Kommentar: Die Todesopfer des US-Iran-Konflikts

Jan RübelReporter
Reste der bei Teheran abgestürzten Passagiermaschine (Bild: Getty Images)
Reste der bei Teheran abgestürzten Passagiermaschine (Bild: Getty Images)

Die bei Teheran abgestürzte Boeing wurde womöglich abgeschossen. USA und Iran wollen keine Eskalation. Aber die bereits gezeigte Gewalt fordert ihre Opfer.

Ein Kommentar von Jan Rübel

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Klar, das hat keiner gewollt. Die Hinweise häufen sich, dass die Boeing 737 der ukrainischen Fluggesellschaft UIA aus Versehen abgeschossen wurde. Alle 176 Menschen an Bord starben. Womöglich hielten nervöse iranische Soldaten die Passagiermaschine für einen Angriff auf den Teheraner Flughafen – der Iran hatte gerade selbst Lager der US-Streitkräfte im Irak mit Raketen beschossen, befand sich im Alarmzustand und befürchtete einen Gegenschlag.

Es hat auch keiner gewollt, dass es im iranischen Kerman am vergangenen Dienstag zu einer Massenpanik kam: Bei den Trauerfeierlichkeiten für den aus Kerman stammenden General Kassem Soleimani - letztlich eine Inszenierung im Propagandakrieg -, starben im Gemenge über 50 Menschen.

Alles ungewollte Opfer. So genannte Kollateralschäden. Und Folgen einer Politik, die auf Gewalt setzt. Denn dann sind Zivilisten immer die ersten Opfer. Besser also, man fängt mit dem Militärischen gar nicht erst an.

Nervosität und Krise

Bis zum Beginn des vorigen Jahrhunderts liefen Kriege anders ab: 90 Prozent der Getöteten und Verletzten waren Soldaten. Das hat sich heute ins Gegenteil verkehrt.

Die Toten bei Teheran und in Kerman sind nicht Khameneis Tote, sie sind auch nicht Trumps Tote. Aber würde das iranische Regime keine Außenpolitik in Form von Terrorpolitik machen und hätte sich der US-Präsident in seiner Launenhaftigkeit nicht für den Drohnenangriff auf Soleimani als Vergeltung entschieden – es wäre keiner dieser Zivilisten gestorben.

Stehen die Zeichen erstmal auf Krise, steigern sich die Nervosität und die Fehleranfälligkeit. Passagiermaschinen verwandeln sich dann zu fliegenden Zielscheiben.

2014 wurde über der Ukraine ein Flug der Malaysia Airlines abgeschossen, womöglich aus Versehen, die Verantwortlichen schweigen noch immer; rund 300 Menschen starben.

2001 kam es bei einem Manöver in der Ukraine zu einem Unfall: Zwei Raketen sollten eine Zieldrohne treffen, aber die zweite suchte sich ein anderes Ziel – eine Tupolew Tu-154 mit 78 Menschen an Bord.

1988 starben 290 Menschen an Bord eines Airbus der Iran Air, weil ein US-Kriegsschiff die Maschine für einen Angriff hielt.

1983 deuteten sowjetische Kampfpiloten einen Jumbojet der Korean Airlines als Militärflugzeug – dabei war die Maschine wahrscheinlich nur aus Versehen in den sowjetischen Luftraum eingedrungen, wurde aber attackiert. 269 Menschen starben.

Und 1973 drang eine Boeing 727 der Libyan Airlines durch einen Navigationsfehler in den Luftraum des israelisch besetzten Sinai ein und wurde abgeschossen.

Gewalt ist eine schlechte Lösung

Die Liste ist längst nicht am Ende. Und sie dokumentiert, wie wichtig Bemühungen zur Entspannung sind, wenn Konflikte drohen in Gewalt umzuschlagen. Krieg als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln war, ist und bleibt eine schlechte Lösung. Auch wenn das die Falken dieser Welt ungern hören. Aber sie zahlen in der Regel ja auch nicht die Zeche.

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