Katholische Kirche: Deutscher Bischof will gleichgeschlechtlichen Sex von der Sünde freisprechen

André Wagner
·Freier Autor
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Georg Bätzing, seit März 2020 Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, hat sich für weitreichende Reformen in der katholischen Kirche ausgesprochen – so will er unter anderem Änderungen beim Katechismus zum Thema Homosexualität.

Georg Bätzing, Bischof von Limburg und Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz (DBK).
Georg Bätzing, Bischof von Limburg und Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz (DBK).

Es hat den Anschein, als ginge derzeit ein Ruck durch die katholische Kirche bezüglich derer Ansicht über Homosexualität. Im Oktober 2020 wurde der Dokumentarfilm "Francesco" in Rom uraufgeführt. Darin sagt Papst Franziskus (Jorge Mario Bergoglio) über homosexuelle Menschen: "Sie sind Kinder Gottes und haben das Recht auf eine Familie. Niemand sollte wegen seiner sexuellen Ausrichtung ausgeschlossen oder unglücklich werden".

Diese Aussagen des katholischen Kirchenoberhaupts ließen aufhorchen, war es doch das erste Mal überhaupt, dass sich ein Pontifex öffentlich für die Anerkennung homosexueller Partnerschaften ausspricht.

Für Benedikt XVI. sind homosexuelle Sexualakte eine "schwere Sünde"

Bei seinem Vorgänger, Papst Benedikt XVI., klang das noch ganz anders. Dieser hatte stets bekräftigt, dass homosexuelle Sexualakte aus katholischer Sicht eine "schwere Sünde" und "ein Verstoß gegen das Naturgesetz" seien; von "Homo-Ehen" oder auch nur von eingetragenen Partnerschaften wollte Joseph Ratzinger nie etwas hören. Homosexualität sei seiner Meinung nach auch nicht mit dem Priesteramt vereinbar, stellte Benedikt XVI. klar.

Doch nun sind aus Deutschland, dem Geburtsland des emeritierten Papstes, ganz andere Töne zu hören. So spricht sich Georg Bätzing, der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz (DBK), deutlich dafür aus, den Katechismus der Katholischen Kirche in Fragen der Homosexualität zu ändern. In einem Interview mit der Kirchenzeitung "Herder Korrespondenz" setzt sich Bätzing dafür ein, gleichgeschlechtlichen Sex nicht mehr als Sünde anzusehen.

Vatikan: Papst Franziskus ruft Jahr der Familie aus

Der Weltkatechismus, der 1992 vom damaligen Amtsträger Papst Johannes Paul II. herausgegeben wurde und die Grundfragen des Glaubens in der römisch-katholischen Kirche regelt, bezeichnet es zwar nicht als Sünde, homosexuell zu sein – Lesben und Schwulen sei sogar ohne Diskriminierung und mit "Achtung, Mitleid und Takt" zu begegnen, gleichgeschlechtlicher Sex wird jedoch als "in sich nicht in Ordnung" verurteilt.

Pope Francis waves as he arrives to deliver the "Urbi et Orbi" message from the main balcony of Saint Peter's Basilica at the Vatican, December 25, 2018.  REUTERS/Max Rossi     TPX IMAGES OF THE DAY
Papst Franziskus befürwortet zwar die rechtliche Anerkennung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften, ist aber kein Freund der "Schwulen-Ehe". (Bild: Reuters)

Papst Franziskus zeigt sich in dieser Hinsicht weltoffener. "Wenn eine Person homosexuell ist, den Herrn sucht und guten Willens ist – wer bin ich denn, um ihn zu verurteilen?", erklärte der Argentinier einst einem Vatikan-Journalisten. Doch darf man nicht den Fehler machen und das "Ja" des Papstes zur rechtlichen Anerkennung homosexueller Partnerschaften mit einem "Ja" zur "Schwulen-Ehe" gleichsetzen. Zwar sprach sich Papst Franziskus in seiner Zeit als Erzbischof von Buenos Aires für die juristische Anerkennung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften aus, als 2010 dann in Argentinien die "Schwulen-Ehe" erlaubt wurde, geißelte dies Bergoglio damals als "zerstörerische Attacke auf Gottes Plan". Gleichgeschlechtliche Hochzeiten mit einem katholischen Priester wird es auch in Zukunft nicht geben, jedenfalls nicht mit dem Segen des Papstes.

