen die Athleten unter dem falschen Training leiden - auch einige derjenigen, die es nach Tokio geschafft haben. Denn auch bei den Gold-Kandidaten Malaika Mihambo und Johannes Vetter hat Schäfer große Zweifel, dass sie die nächsten Monate und Jahre verletzungsfrei überstehen.

Bei der Weitsprung-Weltmeisterin Mihambo schlägt sie buchstäblich die Arme über den Kopf zusammen. "Ihr Absprung ist eine Katastrophe", beklagt Schäfer. "Normalerweise muss die Fußspitze etwas nach außen zeigen, Mihambo setzt sie aber überaus stark nach innen."

Die Folgen seien für die gesamte Statik verheerend. "Du trainierst den Fuß falsch, das kommt am Knie falsch an und an der Hüfte auch. Die Trainer haben überhaupt keine Ahnung und sind sowas von unbedarft in der Erkennung und Handhabung anatomischer Schwächen. Ich musste neulich lachen, als der TV-Kommentator sagte, dass sie den Fuß sehr nach innen setzt – aber diejenigen, die dafür zuständig sind, sehen das nicht oder sind nicht in der Lage, es zu ändern?"

Mihambo-Absprung sorgt bei Schäfer für Entsetzen

Bei einem Fußvergleich im Absprung von 2020 und 2021 hat sich die Innenrotation des Fußes im Absprung bei Mihambo nachweislich stark verschlechtert. Ihre falsche Fußstellung sehe man sogar im außersportlichen Alltag: "Wenn man Fotos von ihr bei der Sportlerwahl in Baden-Baden sieht, dann erkennt man, wie sie den rechten Fuß nach innen dreht."

Auch bei Speerwurf-Star Vetter hat Schäfer ganz genau hingeschaut – und befürchtet ebenfalls negative Folgen. (Alles Wichtige zur Leichtathletik)

"Er setzt vorne den Fuß des Stemmbeines nach außen verdreht und auf der Innenseite auf und überbeansprucht den hinteren Fuß, den er über den Boden schleift, stark. Sein Trainer Boris Obergföll macht ansonsten ein wirklich ordentliches Training, aber es sind oft diese kleinen Sachen, die die Leute irgendwann aus dem Rhythmus bringen."

Beim zweimaligen Kugelstoß-Weltmeister David Storl, der Tokio wegen langwieriger Rückenprobleme verpasst, sei der Ausfall hausgemacht. "Ich habe mal früher ein Foto von ihm beim Krafttraining gemacht, wo er sich vorne herüberbeugt. Da sieht man ganz genau, dass die Muskulatur in den Bereichen, wo er stark sein sollte, überhaupt nicht gewappnet ist." Manchmal könne auch ein Trainerwechsel die Versäumnisse der Vergangenheit nicht mehr richten.

Ähnliches gelte für den Hochsprung-Europameister Mateusz Przybylko, der nach seinem Coup von Berlin 2018 nicht mehr auf die Beine kam, dennoch überraschend auf der Tokio-Liste steht.

Sorgen um Konstanze Klosterhalfen

"Przybylko geht in eine unglaublich starke Pronation und er hat O-Beine. Die kannst du auch zu einem gewissen Grad begradigen – aber du musst die Übungen kennen! Da sehe ich große Defizite im Anwendungsbereich ganz spezieller Einflussnahmen", betont Schäfer.

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Große Sorgen hat sie auch bei Deutschlands Top-Läuferin Konstanze Klosterhalfen, die seit zweieinhalb Jahren am Campus des ehemaligen Nike Oregon Projects trainiert wird - und die für Tokio nur für die 10.000-Meter-Strecke nominiert wurde.

"In den USA ist man in der Breite bei der Verletzungsprophylaxe sicherlich weiter als in Deutschland. Aber mich macht ein bisschen betroffen, dass man ihre Verletzungen nicht in den Griff bekommt. Weil ihren Strukturen nicht der Normalität entsprechen, muss man stark gegensteuern."

Und so wird sich in einigen Wochen nur ein dezimiertes DLV-Team nach Tokio aufmachen und um die Olympiamedaillen kämpfen. Dass ein Großteil der deutschen Athleten zu Hause Frust schiebt, hat sich der Verband offenbar selbst zuzuschreiben, weil gezielte Fragestellungen fehlen, wenn es sich bei den Verursachern vorrangig um Bundestrainer handelt.

Schäfer: "Ansonsten sollte es Pflichtfach für alle Trainer sein, sich selbst um eine angemessene Fortbildung zu bemühen."

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