Kommentar: Keine Impfpriorisierung – Welcome to the Jungle

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Impfszene in Tel Aviv: So weit wie in Israel wäre man in Deutschland gern (Bild: REUTERS/Corinna Kern)
Impfszene in Tel Aviv: So weit wie in Israel wäre man in Deutschland gern (Bild: REUTERS/Corinna Kern)

Hausärzte sind ab der kommenden Woche nicht mehr an die Vorgaben gebunden, wen sie gegen Corona impfen sollen. Diese Unverantwortlichkeit verstärkt die Spaltungen in Deutschland.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Eine ganz billige Nummer übt gerade die Politik ein. In eigentlich allen Bundesländern soll für Haus- und Betriebsärzte die Priorisierung wegfallen, nach der sie Patienten gegen eine Covid-Erkrankung impfen sollen. Die Landesregierungen verkaufen dies als frohe Botschaft. In Wirklichkeit aber machen sie sich dadurch nur einen schlanken Fuß und treiben Keile in die Gesellschaft.

Denn nun öffnen sich Türen für Missbrauch und Vetternwirtschaft – und dass diejenigen diskriminiert werden und sich hintenanstellen müssen, die nicht über die nötigen Kontakte, das nötige Wissen, die nötigen Sprachkenntnisse oder die nötige Hartnäckigkeit in eigener Sache verfügen. Es ist zum Heulen.

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Impfpriorisierung, das bedeutet eine Einteilung in Bedürftigkeiten. Leute, die in Berufen mit viel Körperkontakt arbeiten, oder die bei einer Ansteckung besonders heftig erkranken könnten – sie sollten bevorzugt die Spritze kriegen.

Eine Aufhebung dieser Priorisierung würde nur Sinn machen, wenn ausreichend Vakzine zur Verfügung stehen würden; wenn es also darum ginge, jetzt möglichst schnell möglichst viel von dem Zeug unters Volk zu bringen, um eine Massenimmunisierung hinzukriegen. Doch all dies ist noch längst nicht der Fall.

Notstand beim Doc

Die Hausarztpraxen, die in den vergangenen Tagen die von der Priorisierung bereits befreiten Astra-Zeneca-Stoffe verspritzen, existieren im Ausnahmezustand. Der Andrang ist riesig, das Personal wird gestresst und überfordert – und natürlich ist längst nicht so viel an Vakzinen da, wie gegeben werden könnte. Schon jetzt verknappen sich wieder Lieferungen, dass selbst zugesagte Termine womöglich nicht eingehalten werden können, dass Wartelisten bis zum Sanktnimmerleinstag entstehen und dass manche Zweitimpfung terminlich zu wackeln beginnt. Und in dieses Chaos hinein lachen sich die Gesundheitsbehörden und geben weitere Freigaben.

Tatsächlich ist es gut, dass nun Hausärzte spritzen. Aber eine direkte Kontrolle der Ausgabe muss her. Denn schon jetzt häufen sich die Meldungen, nach denen manche Ärzte nach Gutdünken verfahren – und nicht nach Bedürftigkeit.

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Allein in meinem Bekanntenkreis habe ich von einer Ärztin gehört, die selbst Nachbarn gefragt habe, ob sie mit Biontech geimpft werden wollen, sie hat das Zeug ja. Oder von einer Studentin, die habe gesagt: Ich bin schon geimpft, mein Papa ist Arzt.

Flucht vor der Pflicht

Warum sollte in solch einer Situation jede Kontrolle wegfallen? Darüber hinaus verschärfen sich die sozialen Spaltungen. Es ist leider so, dass sich ärmere Schichten weniger offensiv um Impftermine bemühen. Die bisherigen Gewinner unserer gesellschaftlichen Entwicklung im Zuge der Digitalisierung und Globalisierung sind auch nun die ersten, die sich in den Arztpraxen zum Impfen breitmachen. Es sind die Träger der so genannten „Wissensökonomie“, Leute wie ich, zum Beispiel.

Die Politik denkt vielleicht, mit dieser Freigabe zu punkten. Aber sie kümmert sich damit noch weniger um jene, die den Staat noch mehr brauchen als andere. Dieser Schritt ist ein Offenbarungseid.

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