Bätzing will kirchliche Segnungen von gleichgeschlechtlichen Paaren

Doch nach den Vorstellungen von Deutschlands oberstem Katholiken, Georg Bätzing, sollte dies bald möglich sein. Er plädiert für kirchliche Segnungen von gleichgeschlechtlichen Paaren sowie von geschiedenen Menschen. "Wir brauchen hierfür Lösungen, die nicht nur im Privaten greifen, sondern auch eine öffentliche Sichtbarkeit haben – aber deutlich machen, dass keine Ehe gestiftet wird", so der Limburger Bischof. Er weist dabei darauf hin, dass solche Segnungen möglicherweise auch ohne eine offizielle Anerkennung durch den Vatikan machbar wären.

Im Interview mit der "Herder Korrespondenz" unterstützt der DBK-Vorsitzende zudem die Forderung, das Verbot der Diakonen- und Priesterweihe für Frauen in der katholischen Kirche zu beenden. Um über diese durchaus weiterreichenden Veränderungen zu diskutieren, hält Bätzing ein neues gesamtkirchliches Konzil für denkbar.

"Die Wahrheit muss ans Licht" - Serie über Rücktritt von Papst Benedikt XVI. geplant

In seiner Vergangenheit setzte sich Georg Bätzing, der am 3. März 2020 die Nachfolge von Erzbischof Reinhard Marx als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz angetreten hatte, immer wieder für die Rechte homosexueller Menschen ein und unterstützte dabei immer wieder weltoffene Kräfte in der katholischen Kirche. So stellte er sich im Jahr 2018 hinter den Jesuitenpater Ansgar Wucherpfennig, der aufgrund seiner Forderung einer stärkeren kirchlichen Anerkennung von Lesben und Schwulen vom Vatikan von seinem Posten an der Spitze der Theologisch-Philosophischen Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt am Main entlassen wurde. Fünf Wochen später nahm der Vatikan nach zahlreichen Protesten diese Entscheidung zurück.

Doch auch Bätzing selbst wurde ob seiner vergleichsweise offenen Haltung oftmals Opfer der Häme von Hassern homosexueller Menschen. So machten im Mai 2019 in seiner Heimatstadt Limburg homophobe Flyer die Runde, in denen Bätzing vorgeworfen wurde, sich vor der "Homo-Lobby" zu "bücken". Anlass des Schriftstücks war eine Arbeitsgruppe, die über Segnungen für gleichgeschlechtliche Paare "ergebnisoffen" diskutieren sollte und mit Unterstützung Bätzings gegründet wurde.

Zeiten und Ansichten ändern sich - auch im Vatikan?

Trotz seines liberalen Rufs, sah der Limburger Bischof im Jahr 2019 noch davon ab, am Verbot von Segnungsfeiern für gleichgeschlechtliche Paare zu rütteln. Er begründete seine Haltung damals noch mit seiner Treue zum Vatikan. "Wenn der Bischof Georg sagt, in Limburg gibt es Segensfeiern für Homosexuelle, dann gibt es morgen den Bischof Georg nicht mehr, weil der Heilige Vater sagt, dass der Bischof nicht mehr die Verbindung zur Kirche hat", meinte Bätzing im August 2019 gegenüber der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Mit seiner Zurückhaltung wollte er eine Spaltung der Kirche verhindern.

Seitdem ist einige Zeit vergangen - und Zeiten und Ansichten ändern sich, nicht nur in Limburg, sondern vielleicht auch in Rom.

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