Kiefer-Racing und die Bradl-Jahre: "Hat sofort gut harmoniert"

Juliane Ziegengeist
motorsport.com

Mit der vergangenen Moto2-Saison endete in der Motorrad-WM eine Ära. Kiefer-Racing, seit 2003 in der Meisterschaft vertreten und für die letzten großen deutschen Erfolge verantwortlich, schied aus der Rennserie aus. Das Team erhielt für diese Saison keinen Startplatz mehr, 2020 fährt es mit Lukas Tulovic in der Moto2-EM.

Als Kiefer-Racing 2003 in die 250er-Klasse der WM einstieg, "war das für uns ein Riesenerfolg", erinnert sich Teamchef Jochen Kiefer im Interview mit 'Motorsport.com'. "Wir haben schon relativ schnell, nach dem dritten Rennen, unsere ersten Punkte in der Weltmeisterschaft geholt, was für uns ein gnadenlos guter Erfolg war."

Gestartet war man zunächst mit einem Ein-Mann-Team aus Christian Gemmel, mit dem Kiefer-Racing ein Jahr zuvor die IDM 250 gewonnen hatte. "Im Jahr 2005 hatten wir dann Heidolf und Cortese am Start. Das war ein super Duo und eine schöne Zeit. Ich will diese Zeit nicht missen, und auch gerade die Zweitakt-Ära", sagt Kiefer.

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Kiefer: Techniker waren früher viel mehr gefragt

Im Vergleich zu heute sieht er deutliche Unterschiede: "Das war ein komplett anderes Arbeiten. Klar haben wir auch am Computer gesessen, aber das war zweitrangig. Wir haben primär unser Motorrad auf Vordermann gebracht, den Motor in alle Richtungen getunt und versucht, uns in der Entwicklung einen Vorteil zu erarbeiten."

Mittlerweile sei das in der Moto2 nicht mehr der Fall. "Wir haben Einheitsmotoren, wir haben Hersteller, die im Prinzip nicht wirklich viel erlauben, sodass man selbst mitentwickeln könnte als Team", analysiert der Kiefer-Teamchef. "Klar ist es wichtig, den Fahrer zu pushen und das Fahrwerk gut im Griff zu haben."

"Aber ich kann eben nicht mehr viel Leistung herausholen, wie es zu unseren Anfängen der Fall war. Damals haben wir teilweise Topspeed-Werte hingekriegt, die die Werksmotorräder nicht hinbekommen haben. Das war die Leistung, die wir am Motorrad selbst herausholen konnten. Diese Entwicklung gibt es heute gar nicht mehr."

2008: Erste Grand-Prix-Siege in Brünn und Japan

Umso schöner sind die Erinnerungen, die Kiefer mit damals verbindet - auch an die 125er-Klasse, in der man 2008 mit Stefan Bradl startete und bald Erfolge feiern konnte. "Wir haben relativ schnell gemerkt, dass wir gut harmonieren miteinander", sagt Kiefer rückblickend. "Wir hatten natürlich auch sehr, sehr gutes Material."

Schon im ersten Rennen stand Bradl als Dritter auf dem Podest. Beim Heimrennen auf dem Sachsenring wurde er Zweiter. Doch es kam noch besser für ihn und Kiefer-Racing: "Wir hatten tolle Siege, unsere ersten Grand-Prix-Siege in Brünn und Japan. Es war top. Und ich glaube, auch Stefan hat diese Jahre sehr genossen."

Bereits damals deutete sich das Potenzial des Deutschen an. "Sein Riesenvorteil war, er hat uns Technikern viel sagen können, hat unheimlich konkret was gespürt auf dem Motorrad", schwärmt Kiefer. "Wir haben gar keinen Computer gebraucht, er kam in die Box und sagte: Hier, in der und der Kurve, ist der Motor zu mager."

Wechsel in die Moto2 nach großem Widerstand

"Er hat ein unheimlich gutes Gefühl gehabt fürs Motorrad und von der Seite war mir schon klar, wir haben hier einen Fahrer, der das Motorrad versteht und der mit dem Team sehr gut umgehen kann. Dementsprechend haben wir gemerkt, dass wir vorne mitspielen können. Das Material von Aprilia war es ja sowieso gut", so Kiefer.

