Können Tiere eigentlich lügen?

Freie Journalistin
Yahoo Nachrichten Deutschland

Laut Duden ist eine Lüge eine “bewusst falsche, auf Täuschung angelegte Aussage“. Eben dieses geforderte Bewusstsein ist der Knackpunkt bei der Frage, ob außer Menschen auch Tiere in der Lage sind, andere überlegt zu täuschen. Die Wissenschaftler sind sich uneins.

Schmetterlinge passen sich ihrer Umgebung an, um sich zu schützen (Symbolbild: Getty Images)
Schmetterlinge passen sich ihrer Umgebung an, um sich zu schützen (Symbolbild: Getty Images)

In der Tierwelt ist vieles nicht so, wie es auf den ersten Blick scheint: Harmlose Schmetterlinge halten sich hungrige Vögel mit großen und bedrohlich aussehenden Scheinaugen auf den Flügeln vom Hals, Spannerraupen sehen aus wie abgestorbene Äste und damit für Fressfeinde wenig appetitlich und Hornissen versprechen sich Schutz von ihren Warnfarben. Mimikry heißt das in der Biologie und hat mit Lügen im eigentlichen Sinn wenig zu tun.

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Auch Tiere wenden Tricks an

Etwas anderes als die rein optische Gestaltung sind da schon bestimmte tierische Verhaltensweisen, mit denen Artgenossen und Feinde gleichermaßen hinters Licht geführt werden. Brüllaffen versuchen, Größe akustisch vorzugaukeln, Blauhäher ahmen akustisch Falken nach, um andere Vögel vom Futterhäuschen fernzuhalten und dann selbst zuzuschlagen.

Wie der Kuckuck jubelt auch der nordamerikanische Kuhstärling seine Eier anderen Vögeln unter, wer sich totstellt, wird von Raubtieren links liegen gelassen und männliche Schwalben halten ihre Partnerinnen vom Seitensprung ab, indem sie am Nest sitzend den Ruf eines Fressfeindes imitieren. Schnell eilt das Weibchen zurück und der Familienfrieden ist noch einmal gewahrt. Zudem wurden Vogelweibchen schon dabei beobachtet, wie sie auf dem Boden sitzend einen gebrochenen Flügel vortäuschten, um die Aufmerksamkeit eines Räubers vom Nest auf sich selbst zu lenken. Auch hierbei handelt es sich aber nicht um eine Lüge, sondern eher um ein angeborenes Verhaltensrepertoire.

Schimpansen sind ganz schön intelligent (Symbolbild: Getty Images)
Schimpansen sind ganz schön intelligent (Symbolbild: Getty Images)

Um Schlimmeres zu verhindern, täuschte ein Affe Verletzungen vor

Und dann gibt es da noch die Tiere, deren Handlungsweisen derart stark auf eine bewusste Täuschung hinweisen, dass selbst Wissenschaftler zumindest darüber diskutieren, ob man dabei von einer Lüge sprechen kann. In einem Zoo im niederländischen Arnhem zum Beispiel hatte sich ein Schimpanse namens Yeroen auf einen Kampf mit dem Alphamännchen eingelassen, dem er aber deutlich unterlegen war.

Nachdem das Schlimmste vorüber war, räumte Yeroen schleppend und humpelnd das Feld. Sein Gegner musste annehmen, dass er ihn schwer verletzt hatte und ließ von ihm ab. Allerdings beobachtete der Verhaltensbiologe Frans de Waal, dass Yeroen schon in dem Moment aufhörte zu humpeln, als er sich nicht mehr im Blickfeld des Rivalen befand. Clever, möchte man sagen.

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Dreist, vorausschauend, verlogen?

Das Paradebeispiel dafür, dass Tiere in der Lage sein könnten, bewusst zu lügen, ist aber ein junger Pavian namens Paul aus den südafrikanischen Drakensbergen. Prof. Richard Byrne von der schottischen Universität St. Andrews ertappte den jungen Affen dabei, wie er einem weiblichen Pavian das Essen in Form einer leckeren Knolle abluchste. Die Knolle vor Augen begann Paul so laut zu schreien, dass er damit seine Mutter alarmierte.

Für sie kam als einzige Bedrohung der Pavian mit der Knolle in Frage, der sich in unmittelbarer Nähe ihres Sohnes befand. Sie ging also direkt zum Angriff über, im Streit war die Knolle schnell vergessen und Paul stand schon bereit, sich das Futter unter den Nagel zu reißen. Kein Einzelfall, denn denselben Trick hatte auch schon Byrnes Kollege Andy Whiten bei Paul beobachtet. Offenbar hatte sich der Primat eine eigene Strategie zurechtgelegt, zu deren Gelingen er die Reaktion seiner Mutter voraussehen musste und sie für seine Zwecke instrumentalisierte.

Affen reagierten ähnlich wie vierjährige Kinder

Dass Affen sehr wohl in der Lage sind, sich in andere Lebewesen hineinzuversetzen und dadurch auch deren Handlungen vorauszusehen, wollten auch Wissenschaftler der Universität Harvard beweisen. Dafür führten sie mit Tamarin-Affen einen Test durch, der im Normalfall bei Kindern zum Einsatz kommt. Dabei legt eine Person einen Gegenstand unter einen von mehreren Behältern und geht weg. Eine andere Person betritt den Raum, nimmt den Gegenstand und legt ihn unter einen anderen Behälter.

Etwa ab vier Jahren sind Kinder in der Lage vorauszusehen, dass die erste Person bei ihrer Rückkehr den Gegenstand dort vermutet, wo sie ihn abgelegt hat. Die Kinder haben verstanden, dass andere Menschen Dinge nicht wissen können, die sie selbst wissen. Um bewusst zu lügen, braucht man die Erkenntnis, dass andere von falschen Annahmen ausgehen können. Und das taten die Tamarin-Affen in dem Test.

Webseite Chimpandsee.org: Schimpansen beobachten und Tierforschern helfen

Kognitive Leistung oder die Methode Versuch und Irrtum?

Wieder andere Wissenschaftler gehen davon aus, dass Tiere nicht etwa über eine kognitive Leistung zum Erfolg kommen, sondern eher durch Trial and Error. Hat etwas einmal funktioniert, machen sie es wieder. Exemplarisch hierfür steht der Hund, der sich vor die Tür stellt und bellt. Sein Besitzer steht von der Couch auf und geht zur Tür, weil er denkt, Besuch zu bekommen. Und der Hund flitscht schnell an ihm vorbei, um sich selbst auf dem Sofa niederzulassen.

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