Kepler exklusiv: "Man verdient weniger als bei McDonald's"

Matthias Ondracek
Sport1

Max Kepler hat sich zu einem der besten Baseballer der Welt entwickelt. Der 26-Jährige erreichte mit den Minnesota Twins in der vor wenigen Wochen zu Ende gegangenen Saison die Playoffs und unterschrieb im Februar einen Fünfjahresvertrag mit einem Gesamtvolumen von 35 Millionen Dollar.

Die Nominierung für das All-Star-Game der MLB verpasste er nur hauchdünn. Am Freitag stattete der gebürtige Berliner der SPORT1-Redaktion einen Besuch ab und erzählte von seinen Erfahrungen.


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Im SPORT1-Interview spricht Kepler über seinen steinigen Weg an die Spitze der MLB, Zweifel, seine erste Leidenschaft Fußball und Zlatan Ibrahimovic.

SPORT1: Max Kepler, Glückwunsch zu einer grandiosen Saison. Konnten Sie inzwischen schon reflektieren, was dieses Jahr passiert ist?

Max Kepler: Nein. Ich hatte einen kleinen Blackout. Aber allgemein ist es ein Traum, dass ich überhaupt in der MLB spielen darf. Ob ich es eines Tages wirklich wahrnehmen werde, weiß ich nicht. Wir haben in dieser Saison eine gute Mannschaft zusammengebaut mit einem Coach, der jeden Spieler einfach so hat spielen lassen, wie er gemacht ist. Es waren nicht so viele Erwartungen von Trainerseite da, also war jeder einfach komfortabel und hat relaxt gespielt. Deswegen hatten alle eine so gute Saison - und ich zum Glück auch.

SPORT1: Sie standen sogar kurz vor der Nominierung zum All-Star-Game, am Ende haben gerade einmal 138 Stimmen gefehlt. Haben Sie die Wahl verfolgt?

Kepler: Ja, durch meine Eltern. Die haben richtig mitgefiebert. Aber ich habe mich auf die Dinge konzentriert, die vor mir lagen. Wir haben ja jeden Tag gespielt. Es war schade, dass ich nicht reingekommen bin. Aber das Leben geht weiter.


SPORT1: Das Saisonende war dann leider nicht so erfreulich. Die Twins haben in der ersten Playoff-Runde 0:3 gegen die New York Yankees verloren. Sitzt der Stachel der Enttäuschung noch oder überwiegt das Positive?

Kepler: Wir hatten schon eine krasse Saison. Ich will hier keine Ausreden anführen. Aber gegen Ende hatten wir viele Spieler, die auch verletzt gespielt haben. Wäre dies nicht der Fall gewesen, hätten wir eine bessere Chance gehabt. Aber dass wir so weit gekommen sind mit den Erwartungen, die wir im Spring Training hatten... eine bessere Saison hätten wir nicht haben können. Ich denke, dass sich keiner wirklich über die Playoffs ärgert. Wir haben alles gegeben.

SPORT1: Sie haben es gesagt, das ganze Team hatte wirklich eine herausragende Saison. Die Twins haben mit 307 Homeruns einen neuen Rekord in der MLB-Geschichte aufgestellt. Sie selbst haben 36 Homeruns geschlagen, die meisten in Ihrer Karriere und die meisten, die jemals ein Europäer geschlagen hat. Es ist also jede Menge passiert. Sie haben im letzten SPORT1-Interview gesagt, es habe sich nichts verändert. Dennoch: Sie haben vor der Saison Ihren ersten langfristigen Millionenvertrag unterschrieben. Mit dieser Sicherheit lässt es sich aber schon befreiter aufspielen, oder?


Kepler: Ja. Der Vertrag ist eine Sache. Aber der Hauptgrund für den Erfolg war für mich einfach, dass ich mich gut mit den Spielern verstanden habe. Dass wir Beziehungen aufgebaut haben. Der Manager war - im Vergleich zu vorher - kein Hall of Famer (bezogen auf Ex-Twins-Trainer Paul Molitor, d. Red.). Bei Rocco (Baldelli, d. Red.) war es so, dass er sich verhalten hat wie ein Mitspieler. Man kann mit ihm über alles reden. Deswegen war jeder einfach relaxt beim Spielen. Niemand hat gedacht, er muss beweisen, dass er dort hingehört. Wir haben als Gruppe einfach Spaß gehabt. Und wenn man Spaß hat beim Baseball, kommt der Rest von selbst.

