Kommentar: Dieses blöde Nazi-Corona

Jan Rübel
·Reporter
·Lesedauer: 4 Min.
Wegen geplanter Demos ist das Gelände um den Reichstag abgesperrt. (Bild: REUTERS/Thomas Peter)
Wegen geplanter Demos ist das Gelände um den Reichstag abgesperrt. (Bild: REUTERS/Thomas Peter)

Heute wird vorm Reichstag demonstriert – und mit Vergleichen zur deutschen Vergangenheit nicht gespart. Das ist bestenfalls dumm und ignorant.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Wenn der Wendler spricht, ist es mittlerweile auch egal: Ein Schlagersänger ruft die Bundesregierung vom fernen Florida aus zum Rücktritt auf. Das wird Angela Merkel heute wohl nicht vorhaben. Und auch Gesundheitsminister Jens Spahn plant keine vorzeitige Pensionierung – und nein, die heimliche Herrschaft in einer Gesundheitsdiktatur peilt er auch nicht an.

Warum nicht? Weil es dafür nicht den Hauch eines klitzekleinen Hinweises gibt, außer den Gedanken von Leuten, die ernst zu nehmen unheimlich schwerfällt, sorry, womit wir wieder beim Wendler wären.

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Heute wird also vorm Reichstag demonstriert, weil einige Bürger befürchten, dort würde ein „Ermächtigungsgesetz“, wie sie sagen, beschlossen. Also ein Beschluss zur Entmachtung der demokratischen Kontrolle, wie er die Nazi-Herrschaft 1933 zementierte. Es werden auch wieder Leute in Berlin rumlaufen, die sich gelbe Sterne mit dem Aufdruck „Ungeimpft“ anheften, und in Karlsruhe bedauerte ein elfjähriges Mädchen auf der Bühne, dass es sich vorgekommen sei wie Anne Frank, weil es seinen Kindergeburtstag heimlich habe feiern müssen. Sie habe Angst gehabt, dass Nachbarn ihre Geburtstagsfeier „verpetzen“. Sie habe sich wie das jüdische Mädchen gefühlt. Anne Frank musste sich während der Naziherrschaft mit ihrer Familie auf einem Dachboden verstecken, um dem Völkermord zu entgehen – leider wurde sie dennoch entdeckt und starb in einem KZ.

Versuchen wir das mal zu ordnen. Ganz ohne Schaum vorm Mund.

Eine Verkleidung für Egoismus

Eine Geburtstagsparty ist anders als ein Überlebenskampf. Bestenfalls offenbart das Mädchen krasses Unwissen. Jedenfalls offenbart solch ein Denken eine Pobackenmentalität:

  • Was mein Wohlbefinden definiert, entscheide ich.

  • Mein Wohlbefinden ist mir das wichtigste.

  • Die Mitmenschen sind mir egal.

Und um die Monstrosität dieses Egoismus irgendwie zu rechtfertigen, wird der Nazivergleich hervorgeholt.

Wie so eine richtige Sause geht, demonstrierte übrigens eine Frau in Ladispoli, eine Stadt in der Nähe Roms. Sie hatte zwar Symptome von Covid-19, wollte aber den Kindergeburtstag ihres achtjährigen Sohnes nicht verderben und lud 60 Gäste ein. Eine Mutter, die dann ihren Sohn abholte, steckte sich mit Covid-19 an und infizierte die Großmutter, welche verstarb. Merke: Corona-Party = Tod. Zumindest für einige wenige. Ist es das uns wert?

Und die Leute mit dem „Judenstern“: Den mussten früher Juden tragen, um sie auszusondern, sie zu diskriminieren, sie für „anders“ zu erklären, obwohl sie es nicht waren. Der Umstand, dass jemand nicht geimpft ist oder sein wird, macht ihn nicht zu einer diskriminierten Person. Im Gegenteil, wenn ein Impfstoff gegen Covid-19 endlich auf den Markt kommt, wird er eh nicht für all jene reichen, die ihn haben wollen. Umso besser also, wenn einige ihn nicht wollen. Warum also dieses Mimimi und Opfergehabe?

Und zum „Ermächtigungsgesetz“: Als dies 1933 vom Reichstag verabschiedet wurde, hatten die Nazis schon mit nicht wenigen Abgeordneten kurzen Prozess gemacht, und zwar mit brutaler Gewalt. Das Gesetz sah vor, der Regierung in der Zukunft und grundsätzlich nicht mehr auf die Finger zu schauen, die parlamentarische Kontrolle aufzulösen. Wo und wie geschieht das gerade? Welche Abgeordneten werden gerade misshandelt? Und was steht im dritten Infektionsgesetz, das heute verhandelt wird und von einigen als „Ermächtigungsgesetz“ beschimpft wird?

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Man muss schon hinschauen: Nichts anderes steht dort drin, was schon seit März in Deutschland gilt. Keine Verschärfung von Maßnahmen, sondern eine erneute Formulierung von parlamentarischer Seite, was bisher Landesregierungen per Dekret vollzogen. Um nichts anderes geht es. Und keinesfalls um mehr.

Will da jemand was nicht wahrhaben?

Wer also all diese Nazivergleiche bemüht, ignoriert die Fakten unserer deutschen Geschichte. Und relativiert sie dadurch. Es ist ein Versuch, ob bewusst oder unbewusst, deutsche Geschichte kleinzureden. Ich kriege keine Party? Anne Frank! Ich will mich nicht impfen lassen? Ab ins Ghetto! Der Bundestag regelt das Pandemienmanagement? Diktatur!

Es ist armselig. Gerade weil dieses Infektionsschutzgesetz heftig im Parlament debattiert wird, ist es ein Beweis unserer Demokratie. Gerade weil die Bundesregierung sich bisher mit den Ministerpräsidentinnen nicht auf einen weiteren Fahrplan verständigen konnte, ist dies ein Beweis für unsere Demokratie. Demokratie ist auch, dass vor dem Reichstag ein Katzenjammer erlaubt wird, wie es ihn heute gibt.

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