Kommentar: 2020 muss das Jahr der Verbote werden

Jan RübelReporter
Noch schlummert es still in Kisten: Feuerwerk in einem Warenlager (Bild: Getty Images)
Noch schlummert es still in Kisten: Feuerwerk in einem Warenlager (Bild: Getty Images)

Privat kriegen wir es nicht auf die Reihe: Der Mensch schafft kaum die Kurve – beim Umweltschutz, bei Menschenrechten und vielem mehr. Daher braucht es für 2020 einen stärkeren Staat.

Ein Kommentar von Jan Rübel

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Meine private Silvestererinnerung ist eine an drei Feuerwehrleute. Es war kurz nach zwölf, der schwere Leiterwagen hielt am Straßenrand, die drei stiegen aus und inhalierten den Rauch ihrer Zigaretten sowie den der Böller und Raketen. Eine kurze Pause zwischendurch. Sie machten ein Selfie, stiegen wieder ein und rasten mit Blaulicht zum nächsten Tatort.

Tatort Silvester: Es war mal wieder Irrsinn, oder?

Meine Kameraaufnahme vom abfahrenden Feuerwehrauto verschickte ich dann als Neujahrsgruß aus Berlin. Die Bilanz der Berliner Silvesternacht dokumentiert der „Checkpoint“-Newsletter des „Tagesspiegel“ so: „3065 Notrufe gingen bei der Polizei ein (Vorjahr: 2979), daraus resultierten 2039 Einsätze (300 mehr als im Vorjahr) – für den Lagedienst ‚der normale Wahnsinn‘. Die Feuerwehr rückte zu 1523 Einsätzen aus, an 617 Orten brannte es. Im Unfallkrankenhaus Berlin wurden 15 Schwerverletzte behandelt, darunter 4 Kinder unter 10 Jahren. Die zwei neuen Böllerverbotszonen (Alexanderplatz, Pallasstraße) konnten von der Polizei mit Hilfe von 2000 zusätzlichen Kräften und einem Wasserwerfer erfolgreich verteidigt werden. Die ‚gute Nachricht‘ laut Polizei: Trotz vieler Angriffe mit Knallkörpern, Raketen und Schreckschusspistolen gab es ‚keine schwerverletzten Polizisten oder Feuerwehrleute‘.“

Knall- und Feuerspiele zur Begrüßung des neuen Jahres haben eine lange Tradition, sie sollten böse Geister vertreiben. Und, okay, böse Geister, die wir gerufen haben, gibt es auch heute viele – denken wir nur an den Klimawandel. Aber mir kommen doch Zweifel auf, ob wir den Klimawandel wirksam bekämpfen, wenn wir ihn mit Böllern und Raketen bekämpfen. Im Gegenteil.

Eine Schieflage in Schall und Rauch

In Berlin hatte ich nicht den Eindruck, dass es um Traditionspflege ging, mehr um ein Bürgerkriegsspiel. Um Aggressionsabbau. Um das Fühlen von etwas Leibhaftigem und Gewaltigen – jenseits des Starrens auf kleine und große Bildschirme.

Und wie in der Hauptstadt wird es auch anderswo in Deutschland gewesen sein. Ich will mir die gesamten Zahlen, wie viel Feinstaub wir über die Feuerwerke in den Himmel gepustet haben, in einer einzigen Nacht, gar nicht ansehen.

Berlin gleicht zu Silvester regelmäßig einem Schlachtfeld (Bild: Reuters/Michele Tantussi)
Berlin gleicht zu Silvester regelmäßig einem Schlachtfeld (Bild: Reuters/Michele Tantussi)

Das Gejammer über Feuerwerke hat in Deutschland auch Tradition. Muss das denn sein?, fragten schon die Eltern früher und zogen sich zum Punsch zurück. „Brot statt Böller“, leierten die Kirchen und kritisierten damit die „falsche Verwendung“ von Geld.

Schluss mit lustig kann auch lustig sein

Doch heute ist es anders. Heute steht das Feuerwerk, unheimlich konkret und wahrhaftig, für das, was schief geht. Der Buden- und Straßenzauber ist das Symbol für die Unfähigkeit des Menschen, aus freiwilligem Antrieb das Leben derart umzustellen, dass seine Gattung auf diesem Planeten noch eine Zukunft hat – ohne sich in Tunnel zu verkriechen oder auf einen anderen Planeten zu schießen; dafür reicht der derzeitige Stand der Pyrotechnik noch nicht aus.

Ein besonders krasses Symbol für dieses Versagen bot die Stadt Sydney in Australien. Auf dem Kontinent lodern seit Monaten Buschfeuer, sie sind außer Kontrolle; es herrschen heißeste Sommertemperaturen und Trockenheiten „ever“, wie man auf Neudeutsch sagen würde. Noch in der Silvesternacht starb ein Mann in seinem Auto. Ortschaften und Städte werden evakuiert. Aber Sydney wollte nicht auf das international bekannte Großfeuerwerk verzichten. Genau genommen ging es um die Einnahmen, auf die man nicht verzichten wollte. Das möchte man in der Politik nicht so sagen, daher bezeichnete die Bürgermeisterin von Sydney das Feuerwerk als „Hoffnung in einer furchtbaren Zeit“. An dieser Stelle wäre eine Strandumfrage interessant, bei all jenen, die dort verharren müssen, weil die Feuer ihnen die Fluchtwege abgeschnitten haben.

Auch 2019 gab es in Deutschland kurz vor Silvester eine Sinndebatte übers Böllern. Was würde Greta Thunberg dazu sagen, wurde gefragt. Doch gefruchtet hat es nicht. Es wurde draufgehalten, wenn nicht noch mehr.

Deshalb muss 2020 ein Jahr des Durchregierens werden. Wir Bürger kriegen es freiwillig nicht auf die Reihe. Verbote müssen her. Weg mit Böllern und mit Klagemöglichkeiten gegen Windräder. Her mit Tempolimit und deftigen Auflagen für Produzenten und Verbraucher. Weg mit dem Diesel und her mit Elektroautos sowie Radwegen; harte Strafen für Pöbeln und Hass im Netz. Ob damit das Ende der Spaßrepublik ausgerufen würde, werden wir ja sehen. Denn zu lachen wird uns schon gelingen. Da bin ich optimistisch.

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