Kepler glaubt an Meisterchance

SPORT1: Sie haben Rocco Baldelli angesprochen. Er ist erst kürzlich zum Manager of the Year in der American League gewählt worden. Er ist also für Sie auch ein großer Faktor für den Erfolg?

Kepler: Auf jeden Fall. Zusammen mit unserem Bench Coach haben die beiden richtig geile Sachen gemacht. Sie haben sich richtig um die Spieler gekümmert, haben jeden Tag gefragt, wie es einem geht. Ich habe das bisher noch nicht erlebt, dass man so auf der gleichen Ebene mit dem Trainer ist. Wir könnten keinen besseren Trainer haben.


SPORT1: Die Twins waren zuletzt 1991 Meister. Ist Baldelli ein Trainer, mit dem man den Titel in den nächsten Jahren angreifen kann?

Kepler: Ja. Ich denke, wenn wir so weitermachen und auf dieser Saison aufbauen, ist der Himmel die Grenze. Die Mannschaft hat echt Potenzial. Wir haben einen ziemlich jungen Kern. Wir könnten noch ein paar Pitcher hinzufügen, aber ansonsten fehlt nicht viel. Wir müssen einfach Spaß am Sport haben, dann passieren die guten Sachen.

SPORT1: Sie haben dieses Jahr durch fünf Homeruns in Folge gegen den selben Pitcher, Trevor Bauer von den Cleveland Indians, für Furore gesorgt. Im Zuge dessen hat Baldelli gesagt, man müsse Sie öfter daran erinnern, dass Sie auch mal lachen dürfen. Sind Sie eher der ernste Typ auf dem Feld?

Kepler: Wenn ich auf meinen Modus stelle, bin ich halt in der Zone. Ich gebe alles, was ich habe. Jeden Tag. Lachen darf ich schon hier und da mal. Aber ich glaube, es bringt mich aus meinem Element, wenn ich die ganze Zeit lachen würde. Bei anderen Spielern geht das vielleicht einfacher. Aber ich konzentriere mich zu einhundert Prozent beim Spiel. Vielleicht bin ich daher den anderen gegenüber ein ernsterer Typ. Aber dieses Jahr hatten wir richtig Spaß und auch viel zu lachen.


SPORT1: Denken Sie ab und zu noch daran, wie alles begonnen hat? Den langen Weg aus Ihrem Geburtsort Berlin über die Regensburg Legionäre dorthin, wo Sie jetzt sind?

Kepler: Klar. Ich freue mich immer, die Chance zu bekommen, zurück zu den Stomping Grounds zu kommen. Also die Felder zu betreten, wo alles angefangen hat. Das bringt gute Erinnerungen zurück. Und auch zu sehen, wie ehrgeizig die Kinder sind, die wie ich damals den Sport hier beginnen.

"Es ist ein Sport, in dem du viel versagst"

SPORT1: Sie haben 2009 den Vertrag bei den Twins unterschrieben. Viele denken, damit hätte man es geschafft. Aber so ist es nicht. Im Gegenteil: Man fängt zunächst ganz unten im Farmsystem an. Jahrelang muss man sich nach oben arbeiten. Bei Ihnen waren es sechs Jahre. Haben Sie öfter mal daran gedacht, alles hinzuwerfen, bevor der große Erfolg kam?

Kepler: Ja. Ich habe mehrere Male daran gezweifelt, ob es überhaupt weitergeht. Ob ich meine Zukunft nicht in etwas Sicheres investieren soll. Ob ich vielleicht studieren gehen soll. Als Minor Leaguer spielt man in kleinen Städten, dort ist nicht so viel los. Man verdient weniger als ein McDonald's-Arbeiter. Ich habe viel und oft an meiner Karriere an Baseball und am Sport allgemein gezweifelt. Aber zum Glück hatte ich viel Unterstützung. Meine Eltern standen immer hinter mir. Sie haben immer gemeint, bring erst mal das zu Ende, was du angefangen hast. Nun ja, ich habe auf sie gehört und es hat sich gelohnt.


SPORT1: Wann kam zum ersten Mal der Zeitpunkt, an dem Sie wirklich geglaubt haben, es in die Major League schaffen zu können?

