Kommentar: Hygiene-Demos sind unanständig

Jan RübelReporter
Yahoo Nachrichten Deutschland
Es gibt immer wieder Demos gegen die Corona-Beschränkungen. (Bild: Sean Gallup/Getty Images)
Es gibt immer wieder Demos gegen die Corona-Beschränkungen. (Bild: Sean Gallup/Getty Images)

Am Samstag wird wieder demonstriert. Gegen eine Menge Themen. Das ist gutes Recht. Aber auch bedenklich.

Scrollen, um mit dem Inhalt fortzufahren
Anzeige

Ein Kommentar von Jan Rübel

Achtung, gleich zu Anfang ein Warnhinweis: Diese Kolumne kritisiert demokratische Tugenden. Ein wenig totalitär wird es auch. Aber man muss nicht gleich die Bürgerwehr rufen. Und Bill Gates ist auch nicht schuld daran, Hand aufs Herz.

Eigentlich finde ich Demos gut. Aber die samstäglichen Demos, die es gerade in Deutschland gibt, sind nicht mein Geschmack. Die Teilnehmer eint, dass sie für eine Lockerung der coronabedingten Einschränkungen sind, und dass sie etwas befürchten.

Über Lockerung lässt sich streiten, das tun wir alle auch, und letztlich finde ich: Es ist am besten auf den Rat von denjenigen zu hören, die sich mit Viren am besten auskennen. Das macht mich nicht blind oder hörig. Eher versuche ich an jene zu denken, die nicht wie ich nicht zu einer Risikogruppe gehören und keine Lust verspüren, an einem Virus elendig zu ersticken.

Lesen Sie auch: Sorge vor Radikalisierung des Protests gegen Corona-Regeln

Wofür und wogegen eigentlich?

Also: Grund Nummer Eins fällt für mich aus. Grund Nummer Zwei, diese Befürchtungen verschiedener Art, kommt für mich auch nicht in Frage. Der Rechtsstaat ist bisher nicht in Gefahr geraten. Ich sehe auch eine Menge Freiheit um mich herum. Ich weiß, dass über die Taten der Gates-Stiftung einiges zu diskutieren ist, weiß aber auch: Alles, was über Gates im Zusammenhang mit Corona erzählt wird, ist hirnfrei. Im Übrigen finde ich Impfschutz eine prima Errungenschaft der Menschheit. Habe also samstags nichts auf einer dieser Demos zu tun.

Coronavirus: Diese Internetseiten und Hotlines sollte man kennen

Ich finde diese Demos auch unanständig. Wer dorthin geht, handelt nicht gut. Zum einen wird dort auf die Sicherheitsabstände gespuckt, das ist verantwortungslos: Wer sich willentlich mit Corona anstecken will, soll das gern tun. Aber warum dann andere anstecken, die wiederum andere infizieren, deren Nachbar dann auf dem Sterbebett haucht: Danke, Demo?

Zum anderen finde ich die Teilnahme an diesen Demos unanständig, weil man mit Nazis und Antisemiten nicht demonstriert, jedenfalls nicht wegen diesen EINSCHRÄNKUNGEN. Falls es mal eine Invasion von Aliens geben sollte, und diese uns fies besetzen und unterdrücken würden, also mit Kindern in Kerkern und Blut und der ganze Quatsch – dagegen würde ich sogar mit Nazis demonstrieren. Darunter wohl kaum.

Nein, viele der Samstag-Protestierer sind keine Nazis, keine Rassisten und keine Antisemiten. Aber sie laufen mit denen, hören sich ihre Reden an – und von denen sind es nicht wenige. Das wissen wir alle.

Auch mal an die Anderen denken?

Wer also seine Bedenken gegen Impfungen auf die Straße bringen will, mag das tun. Aber bitte in den notwendigen Abständen, und nicht mit Hitlerfans.

Im Übrigen sind es ja nicht die Gastronomen und Friseure, die auf die Straße gehen. Die würde ich verstehen, die Einschränkungen gehen an ihre berufliche Existenz, es ist zum Verzweifeln. Aber auf der Straße sehe ich Leute, deren Befürchtungen in lauter Luftschlösser eingeschlossen sind.

Lesen Sie auch: Quarantäne-Regeln für Einreise nach Deutschland gelockert

Daher kann ich mit den Warnungen vor einer Pegida-Falle nichts anfangen. Wer jetzt alle Demonstranten über einen Kamm schere, heißt es, schreibe „Hygiene“ und „widerstand2020“ nur groß, leiste einen Beitrag zur Radikalisierung – so wie in den Anfängen von Pegida, als Journalisten diese Demos sofort in eine eindeutig braune Ecke gestellt hätten.

Ich finde: Jeder, der damals anfangs auf eine Pegida-Demo ging, muss nicht gleich Nazi gewesen sein. Natürlich nicht. Aber jeder wird mit etwas ein Problem gehabt haben, was kein Problem sein sollte. Genauso verhält es sich mit den samstäglichen Demos unserer Zeit: Jeder, der dort mitmacht, hat ein Problem mit etwas, das keines ist. Das er nicht haben sollte. Über dieses Problem kann man ja reden. Streiten. Aber nicht so.

Corona-Krise: Die aktuellen Entwicklungen gibt’s hier

Lesen Sie auch