Kein US-Nachwuchs für die MotoGP: "Es fehlt an Strukturen und Support"

Juliane Ziegengeist
motorsport.com

Man muss einige Jahre zurückgehen, um den letzten US-amerikanischen Weltmeister in der MotoGP zu finden: 2006 setzte sich der 2017 verstorbene Nicky Hayden im WM-Duell gegen Valentino Rossi durch. Als er 2016 in die Superbike-WM wechselte, verließ mit ihm der bisher letzte Fahrer aus den USA die Königsklasse.

Dabei dominierten die Amerikaner sie einst: Kenny Roberts Sr., Freddie Spencer, Eddie Lawson, Wayne Rainey und Kevin Schwantz waren über viele Jahre Aushängeschilder des Sports. Auch in der Viertakt-Ära brachte die MotoGP mit Colin Edwards, Ben Spies, John Hopkins und eben Nicky Hayden einige bekannte Namen hervor.

Doch genau diese Namen und Talente fehlen heute. Selbst in den kleinen Klassen findet sich mit Joe Roberts aktuell nur ein einziger US-Amerikaner. Hopkins kennt die Gründe. "Leider haben wir in Amerika nicht die Strukturen und die Unterstützung" im Vergleich zu anderen Ländern, sagt er im Interview mit 'Motorsport-Total.com'.

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Populäre Landesmeisterschaft als Sprungbrett fehlt

"Es gibt kein wirkliches Sprungbrett, um in die MotoGP zu gelangen. In den letzten zehn Jahren hatten wir durchaus einige sehr talentierte Fahrer in Amerika, aber für sie gab es keine richtige Meisterschaft, um sich zu zeigen und den nächsten Schritt zu machen", analysiert der 36-Jährige, der selbst 112 Mal in der MotoGP startete.

Zu seiner Zeit sei der Wechsel noch etwas einfacher gewesen: "Als ich in Amerika gefahren bin und den Sprung von dort in die MotoGP geschafft habe, war die amerikanische Superbike-Meisterschaft eine der stärksten Meisterschaften, die es in der Welt gab. Alle Hersteller waren involviert, die Gehälter waren extrem hoch."

"Auch die Präsentation war eine ganz andere, es gab eine große TV-Abdeckung, sodass Aufmerksamkeit generiert wurde. Heutzutage ist das nicht so. Die MotoAmerica versucht, das neu aufzubauen. Aber leider verfügen sie nicht über die Mittel, was Werbung, Fernsehen und solche Dinge angeht", weiß der Ex-Rennfahrer.

MotoGP in den USA nicht so gefragt wie andernorts

Das liege vor allem auch daran, dass es an Fans fehle. "So ist es natürlich für jeden schwierig, dort Geld hineinzugeben und es groß zu machen. Dabei ist Amerika ein großes Land mit vielen Talenten, doch das wird alles verschenkt. Aber derzeit ist der Markt einfach nicht da", hält Hopkins fest. Könnte womöglich die Dorna Abhilfe schaffen?

Immerhin unterstützt der MotoGP-Promoter bereits einige Nachwuchsserien wie etwa den Asia Talent Cup und den British Talent Cup. Gemeinsam mit dem ADAC und KTM rief die Dorna zudem den Northern Talent Cup ins Leben, der 2020 erstmals ausgetragen wird und sich auf Fahrer aus Nord- und Mitteleuropa konzentriert.

Auch ein Modell für die USA? "Mit Sicherheit wäre das gut und ein Fortschritt. Aber nichtsdestotrotz fehlt dafür aktuell der Markt", meint Hopkins. "Schaut man sich die MotoGP-Rennen in Amerika an, sind das zwar anständige Zahlen und ein ordentliches Auskommen. Aber das ist immer noch nichts im Vergleich zu anderen Austragungsorten."

Kenny Roberts Sr. sieht weitere Gründe für Stillstand

Als Beispiel nennt der Amerikaner Thailand: "Dort herrscht ein großer Enthusiasmus für Motorräder, auch die Motorrad-Industrie in Großbritannien ist riesig. Bei uns beschränkt sich das vor allem auf Harley Davidson. Was Sportmotorräder angeht, ist da nicht viel los." Auch Kenny Roberts sieht noch eine lange Durststrecke vor sich.

"Es ist viel Zeit vergangen, in der keine jungen Talente aufgebaut wurden. Insofern wird es lange dauern, bevor jemand in der Lage sein wird aufzusteigen und das auch tatsächlich will", merkt der dreifache Weltmeister an. "Bevor ich in die MotoGP kam, wollte aus Amerika kaum jemand dorthin. Diese Geschichte scheint sich zu wiederholen."

Weitere Co-Autoren: Charles Bradley. Mit Bildmaterial von Rizla Suzuki.

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