Kepler: Eigentlich nie. Ich habe nie wirklich daran gedacht, bis ich den Anruf bekommen habe. Ich war einfach Kind und habe Spaß am Baseball gehabt. Ich habe mich auf die Leute und die Mitspieler fokussiert, mit denen ich da war. Wie sagt man: 'Enjoy the journey together.' Aber ich war immer am Arbeiten und immer am Schuften, wollte immer besser werden und dann kam in Double A (die zweithöchste Stufe in der Minor League, d. Red.) der Anruf. Das war echt ein bisschen ein Schock. Es kam aus dem Nichts. Ich habe immer meinen Kopf unten gehalten und mich auf die kleinen Dinge konzentriert.

SPORT1: Nun sind Sie dort, wo Sie es vielleicht selbst nicht erwartet hätten. Der Erfolg ist da. Aber trotzdem ist es so, dass man noch immer Höhen und Tiefen durchwandert. Baseball ist ein schwieriger Sport, zumeist überwiegt der Misserfolg. Wie zieht man sich aus solchen Tiefs heraus?

Kepler: Das Projekt Mentalität im Baseball wird für mich nie vorbei sein. In diesem Aspekt will ich mich immer weiter verbessern. Beim Baseball ist das richtig schwer. Es ist ein Sport, in dem du viel versagst. 'Baseball is a game of failure', heißt es. Die besten Spieler sind mental immer zu einhundert Prozent dabei. Aber die Tiefs kommen und gehen, das ist Teil des Sports. Ich fokussiere mich nicht so krass darauf, dann dauern sie nur länger an. Ich konzentriere mich einfach auf meine Arbeit und die Kleinigkeiten und versuche mich nicht so auf die negativen Dinge einzulassen. Das ist halt schwer, weil es so viele gibt, aber gehört dazu.

SPORT1: Baseball ist in Deutschland nur Randsportart. Der Fußball steht über allem. Sie haben selbst in der Jugend bei Hertha BSC gespielt und gingen mit dem heutigen Wolfsburger Bundesliga-Profi John Anthony Brooks zur Schule. Verfolgen Sie noch, was im Fußball passiert?

Kepler: Ich versuche es. Es ist schwer wegen der Zeitverschiebung. Aber Fußball war sozusagen meine erste Liebe. Als ich in Berlin die Entscheidung getroffen habe, mit Baseball durchzuziehen, war mein Vater schon ein bisschen traurig, dass ich den Fußball aufgegeben habe. Aber ich verfolge es immer noch. Ich schaue gerne Champions League. Die Bundesliga zu verfolgen ist wegen des Zeitunterschieds schwierig. Aber Zusammenfassungen der Spiele gucke ich schon gerne an.

"Hertha wird immer Nummer eins sein"

SPORT1: Und dann schauen Sie noch auf die Hertha?

Kepler: Ja. Aber jetzt ist Union Berlin auch am Start. Dennoch wird Hertha immer Nummer eins sein.

SPORT1: Dann kennen Sie ja auch Zlatan Ibrahimovic. Er hat kürzlich seine Karriere bei LA Galaxy für beendet erklärt mit einem interessanten Zitat: 'Ich kam, ich sah, ich eroberte. (…) An die Galaxy-Fans: Ihr wolltet Zlatan, ich gab euch Zlatan. Gern geschehen. Die Geschichte geht weiter. Jetzt guckt wieder Baseball.' Was würden Sie ihm sagen, warum er vielleicht mal zum Baseball gehen sollte?

Kepler: Er kann machen, was er will. Ich gucke gerne Fußball. Ich gucke auch ihm gerne zu. Er ist ein krasser Spieler gewesen. Aber er hat eben ein unvergleichbares Ego, das man nirgends sonst finden kann.


SPORT1: Dann könnte er von der mentalen Stärke her auch mal etwas im Baseball anfangen...

Kepler: … auf jeden Fall. Aber ich glaube, er würde ein paar Schwierigkeiten haben. Jeder kann einen Fußball herumkicken. Aber den Schläger aufheben und den Ball treffen ist nicht so einfach. Also ich würde ihn schon gerne beim Baseball sehen.

SPORT1: Ein Jugend-Idol von Ihnen wird er also nicht gewesen sein. Zu wem haben Sie früher aufgeschaut?

Kepler: Beim Baseball zu Derek Jeter und Josh Hamilton.

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