Trotzdem konnte man an die Erfolge von 2008 im Jahr darauf nicht anknüpfen: "Stefan hat 2008 super Rennen gefahren, war dann 2009 aber vielleicht zu sicher, dass es ein gutes Jahr wird, und hat das Ganze ein bisschen zu locker gesehen. Und dann hatte er wirklich zu kämpfen. Wir haben aber gesehen, dass eine Entwicklung da ist."

Deshalb entschloss sich Kiefer-Racing, 2010 mit Bradl in die neue Moto2-Klasse aufzusteigen. "Nach großem Widerstand von einigen Sponsoren und auch anderen Leuten, die gesagt haben, bleibt lieber in der 125er-Klasse", erinnert sich der Teamchef und erklärt, warum man den Schritt zum Wechsel trotzdem wagte.

Titelsaison: "Erste Jahreshälfte war gnadenlos"

"Ob Stefan, wenn wir ihn jetzt noch mal in die 125er schicken, wieder den Speed kriegt, den er 2008 hatte, war nicht klar. Deshalb haben wir gesagt, wir gehen den Schritt nach vorne, in die Moto2, in die neue Klasse", so Kiefer. Mit Erfolg: "Stefan kam mit dem größeren Motorrad sehr gut zurecht, hat sich kontinuierlich gesteigert."

Mit dem Wechsel zu Kalex platzte 2011 der Knoten: Bradl begann die Saison stark

Mit dem Wechsel zu Kalex platzte 2011 der Knoten: Bradl begann die Saison stark <span class="copyright">Motorsport Images</span>
Mit dem Wechsel zu Kalex platzte 2011 der Knoten: Bradl begann die Saison stark Motorsport Images

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In Estoril, dem vorletzten Rennen der Saison, feierte er seinen ersten Moto2-Sieg. Trotzdem entschied sich Kiefer-Racing, 2011 den Hersteller zu wechseln, von Suter auf Kalex. "Das hatte mehr damit zu tun, dass die Kalex zu dem Zeitpunkt nicht unbedingt das bessere Motorrad war, aber das einfachere für uns."

"Bei Suter kamen die Teile immer aus der Schweiz, wir mussten Zoll zahlen, das hat alles verzögert. Von der Seite war es einfacher, mit einem deutschen Hersteller zu arbeiten", erklärt Kiefer. "Dass Stefan dann so gut zurechtkommen würde mit der Kalex, hätten wir selbst nicht erwartet. Die erste Jahreshälfte war gnadenlos."

Gemischte Gefühle nach dem Titelerfolg 2011

In den ersten sechs Rennen stand der Deutsche fünfmal auf der Pole-Position und holte vier Siege. "Besser konnte es nicht laufen", sagt Kiefer. "Dann fingen wir natürlich auch an, darüber nachzudenken, dass wir Weltmeister werden könnten. Da ging's auch in der Psyche von Stefan los: Er hat gedacht, ich muss verwalten."

Zu dem Zeitpunkt hatte Bradl in der WM bereits einen satten Vorsprung, doch der schmolz in der zweiten Saisonhälfte immer weiter. "Da hat er angefangen zu verwalten und es ging nach hinten los. Man muss dazu sagen, Marquez wurde dann auch stärker und stärker, hat ihm immer mehr Paroli geboten", rekapituliert Kiefer das Titelduell.

Zum Schluss wurde es noch einmal knapp zwischen den beiden, Bradl hatte, auch aufgrund einer Verletzung von Marquez, aber das glücklichere Ende. Inmitten des tragischen Unfalltods von Marco Simoncelli in Malaysia und mit dem Wissen, dass Bradl das Team verlassen würde, waren die Gefühle bei Kiefer jedoch gemischt.

"Auf der einen Seite sind wir Weltmeister geworden, das war natürlich toll. Auf der anderen Seite wussten wir, dass wir mit dem Weltmeistertitel unseren Fahrer verloren haben - und auch unseren Hauptsponsor Viessmann. Denn es war klar kommuniziert, dass sie nur in der Kombination Bradl-Kiefer mitmachen. Das war sehr hart und schade."

Insofern sei es nicht einfach gewesen, diesen WM-Titel zu feiern. "Wir hatten eigentlich gar nicht so richtig Lust zu feiern, weil wir wussten, es geht so nicht weiter", gibt Kiefer zu. Tatsächlich konnte man an diese Erfolge in der Moto2 nicht mehr anknüpfen, dafür gelang in der Moto3 2015 noch einmal ein Titelgewinn.

Mit Bildmaterial von Motorsport Images.

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